Full text: Hessenland (27.1913)

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Und das Haus neben der Linde stand. Leben 
Sie wohl, Frau Prätorius, es kann mir nicht in 
den Sinn kommen, die Lehren ihres Galten um- 
zustoßen." 
Erft als er wieder draußen auf der Brücke 
stand, verging das Flimmern, das vor seinen Augen 
lag. Der frische Wind, der vom Wasser herauf 
kam, tat ihm wohl. Und dennoch konnte er die 
Röte des Unmuts über seine Ungeschicklichkeit im 
Benehmen gegen Frau Cöleste Prätorius nicht fort- 
fächeln. 
(Schluß folgt.) 
Aus Heimat und Fremde. 
Das Regierungsjubiläum des deutschen 
Kaisers wurde, wie in ganz Hessen, so auch in Kassel 
festlich begangen. Eine städtische Abordnung überreichte 
eine vom Maler Wittig an der Kunstgewerbeschule her. 
gestellte Glückwunschadresse. Diese zeigt in einem 
Umschlag aus grauem Leder mit Goldpressung auf Per> 
gament im oberen Teil des goldornamentierten Rahmens 
ein achteckiges Feld mit einer figürlichen Darstellung in 
der der Kaiser al» St. Michael allegorifiert ist. Der untere 
Teil enthält das Kasseler Wappen, zu dem das Steinrelief 
des alten Rathauses als Vorbild gedient hat. Dir Adresse 
hebt den Beschluß der städtischen Behörden hervor, mit einem 
Kapital von 25000 Mark eine Jubiläumsstiftung 
zu errichten, aus deren Zinsen Volksschulkindern der Besuch 
bestimmter auszuwählender Vorstellungen im Hoftheater er- 
möglicht werden soll. — Am Tage des Jubiläums hatten 
die Kasseler und auch eine Reihe hessischer Zeitungen Fest, 
nummern erscheinen lasten; u. a. brachte das „Kasseler 
Tageblatt" in seiner Festnummer eine Anzahl von Ab. 
bildungen. die sich auf den Kasseler Schulaufenthalt des da. 
maligen Prinzen Wilhelm beziehen. 
Hessischer Geschichtsverein. Am Ausflug 
des Kaffeler Vereins nach dem Karthause beteiligte 
sich eine große Zahl von Mitgliedern. Von Gensungen 
aus begab man sich zum Gasthos „Zum Heiligen 
berg", wo der Vorsitzende General Eisentraut an die 
reichen geschichtlichen Erinnerungen des Heiligenbergs 
erinnerte und dann besonders aus die Geschichte des 
1223 in Gensungen als Filiale des Ahnaberger 
Klosters begründeten Augustiner Nonnenklosters ein 
ging. das etwa 200 Jahre blühte, um dann den 
Karthäuser Mönchen übergeben zu werden. Diesen 
schenkte Landgraf Ludwig II. auch die zerfallene 
Burg auf dem Heiligenberge. Dort bauten sie eine 
Kapelle und lasen allwöchentlich eine Seelenmesse, 
wie der Landgraf angeordnet. Das Kloster hatte 
drei stattliche Höfe in der Nähe in Besitz, den Nieder-, 
Mittel- undOberhof. Nachdem LandgrasPhilippd. Gr. 
das Kloster aufgehoben hatte, sank die Karthause 
allmählich zu einem Vorwerk der spätern Domäne 
Mittelhos herab. Landgraf Moritz ließ den Nieder- 
und Oberhos eingehen und später abbrechen, den 
Mittelhos aber zu einem landgräslichen Schloß her- 
richten. Ein 11 Fuß hoher eigentümlich gestalteter 
Ofen aus dem Jahre 1663, der bis vor einigen 
Jahren in einem Zimmer des Mittelhofes stand, 
schmückt jetzt das neue Landesmuseum. 
Im letzten Jahre des 7jährigen Krieges — 1762 — 
war diese Gegend links und rechts von Ende Juni 
bis Mitte August von zahlreichen Truppen der 
Alliierten und der Franzosen besetzt. Nach der Schlacht 
bei Wilhelmsthal am 24. Juni 1762 hatten sich die 
Franzosen nach Kassel und hinter die Fulda zurück 
gezogen. Als Herzog Ferdinand, der ihnen zuerst 
zwischen Weimar und Hohenkirchen gegenüberstand, 
seinen rechten Flügel nach Süden — bis Gudens» 
berg und Fritzlar — ausdehnte, um den Franzosen 
die Zufuhr von Süden abzuschneiden, sahen sich 
auch die Franzosen genötigt, ihren linken Flügel 
zu verlängern und schließlich die Gegend am Heiligen 
berg zu besetzen. Das Schloß Felsberg war von 
ihnen mit 1 Offizier und 4v Mann besetzt. Es 
wurde am 29. Juni von den Alliierten gestürmt und 
nun dauernd mit hessischen Jägern besetzt. Die 
Stellung der Franzosen am Heiligenberg lief Mitte 
Juli vom Mittelhos und der Karthause, wo sie starke 
Schanzen errichtet hatten, hinter dem Heiligenberg 
her über Beuern und Hilgershausen nach Elsers 
hausen. In der Nacht vom 25. zum 26. Juli unter- 
nahmen die Alliierten einen Angriffauf diese Stellung, 
wobei es dem hessischen Oberst v. Gräffendorff ge 
lang. die Edder zu überschreiten und den Feind 
aus Gensungen zu vertreiben. Die Franzosen räumten 
am 26. Juli die Stellung am Heiligenberg und 
zogen sich auf das rechte User der Fulda zurück. 
Am 17. August zogen sie aus dem nördlichen Hessen 
nach Süden ab. 
Die erwähnten, von den Franzosen bei der Karthause 
und dem Mittelhos errichteten Schanzen find noch 
gut erhalten. Die erstere liegt zwischen dem Kohlen 
bergwerk und der Karthause, nordwestlich der Straße 
Gensungen-Melgershausen, auf einem Bergvorsprung. 
Sie ist vierseitig, nach der Straße zu offen. Die 
Schanze aus der Höhe über dem Mittelhos ist wohl 
die größte und best erhaltene Feldbefestigung in 
Heffen aus jener Zeit. Ihre 3 bis 4 m hohen 
Wälle umschließen ein geräumiges Viereck mit einer 
mächtigen kreisrunden und rings geschloffenen Bastion 
an jeder Ecke. 
Nach dem Kaffee trat man den Weg an in die 
reiche schöne Landschaft, besichtigte erst die Schanze 
bei der Karthause, dann diese selbst. Dom Kloster 
steht nur noch ein Teil der Kirche, die mit einem
	        

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