Full text: Hessenland (27.1913)

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wirkend, zeigt er sich da in schier unerschöpflichen 
Variationen vom gutmütig lächelnden spmpathi- 
schen Greisengesicht bis zur scheußlich grinsendes 
Satansfratze, wobei allerdings der Zusammenhang 
der Bilder mit dem Text nur in seltenen Fällen 
zu erraten ist. Es durfte in der deutschen Literatur 
kaum ein zweites Werk geben, das namentlich bei 
einem Umfang von knapp 100 Seiten mit so 
vielen Porträts seines Autors geschmückt ist. 
In den „Bampeliana", die 1010 im Selbstver 
läge Bezzenbergers und unter seinem wirklichen 
Namen erschienen sind, herrscht ein ähnliches 
kunterbuntes Durcheinander von Anekdoten, Ge 
dichten und Skizzen *). Nur in dem größeren Ab 
schnitt „Ersinderlos", der etwa die Hälfte des 
Buches umfaßt und die Reise des Professors Lu 
na ticus vom Monde nach Loschwitz erzählt, ist 
ein verbindender Faden ersichtlich. Am meisten 
Zusammenhang zeigt noch Bezzenbergers letztes 
Werk „Im siebenten Himmel", das er kurz vor 
seinem Tode beendigte, ohne seine Drucklegung 
zu erleben. Der Titel ist unglücklich gelvählt und 
irreführend. Bom siebenten Himmel ist darin nicht 
die Rede, sondern von den Schicksalen einer aus 
dem siebenten Himmel stürzenden Seele, die im 
Sperationssaal eines Kasseler Krankenhauses wieder 
zur Besinnung erwacht und von dort eine gar wun 
derliche Reise durch Hessen nach Paris und London 
inacht, um schließlich zur Tausendjahrfeier in die 
Kasseler Heimat zurückzukehren. Auch dieses Werk 
zeigt dieselben Vorzüge und Schattenseiten wie 
*'i Man vcrgl. das im „Hessenland" lñlñ, S. 2 
abgedruckte Bruchstück „Zum Geburtstag L. Spohrs" 
I „Ich null" lind „Die Himmelsleiter", nur daß das 
Lokalkolorit mehr hervortritt als in dem älteren 
Werke. Das Ganze klingt in ein Loblied auf die 
Stadt Kassel aus und die Heimat seiner Väter, 
die auch zuletzt seine Heimat wieder wurde' 
Ich frage nichts nach Dank und Lohn, 
Doch bin ich dein getreuster Sohn 
Zu jeder Zeit, Chasalla' 
Die Jahrtauseudfeier hat Bezzenberger nur im 
Traume noch miterlebt und beschrieben. Kurz 
tiachdem er den letzten Federstrich am „Siebenten 
Himmel" getan, ist er am 5. Juni 1913 zu Kassel 
gestorben. Der Tod, den er in seinen Phantasien 
so oft zittert, daß er ihm ein vertrauter Geselle^ 
geworden war, erlöste ihn von manchen Leiden. 
In müder Resignation hatte er ihn schon lange 
kommen sehn 
Ich habe gesungen 
So manches Lied, 
Längst ist'S verklungen, 
Die Zeit entflieht. 
Ich habe gestritten 
In mancher Schlacht, 
Ich habe gelitten 
In mancher Nacht. 
Jetzt sterb ich vergessen. 
Der doch getreu. 
Im Lande zu Hessen 
Auf harter Streu. 
Er lvar zweifellos ein Mann mit reichen Gaben. 
Schade, daß das Schicksal ihm nicht vergönnte, sie 
besser auszubilden und zu zügeln. So wurde und 
blieb er ein literarischer Sonderling, dessen Sehn 
sucht nach Verständnis seiner Eigenart und dessen 
Lechzen nach Anerkennung unerfüllt bleiben mußte. 
Ausländer als Offiziere im hessischen Heere. 
Von A. Wo ring er. 
Holländer. 
Zwischen Holland und Hessen bestanden von je 
her lebhafte Verbindungen. Gleiche Stammesange 
hörigkeit und gleiches Religionsbekenntnis beider 
Völker, verwandschaftliche Beziehungen der beiden 
Fürstenhäuser begünstigten dies freundschaftliche 
Verhältnis. Eine Reihe hessischer Fürsten des 
18. Jahrhunderts stand in holländischen Diensten, 
und bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts 
hinein stammten viele Angehörige des holländischen 
Heeres aus Hessen, während zahlreiche Holländer 
unter den hessischen Truppen zu finden sind. Ein 
holländischer Ingenieur Janson wurde 1620 bei 
der Befestigung von Rheinfels verwendet. Während 
des 30 jährigen Krieges stand 1643 ein Kapitän 
von Brederode in Lippstadt in Garnison, ein 
Sohn des berühmten Hugo Grotius, der damals 
als schwedischer Gesandter in Paris lebte, Cor 
nelius de Groot, trat 1639 in hessische Dienste, 
wurde 1642 als Oberst Chef des bisherigen Regi 
ments zu Pferd de la Boderie, nun de Groot, 
stand 1643 und 1644 mit seinem Regiment in 
Fulda, nahm 5. August 1645 an der Schlacht 
von Atterheim teil, besetzte 16. Dezember 1646 
abernials Fulda, eroberte 1647 die Steckelburg, 
den Geburtsort Ulrichs von Hutten. Sein Regiment 
wurde 1648 aufgelöst. Ein anderer de Groot 
war 1644 Rittmeister im Regiment zu Pferd 
de Sweerts und stand 1647/8 als Major in 
Friedberg. Michael de Sweerts stand 1643 
als Oberstleutnant vor Coesfeld, wurde in dem 
selben Jahre Chef des Regiments zu Pferd Leslie, 
nun de Sweerts und fiel 1645 als Oberst an 
der Spitze seines Regiments bei Allerheim. Johann 
von Boeckhorst erhielt nach der Schlacht de 
Sweerts Regiment als Oberst, das er 1647 abgab. 
Der bedeudtendste Holländer in hessischem Dienst 
und einer der tüchtigsten Heerführer Hessens über 
haupt war Kaspar Cornelius de Mortaigne 
dePotelles. Um 1609 geboren und reformierter
	        

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