Full text: Hessenland (27.1913)

§«£4^ 189 
Me Karl Aberding 
die Heimat fand. 
Novelle von L. G u b a l k e. 
Fortsetzung.) 
„Ich möchte das auch", 
sagte sie. „Aber es geht 
nicht, mein Vater braucht 
mich." 
„Mich braucht kein 
Mensch!" hatte er gesagt. 
Der ganze Jammer der 
Verlassenheit war über ihn 
gekommen. 
Cöleste war schweigend 
neben ihm hergegangen. 
Er hatte zugesehen, wie sie 
den Korb auf der Schutt- 
stelle leerte und dann einen 
Augenblick mit herabhän 
genden Armen dastand 
und auf den Boden blickte. 
Er hatte philosophiert: 
„Als wir Kinder waren, Cöleste, machte es uns 
Vergnügen, die Welt durch bunte Glasscherben 
anzusehen — jetzt sind wir darüber hinaus. Kein 
buntes Glas täuscht uns mehr über ihre wahre 
Gestalt." 
Das sagte er mit achtzehn Jahren. 
Und Cöleste hatte erwidert: „Wenn die Hoff 
nung nicht wär' auf ein Wieder — Wiedersehn." 
WalderholungSstLtte Kragenhof. Kinderstation. Unterricht im Walde. 
Cöleste war auch noch mit ihm hinauf unter die 
Linde gegangen. Auf der Steinbank sitzend, hatte 
sie mitangehört, was er ihr von dem Goldland 
erzählte, und zum Schluß hatte er ihr versichert: 
„Dir bringe ich etwas mit." 
„Gold?" 
„Gewiß, Gold! Ich komme nicht anders heim 
- als steinreich." 
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«alderholungsftStte Kragenhof. Kinderstation. Schreiner, und Fröbelarbeiten. 
Sie hatte geseufzt. 
Am Morgen seiner Ab 
reise hatte sie auf dem 
Prellstein an der Brücke 
gesessen und auf ihn ge 
wartet. Hatte ihm ein 
Stückchen Brot zugesteckt, 
das ihn vor Heimweh 
bewahren solle, und die 
Augen mit der Schürze 
getrocknet. Das Brot- 
stückchen? Du liebe Zeit 
— wo war es doch hin 
geraten! Es war samt 
seinem Reisesack verloren 
gegangen, und die harte 
Not des Lebens hatte so- 
gar die Erinnerung an 
Cöleste und sein Ver- 
sprechen einschlafen lassen. 
Ein Jahr fast war er in 
der Heimat und hatte mit 
keiner Silbe ihrer gedacht,
	        

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