Full text: Hessenland (27.1913)

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Aus den „Bampeliana" von Hermann Bezzenberger f. 
Zum Geburtslage Louis Spohrs. I 
Wieder einmal war im Wechsel der Zeiten, die 
selbst vor dem Kirchhof nicht Halt machen, der fünfte 
April herangekommen, und die musikalische Welt 
erinnerte sich daran, daß ein Tondichter aus dem 
Kirchhof begraben lag, dessen Melodieenreichtum 
ebenso groß war als seine gottbegnadete Kunst, diesen 
Melodienreichtum zu vermitteln und in die Herzen der 
Hörer hineinzuzaubern. Aber noch lange, bevor die 
musikalische Welt sich aus den Weg nach dem Kirchhof 
machte, um ihren Liebling zu feiern und zu ehren, 
feierte ihn Kassels gefiederter Sängerchor. War das 
ein Singen, ein Flöten und ein Trillern an den Tagen 
vorher aus dem Kirchhof vor dem Holländischen 
Tor' Aber nicht allein auf dem Kirchhof probten 
Kassels gefiederte Sänger, nein, alle Gärten und 
Vorgärten, der Finkenherd, die Aue, die Wilhelms- 
höhe und die schönen Alleen, die Kassel mit Stolz 
sein eigen nennt, hallten wieder von dem Gesang 
der Amseln, Drosseln, Finken. Grasmücken und wie 
sie alle heißen. Am Vorabend des fünften April 
war Generalprobe, und die fiel glänzend aus, denn 
unseres Hergotts Kammermusici wußten, wem es 
galt. Sie sangen mit einer Andacht und Hingabe, 
daß der holdselige Lenz. der alle Hände voll zu tun 
hatte, um Kassel und seinen Kirchhof zu schmücken, 
entzückt zuhörte. Als aber der Morgen des fünften 
April heranbrach und die ersten Sonnenstrahlen den 
Kirchhof verklärten, eilten auf leichten Schwingen 
die buntgefiederten Sänger herbei, um den Meister, 
der ihrer im Leben so liebreich gedacht, im Lied zu 
feiern. Wunderbar erklang es in den taufrischen 
Frühlingsmorgen hinein: 
„Lausche, Meister, unsern Tönen. 
Lausche. Meister, unserm Lied, 
Das. wie deine ewig schönen 
Melodiken. Feuer sprüht. 
Lausche. Meister, unsern Weisen. 
Lausche. Meister. unserm Sang. 
Alle Vvglein, wie sie heißen. 
Feiern dich mit Jubelkang. 
Hat dein Geist sich aufgeschwungen. 
Deine Lieder blieben hier. 
Ewig werden sic gesungen. 
Ewig singen wir sie dir." 
Und die entzückten Englein im Himmel (die lieben 
Kasselaner schliefen noch) sangen leise mit (um den 
lieben Gott in seinen Staatsgeschästen nicht zu stören) 
„Lausche. Meister, unsern Tönen. 
Lausche. Meister, unserm Lied, 
Das, wie deine ewig schonen 
Melodiken, Feuer sprüht." 
Aber Gott, der ein schönes Pianifiimo über alles 
liebt, hörte nicht nur seine Englein, sondern er 
hörte auch seine kleinen gefiederten Kammermusici 
auf dem Friedhof vor dem Holländischen Tor. nur 
daß sie nicht leise sangen, sondern laut. Da ries 
Gott, den ein Forte und ein Fortissimo stets bewegt, 
wenn es aus liebendem, dankerfülltem Herzen kommt 
„Bravo'" und ernannte Louis Spohr, den die 
Englein suchen mußten, bevor sie ihn fanden (er 
war noch immer so bescheiden wie'einst auf Erden) 
zu seinem himmlischen Kapellmeister. 
Klinge laut, mein Lied! 
Seligkeit erfüllt mein Herz, 
Seligkeit mein Lied, 
Denn mein Traum von Leid und Schmerz 
Ist gottlob verfrüht. 
Singt doch noch aus freier Vrnft 
vöglein in dem Wald, 
Und mit nie geahnter Lust 
Auch inein Lied erschallt. 
Sieh der Erde Herrlichkeit! 
Alles grünt und blüht, 
Alles schwimmt in Seligkeit - 
Klinge laut, inein Lied! 
Frühlingslied. 
Aufgeackert ist die Erde, 
Und gelockert ist das Land; 
Daß es wieder Frühling werde. 
Hat Gott seinen Geist gesandt. 
Geist der Freiheit, steige nieder, 
Geist der Wahrheit, fahre drein! 
f .orch! Es steigen frohe Lieder, — 
rühling, Frühling, du zeuchst ein! 
Aus Heimat und Fremde. 
Diediesj 8 hrigeMitglieder sammlungdes 
Hessischen Geschichtsvereins findet vom 7. bis 
9. August in Homberg a. d Efze statt. Näheres berichten 
wir im nächsten Heft. 
Personalchronik Der preußische Kriegsminister 
General der Infanterie JosiaS von Heeringen ein 
geborener Kafielaner, wurde zum Grneralinsprkteur der 
2. Armeeinspektion lBerlin) ernannt und erhielt vom Kaiser 
besten Bildnis in El verliehen. — Generalmajor Adolf 
Wild von Hohenborn, Kommandeur der 3. Garde. 
Jnfanteriebrigade. ein geborener Kastelaner — sein Bater 
war der Obermedizinalassestor vr. Wild und er selbst 
begann seine militärische Laufbahn als Fahnenjunker beim
	        

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