Full text: Hessenland (27.1913)

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dem andern von dem entfernteren Besitz abbröckelt, 
wirkt auf das Kernland zwischen Knüll und Werra 
die starke Anziehungskraft der Landgrafschaft 
Hessen. Die kirchliche Heils anstatt Hersfeld, 
für die es einst abgetrennt war, hatte ihre Auf 
gabe erfüll^ und ihr Gebiet mußte dem Mutter 
lande Hessen wieder zufallen. Es war eine natür 
liche Entwicklung und eine lange Reihe von Äbten 
hat sich vergebens dagegen gewehrt. 
Das war es nun auch, was den hessischen Land- 
grafen und die aus den kleinen staatlichen Ver 
hältnissen herausstrebende Stadt Hersfeld so eng 
zusammenführte. Ihre freundlichen Beziehungen 
lassen sich schon durchs frühere 14. Jahrhundert 
nachweisen. Aber recht zusammengeschweißt wurden 
beide erst durch die Notzeiten des Sternerkriegs. 
Es war der große Kamps, in dem die zahlreichen 
ritterlichen und fürstlichen Kleingewalten Hessens, 
zusammen über 2000 Herren, sich zusammenschlossen 
gegen die Landgrafschaft, von deren stetigem An 
wachsen ihrer kleinen Selbständigkeit ein Ende 
drohte. Es war ein Entscheidungskampf für Hessen: 
es ging der Landgrasschaft ums Leben; aber 
widerstand sie dem Anprall, dann war ihr Über 
gewicht entschieden unb sie durfte sich's zum Ziele 
sehen, die izersplitterten Teile des Hessenlandes 
unter ihrer Herrschaft zu einigen. 
Diesem großen Kampfe gab an entscheidender 
Stelle die Stadt Hersfeld eine neue Wendung 
durch ihr entschlossenes Eintreten für den Land 
grafen. Es war im August 1372. Ein über 
mächtiges Sternerheer unter dem Grafen von 
Ziegenhain als Führer trieb das Heer der ver 
bündeten Landgrafen von Thüringen und von 
Hessen vom Herzberge her das Fuldatal gegen 
Hersfeld zu. Hier aber stand den Fliehenden der 
Abt von Hersfeld, gleichfalls Sterner, entgegen, 
und an den festen Mauern der Stadt Hersfeld 
mußte es gelingen, das landgräfliche Heer zu zer 
reiben. Da griff unerwartet die Bürgerschaft 
Hersfelds ein. Mit raschem Blick überschauten 
die Bürger die Lage: hier galt's, alte Gunst des 
Landgrafen zu vergelten und neue zu erwerben. 
In dramatisch bewegter Erzählung berichtet uns 
der städtische Chronist Ruhn, wie schon halb ent 
schlossen, die Landgräflichen einzulassen und sie 
zu retten in die schützenden Mauern der Stadt, 
sie noch zurückschrecken vor dem Wagnis und zum 
Abt ins Stift schicken um Verhaltungsbefehle. 
Der aber schlägt höhnend sein Skapulier auf und 
zeigt den Abgesandten das bisher verborgen ge 
haltene Bundeszeichen, den Stern: „Das sage 
Deinen Ratsherrn." Die aber wußten nun, was 
sie zu tun hatten: „Da wagten sie das Abenteuer", 
heißt es weiter, „und ließen die Herren ein." 
Spätere städtische Geschichtschreibung hat die Ver 
wirrung des Augenblicks phantastisch ausgestaltet: 
Da waren die Sterner den Landgräflichen so dicht 
auf den Fersen, daß Freund und Feind in die 
Stadt eindrangen, daß viele in den Toren erdrückt 
wurden, viele Landgräsliche auch ausgeschlossen 
blieben und der Wut der Sterner zum Opfer fielen. 
Das Verdienst der Städter um den Landgrafen 
sollte um so kräftiger hervortreten. 
Ihr Verdienst war auch so groß genug. Die 
einzige mühsam organisierte Gesamtaktion, zu der 
es der Bund gebracht hat, war hauptsächlich durch 
das Eingreifen der Hersfelder Bürger gebrochen. 
Das Bundesheer, stets schwer zu regieren, war 
nicht mehr zusammenzuhalten. Der Graf durfte 
keine Belagerung der verschloffenen Stadt wagen. 
Der Krieg verzettelte sich bald in einzelne Fehden, 
Sonderbündeleien ließen den Bund rasch zerbröckeln. 
Der Landesstaat hatte gesiegt. 
Die Stadt Hersfeld stand auf Seilen der Sieger, 
der kühne Wurf war gelungen. Darüber freilich 
mußten sich die Bürger im klaren sein, daß jetzt 
der Faden mit dem Abt zerschnitten war. Um 
so mehr ist es charakteristisch für den vorsichtigen 
Kaufmannsgeist der Bürgerschaft, daß sie sich einer 
vertragsmäßigen Festlegung dieses Verhältnisses 
so lange als möglich entzogen Gleich nach jener 
entscheidenden Aufnahme der Landgräflichen hat 
Landgraf Hermann die Bürger aufgefordert zur 
förmlichen Absage an den Sternerbund und zum 
feierlichen Bündnisverträge mit Hessen. Die vor 
sichtigen Bürger hielten sich sehr reserviert: sie 
säßen wie Schafe zwischen den Wölfen; sie hätten 
den Landgrafen doch lieb, auch ohne förmliche 
Parteierklärung. Aber Hermann ließ nicht locker. 
In der Tat war jetzt auch für die Bürger keine 
Halbheit mehr möglich: alle Bedenken mußten 
überwogen werden durch den Rückhalt, den der 
Landgraf dem Abte gegenüber zu bieten vermochte. 
Die Behauptung gegen das Stift bildete jetzt die 
Hauptsorge der Stadt. 
So kam denn im Januar 1373 zwischen dem 
Landgrafen und dem Stadtrat das Bündnis zu 
stande. das zuerst einen vertragsmäßig fixierten 
hessischen Einfluß in der Stadt Hersfeld begründete. 
Die Stadt nahm eine hessische Besatzung und einen 
landgräflichen Amtmann in ihre Mauern auf; 
sie genoß dafür den vollen landesherrlichen Schutz 
des Fürsten und erhielt das Privileg der zollfreien 
Wareneinfuhr in alle landgräflichen Lande. Noch 
war in den Bestimmungen der gegenseitigen mili 
tärischen Hilfeleistung der Abt uud sein Stift aus 
drücklich von der Bekämpfung ausgenommen; 
damit war nur mühsam verschleiert, daß die Stadt 
sich tatsächlich von der Hoheit des Abts losgesagt
	        

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