Full text: Hessenland (27.1913)

s««L, 235 
Überall.. 
Überall seh' ich dich. 
So oft auch meine Seele wandern geht, 
So oft mein Fug auf fernen Wegen steht: 
Überall seh' ich dich! 
Alles erfüllt dein Bild. 
In meine Nächte wirkt es sich hinein 
Und gibt den Dingen einen Heiligenschein, 
Alles erfüllt dein Bild. 
Theater 
Von Heinrich 
Theater? — Was war das? Seit Wochen nahmen 
die Dorfkinder das Wort in den Mund, wie man 
eine fremde Münze in die Hand nimmt. Man 
kennt ihren Wert nicht, wendet sie um und um und 
weiß nicht, was man sich dafür kaufen kann. 
Nun ging keins mehr gleichgültig am Pfarrhause 
vorbei. Mit neugierigen Blicken schauten wir zu 
den hohen Fenstern hinauf, dahinter sich das Rätsel 
barg. Jeden Morgen, wenn wir zur Schule mußten, 
stand er mit dem roten, bebrillten Gesicht und der 
langen Pfeife am Eckfenster und nickte uns wie alten 
Bekannten zu, er, der allein die Lösung wußte, der 
Herr „Sekertar" 
So nannten wir den alten Herrn, der mit dem 
neuen jungen Pfarrer seit kurzem in unser Dorf 
eingezogen. Ziemlich beleibt, hatte er die Gewohn 
heit, aus Schritt und Tritt zu blasen. Ich kam 
daher auf die törichte Meinung, Theater müsse 
etwas Heißes sein, mindestens aufflammen wie das 
Feuer in der Schmiede. 
In einen seligen Sonntagnachmittag schneite eine 
Einladungskarte. „Theater mundi" stand darauf. 
Meine Vorstellung erweiterte sich jetzt dahin, daß 
ich die rätselhafte Sache mit dem Munde, d. h. mit 
Essen in Beziehung brachte. 
Durch ein Heer neidischer Genossen, die nicht zu 
den Geladenen zählten, stieg ich zur bestimmten 
Stunde die hohe Psarrhaustreppe empor. Die Tür 
klingel, auf deren Leier ich schon so oft von außen 
gehorcht, die überhaupt viel vornehmer klang als die 
unsrige, kündete laut meinen Eintritt. Aber da stand 
auch schon das Kathrinchen und nahm mich bei der 
Hand. Treppauf und noch einmal treppauf ging's, 
dem Wunder entgegen. 
In der Nacht der Bodentreppe verlor ich einen 
Schuh. Aber dies Mißgeschick kam mir eigentlich 
erst zu rechtem Bewußtsein, als ich auf meinem 
Platze saß. Die vielen Bekannten, die ich hinter 
mir entdeckte, und der Bretterverschlag vor mir 
Bist wie ein stiller Gast, 
Der heimlich über meine Schwelle tritt 
Und bringt so viel au Licht und Schönheit mit. 
Bist wie ein stiller Gast. 
Überall seh' ich dich. 
Es deckt dein Leben meine Wünsche zu; 
Auf allen meinen Wegen wandelst du, - 
Überall seh' ich dich! 
Gustav Adolf Müller. 
mundi. 
Bertelmann. 
sorgten, daß ich über den unangenehmen Verlust 
rasch hinwegkam. 
Inmitten des Derschlags blieben meine Augen 
an einem prächtigen Bilde hängen. Ein blumen 
streuender Engel schwebte über einer Sommerland- 
schast, die ganz in Licht und Sonne getaucht war. 
Nachdem ich das eine Weile bestaunt, spähte ich 
verstohlen zur Seite, was für Gesichter die anderen 
wohl machten, um zu erraten, ob das am Ende 
schon die ganze Sache sei. Da bekam ich einen 
Rippenstoß. Kantors Karl kicherte hinter mir. 
„Paß nur auf, bald geht's los", flüsterte er mir zu. 
Indem ließ sich auch schon das bekannte Blasen 
vernehmen, und ich hielt den Atem an. 
Eine Seitentür öffnete sich knarrend. Darin er 
schien der rote Kopf des Herrn „Sekertars", der 
die Gesellschaft musterte. Eine Schelle gebot dem 
letzten Geflüster Ruhe. Die Tür schloß sich wieder, 
und die Neugier war nun aufs höchste gespannt. 
Auf einmal begann das Bild da vor mir zu 
beben, zu zittern, schon hob es sich kühn und ver 
schwand in dem Dunkel der Decke, dem staunenden 
Auge einen langen ungehemmten Blick in ein Märchen 
land zu gönnen. 
Blauer blühender Sommer. Wo sollte man nur 
ansangen, wo aufhören? Über einen weiten Wiesen- 
gründ hinweg, den üppiges Buschwerk säumte, ver- 
lor sich der Blick in einer offenen Dorsstraße mit 
dem Durcheinander von Hos und Garten, Scheune 
und Zaun und den eckigen, trotzigen Häusern und 
Häuschen, ganz wie sie das Heimatdorf aufwies. 
War das nicht Jakobs Haus und drüben Nils auf 
der Ecke? Und links unten die Mühle? — Wahrhaftig, 
das Mühlrad drehte sich, drehte sich nicht nur, man 
hörte deutlich sein Geklapper. Und über den Steg 
gelangte man wohl hinauf aus den Fössenberg. Aber 
weiter hinten war es doch wieder ganz anders. Da 
ragte ein wundersamer Berg auf. der trug eine 
Kapelle. Line Kapelle hatte ich noch nie gesehen. Hinten
	        

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