Full text: Hessenland (27.1913)

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Kinderzeit denken. Diese Zeit war karg aber 
sie hatte ihn stark gemacht für die Widerwärtig 
keiten seines späteren Lebens. Und die hellen und 
schönen Stunden jener Zeit kamen von seiner Mutier 
und einem Kinde, das noch ärmer war. Und wenn 
er sein Haus just auf diesen Hügel baute - ober 
halb dieses wüsten Platzes - so geschah das, um 
dieser hellen freudvollen Stunden willen, die ihm 
die Heimat trotz aller Not zum Paradies gemacht 
halten, das er zurückgewinnen wollte. 
Cölefte wäre die einzige gewesen, mit der er von 
diesen Dingen hätte reden können. Ihm war, 
als ob er mit ihr das Schöne im Leben verloren habe. 
Aber sollte es denn wirklich niemand geben, der 
— wie seine Mutter — das Holdselige in sein 
Leben trug? 
Er raffte seinen Stolz zusammen und versuchte 
es, über Cölefte hinwegzukommen. 
Der Bürgermeister machte ihn mit den jungen 
Damen der Gesellschaft bekannt. Das waren, im 
Grunde genommen, alles alte Bekannte, mit ihren 
jungen Töchtern, die ehemals über seine erfrorenen 
Hände und seinen fleckigen Rock gelacht hatten, 
als er noch bei Herrn Challier Kolonialwaren abwog. 
Eine jede brachte ihm Hochachtung und Interesse 
entgegen und klagte und fragte und tat, als ob 
er der Mann sei, der Lenzrode zu einen neuen 
Auffchwung bringen würde. Sie fanden alles, was 
er tat, bemerkenswert und bewunderungswürdig, 
und die Mütter sagten ihm, daß er ein Vorbild 
für ihre Söhne sein sollte. 
„Sie sollten Ihre Lebensschicksale in ein Buch 
fassen und sie herausgeben. Ihre Mitbürger ver 
langen danach, Ihren Werdegang kennen zu lernen", 
sagte Fräulein Thekla Helfrich. 
„Sie müssen uns Ihr soziales Programm ent 
wickeln — Sie haben doch eins? Wie denken 
Sie über das Frauenstudium? Soll die Frau 
denken, eine Stimme in der Gemeinde haben im 
Gegensatz zu den alten Kulturen?" wollte Berta 
Schneidewin wissen. 
„Erzählen Sie uns, bitte, von der gigantischen 
Schönheit der westindischen Natur, von den Kolibris 
und den Häusern, die ganz in Blumen gehüllt sind, 
von der Farbenpracht des Meeres und dem Glanz 
des südlichen Sternenhimmels", bat Emmchen 
Hupfeld. 
Er sagte: „Meine Lebensschicksale sind mein 
eigenstes Eigentum, ich kann sie denen nicht preis 
geben, die niemals daran dachten, als ich noch 
auf steilen Wegen ging, mir ein gutes Wort zuzu 
rufen. Ein soziales Programm habe ich nicht; 
die Frauen wünschte ich allezeit so wie meine Mutter 
war: Nothelferinnen, Vergolderinnen des Welt 
elends sollen sie sein. Gewiß müssen sie denken 
— aber mit dem Herzen. Schön kam mir die 
Fremde nicht vor, denn in eben dem Maße, als 
alle Vögel und Blumen bunter und alle Früchte 
süßer waren, schien mir auch das Ungeziefer giftiger, 
größer und bissiger zu sein." 
Da wandten sich die jungen und die reifen 
Damen von ihm ab und nannten ihn einen Empor 
kömmling, mit dem nicht gerechnet werden könne. 
Karl Aberding hatte ein Haus, aber er hatte 
die Heimat noch nicht zurückerobert; das kam ihm 
klar zum Bewußtsein, als auch der Schmuckplatz 
mit dem Springbrunnen fertig war. 
Fast wäre er verzagt, aber dann wachte sein 
zäher Wille wieder mit aller Stärke auf. Er hatte 
zwanzig Jahre lang um die Heimat gerungen und 
Niedrigkeit und Hunger für nichts erachtet - 
und nun sollte es ihm nicht gelingen, Cölefte zu 
gewinnen? 
Für was gewinnen? Er erschrak selbst, als er sich 
klar machte, daß er sie zu seiner Gefährtin machen 
wolle. Er rechtfertigte es mit dem Stückchen Brot, 
das sie ihm zum Abschied gab, und machte die 
Drangsale der Fremde dafür verantwortlich, daß 
es ihm abhanden gekommen sei. 
Es war an einem sonnigen Novemberlag. Über 
Nacht hatte der Frost den zähesten Blüten - den 
braunen und gelben Dahlien und den Reseden — 
den Garaus gemacht. Sie hingen die Köpfe, und 
das Laub fiel zu Boden, wie von unsichtbaren 
Händen abgestreift. Er ging auf einem Umweg 
nach Cölestes Haus und fand, daß die Schlehen 
an den dornigen Hecken über Nacht süß geworden 
waren, und er mußte unwillkürlich an des Schleh 
dorns bräutlich weißes Gewand im Frühling denken. 
Ein Mädchen, das Cölestes Haus bewachte, sagte 
ihm, Frau Prätorius sei zu Markt gegangen. Eq 
erklärte, daß er sie erwarten wolle. 
Das Mädchen schloß Herrn Aberding die Haus 
tür auf und bat ihn, einzutreten. Er stand in dem 
Zimmer, das ganz nach Hinrich Prätorius aussah. 
Von der Decke herab hing ein Schiffsmodell, und 
auf den Borden ringsum standen und lagen Ge 
schirre und eingetrocknete Früchte aus fremden 
Ländern. Fromme Bilder hingen an den Wänden, 
just über dem schwarzledernen Kanapee — das 
von Iairi Tochter. Blumen, die vor dem Frost 
bewahrt waren, blühten auf den Fensterbänken. 
Er hielt es keine drei Sekunden in diesem Raum 
aus, in den seiner Ansicht nach Frau Cölefte nicht 
hineingehörte. Er trat auf den Hausehren zurück 
und ging auf den Hof. Dort fand er gackernde 
Hennen und eine weiße Katze auf dem niedrigen 
Mäuerchen in der Herbstsonne. Er setzte sich auf 
die Bank neben dem Weinspalier und wartete. 
Ihm erschien es wie eine Ewigkeit. .
	        

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