Full text: Hessenland (27.1913)

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Zu Kassels Tausendjahrfeier. 
Bon Paul Heidelbach. 
Kassel, die einstige kurfürstliche Residenz, 
rüstet sich für die Septembertage zu glanz 
voller Iahrtausendfeier. Gleichsam als Auf 
takt dieser Festtage wurde am 15. Juni eine 
bis Ende August währende deutsche Kunst 
ausstellung im Grangerieschlosse eröffnet. Die 
Weihe des neuen Landesmuseums bildete ein 
weiteres bedeutsames Ereigllis dieses Jahres. 
Aus allen Teilen der Erde, namentlich aus 
der neuen Welt, haben sich die alten Kasselaner 
in Hellen Haufen zum Geburtsfest ihrer Vater 
stadt angemeldet, und auch sonst wird die 
Stadt des „Herkules" und der weitberühmten 
Gemäldegalerie in diesen Herbsttagen eine 
besonders starke Anziehung ausüben. 
Trotzdem Kassel nicht zu den alten Städten 
gehört, liegen die Anfänge seiner Geschichte 
noch im Dunkel. Richt eimal sein Name läßt sich 
restlos deuten. Tn die Geschichte tritt Kassel als 
fränkischer Königshof, auf demKönig Konrad I. 
am 18. Februar 913 urkundete und sich ein 
Menschenaller später auch Kaiser Gtto I. aufhielt. 
Tm Jahre 1008 überschrieb der frömmelnde 
Kaiser Heinrich 11. diesen seinen im Hessen 
gau belegenen Eigenhof zu Kassel dem von 
seiner Gemahlin Kunigunde begründeten be 
nachbarten Kloster Kaufungen. Dann kam 
der Besitz wieder in die weltlichen Hände der 
Grafen von Gudensberg, von denen er durch 
Vererbung auf die Landgrafen von Thüringen 
überging. Als 1247 der Mannesstamm der 
Landgrafen von Thüringen ausstarb, wurde 
Heinrich 1. vom Brabanter Stamme, ein Enkel 
der heiligen Elisabeth, erster Landgraf von 
Hessen und verlegte seine Residenz nach Kassel, 
das im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts 
Stadtrechte erhielt. Unter Landgraf Philipp 
dem Großmütigen legte eine durch die Un 
vorsichtigkeit einer Frau am Müllertor ver 
ursachte Feuersbrunst ein Drittel der Stadt in 
Asche. Kaum war seit dem Wiederaufbau der 
Häuser die unter Philipp vollzogene Befesti 
gung der Stadt vollendet, so wurden auch 
schon während dessen Gefangenschaft auf Befehl 
des Kaisers Karl V sämtliche Festungswerke 
wieder geschleift. Erst 1559 war die umfang 
reiche Neubefestigung vollendet. Trotz mancher 
lei schweren Schicksalsschlägen blühte Kassel in 
aufftrebender Entwicklung empor. Es blieb 
unter dem starken Schuh seinerMauern während 
des ganzen dreißigjährigen Krieges die einzige 
deutsche Stadt, deren Boden kein feindlicher 
Fuß betreten hat. Eine neue Zeit brach für 
sie herein, als Landgraf Karl, der genialste 
unter den hessischen Fürsten, die Gberneustadl 
anlegte und durch die hier angesiedelten flüch 
tigen Hugenotten der Industrie neue Erwerbs 
zweige wies. Seinem Schönheitssinn verdanken 
wir auch die Anlage der Karlsaue und der 
monumentalen, von der Herkulesstatue ge 
krönten Kaskadenanlagen, die 1718 vollendet 
wurden. Der eigentliche Begründer des mo 
dernen Kassels war dann Landgraf Friedrich II. 
Unter ihm fielen die alten Festungswerke, neue 
Straßenzüge und stolze Plätze traten an ihre 
Stelle, Gymnasium, Museum, Kunstakademie 
und Charitk sind einige der Gründungen dieses 
prachtliebenden Fürsten, deren Segen noch 
heute fortwirkt. 
Manch stattlicher Bau entstand dann noch 
unter dem ersten hessischen Kurfürsten Wil 
helm I., dem „Bankier Europas", der in 
erster Linie freilich der nach ihm benannten 
Wilhelmshöhe durch ftaunenerregende Schluß- 
anlagert ihren Weltruhm sicherte. Sieben lange 
Jahre mußte er als Verbannter fern der Heimat 
weilen, während der Benjamin der Napoleoni 
schen Familie, Fsrüme, den Thron seines 
Königreichs Westfalen im alten Kasseler Land 
grafenschloß auffchlug, das im November 1811 
in Flammen aufging. Nach der Vertreibung 
des gutmütigen, aber ungeheuer leichtsinnigen 
„König Lustik" plante der zurückgekehrte greise 
Kurfürst an Stelle seines Ahnenschlosses die 
Errichtung eines Fürsienbaues, wie ihn stolzer 
die Welt noch nicht gesehen. Diese Katten-
	        

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