Full text: Hessenland (27.1913)

262 sî, 
Gedichte von Heinrich Bertelmann. 
Gsanna. 
Din deine bebende, sorgende Seele, 
Ruhlos losende Stadt, 
Daß mir ketns die Stunde verfehle, 
Die es aus Gottes Gnaden hat. 
Gb ich auch lästig dir werde und quäle, 
Gb du auch sagst, ich habe dich satt, 
Ruf' ich dennoch — ein stammelnd Kind, 
Froh hinein in Nacht und Wind: 
Gsanna. 
Wenn über Dächer dem jungen Tage 
Klingt im Ghre der Schrei nach Brot, 
Misch ich mich ein mit ehernem Schlage. 
Jeder mit seiner lieben Not 
Steht dann lauschend, was ich wohl sage. 
Jauchzend sing' ich ins Morgenrot 
Immer wieder die alte Weise, 
Damit ich den Herrn des Himmels preise 
Gsanna. 
Blutig klafft so manche Wunde 
In der Tage heißem Streit. 
Bange zähle ich Stunde um Stunde 
Jeden Tropfen bittres Leid. 
Dennoch aus vollen Bechers Munde 
Meiner Lieder Herrlichkeit 
Schütt' ich hinein in das Jammern und Klagen, 
Weih immer eins nur zu singen, zu sagen: 
Gsanna. 
Alles, was auf der Erde irrt, 
Einmal wird es zum Ziel gebracht. 
Hat sich dein Lebensfaden verwirrt, 
Hast du dir Kummer und Sorge gemacht, 
Ist einer droben, der's lösen wird: 
Der da rief: Es ist vollbracht! 
Geht dann dein müdes Herz zur Ruh, 
Singen wir beide, ich und du: 
Gsanna. 
^ 
Angedruckte Briese Ernst 
Von Hans 
Der 15. September 1831. 
Der grohe Tag — vergiß ihn nicht — 
Wie Morgenlicht 
Brach er ins Land, 
Das heiß ersehnte Recht an heil'ger Hand. 
Das gute Recht, des Volkes Hort, 
Zu Throne trat's mit freiem Wort, 
Heischt kühn sein Erdasyl. — 
Am Friedrichsplatze, welch Gewühl! 
Mann hinter Mann 
In dumpfem Bann 
Starrt bang zum Fürstenhaus. — 
Am Fenster regt sich's: Wer schaut hcraus? — 
Das ist der Herbold, wahrhaftig, kein Trug. 
Und er winkt mit weißem Taschentuch, 
Er winkt. — Hurra, wir wissen genug! 
Der Freiheit Tor ward aufgetan. 
Nun vorwärts, aufwärts! Dem Recht eine Bahn! 
Nun bindet Volk und Thron das Recht. 
Vergiß es nicht, du junges Geschlecht. 
Am Denkmal Schomburgs. 
Dein Name wird stets da zu lesen sein. 
Wo Recht und Freiheit sich zum Throne wagen, 
Von Wahrheit und von Gottvertrau'n getragen, 
Wo Treu' und Demut Männertalen weih'n. 
Dein Wesen stand wie lichter Sonnenschein 
Gb Kassels trüben, arg verworr'nen Tagen. 
Du opfertest dich selber sonder Zagen, 
Als Friedensstifter schritt'st du durch die Reih'n. 
Du buhltest nicht um Lohn und Gunst. Dir war 
Die Arbeit Lohn, die Bürger glücklich macht. 
An deines Hauses heiligem Altar, 
Da Liebe fromm entgegen dir gelacht. 
Schien dir des Schicksals Dunkel ewig klar, 
Und einen Sieger hüllt' die Todesnacht. 
Kochs an Karl Altmüller. 
Altmüller. 
Ich teile im Folgenden die vorhandenen Bruchstücke 
eines Briefwechsels mit, der, wenn er vollständig wäre, 
ein noch weit wertvolleres Dokument zur hessischen Litte 
raturgeschichte sein würde, als er es auch in der vor 
liegenden Gestalt ist. Es handelt sich um die Korrespon 
denz zwischen Ernst Koch und Karl Altmüller, die leider 
nur bruchstückweise erhalten ist, da, wie eine Anfrage 
bei den Hinterbliebenen Ernst Kochs ergeben hat, die 
Briefe Altmüllers bedauerlicherweise verloren gegangen 
sind. Doch spiegeln sie sich einigermaßen in den Ant 
worten Ernst .üochs, der sich auch hier als den echten 
Verfasser des „Prinz Rosa-Stramin" erweist. 
Zwar der viel ältere von beiden, erscheint er doch als 
der ungleich leichtere und weichere Charakter, bis zu 
seinem Ende, wie ebenfalls diese Briese dartun, an der 
ungestillten Sehnsucht nach der Heimat und nach dem 
unmittelbaren Verständnis seines Wesens krankend. Es 
ist beiderseits ein rührendes und immer innigeres Ver 
hältnis, was die zwei Freunde verbindet, die wie kaum 
noch Andere wahre Hessendichter gewesen sind (worunter 
ich z. B. auch das Gegenteil von Streber verstehe, was 
etwa Dingelstedt war), und von denen der jüngere den 
Ruhm des älteren zunächst ganz allein geschaffen har. 
H. A.
	        

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