Full text: Hessenland (27.1913)

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wird Professor Ulrich einen Vortrag halten über 
die dortige ehrwürdige Klosterkirche. Die Feier 
wurde mit dem gemeinsamen Gesänge der Lieder 
„Ich hab' mich ergeben" und „Deutschland, Deutsch, 
land über alles" würdig geschlossen. — Am 25. Mai 
unternahm der Eschweger Zweigverein in Verbindung 
mit dem Werratalverein einen Ausflug nach Germe 
rode zur Besichtigung der dortigen Klosterkirche. 
Während die Mitglieder des Geschichtsvereins sich 
direkt nach dem schön gelegenen Meißnerdorse be- 
gaben, machten die des Werratalvereins vorher von 
Hasselbach aus einen Gang über die Seesteine, Kitz- 
kammer und Schwalbental. Eine große Zuhörerschaft, 
Damen und Herren, darunter auch viele Bewohner 
aus Germerode und der Umgegend, hatte sich in dem 
Gotteshause eingesunden. Hier hielt Professor Ulrich- 
Eschwege einen längeren interessanten Vortrag über 
„Die Geschichte des ehemaligen Klosters Germerode 
und insbesondere über die noch vorhandene romanische 
Klosterkirche". Das Germeroder Prämonstratenser- 
Kloster wurde 1145 von dem Grasen Rücker II. 
von Bilstein, dem Gaugrasen der Germarmark, „zum 
Heil seiner Seele" gegründet und der Jungfrau 
Maria geweiht. Ursprünglich für Mönche und Nonnen 
bestimmt, war es seit 1273 nur noch mit Chorsrauen 
besetzt. Durch die Gunst der Bilsteiner Grasen ge 
langte das Kloster im Lause der Jahre zu hohem 
Ansehen und großem Reichtum. Aus 133 Orten 
bezog es Dienste und Abgaben. Auch erhielt es 
frühzeitig die peinliche und niedere Gerichtsbarkeit 
über die Dörfer des ehemaligen Gerichts Germerode. 
Ende des 14. Jahrhunderts trat ein Verfall des 
Klosters ein und 1527 wurde es, wie die übrigen 
Klöster in Hessen, durch den Landgrafen Philipp 
den Großmütigen aufgehoben. Die letzte Priorin, 
Mechtilde von Keudell, stellte mit ihren 30 Nonnen 
den Verzicht aus. Heute bilden die Klostergüter 
eine Domäne. Die Kirche, eine romanische Pfeiler- 
basilika, ist von hohem Kunstwert. Sie wurde nach 
der Einführung der Reformation zu einer evangelischen 
Predigtkirche umgebaut. Prof. Ulrich gab eine ge 
naue und klare Beschreibung der Kirche in ihrem 
früheren und jetzigen Zustande. Nach der Besichtigung 
des Gotteshauses verweilten die Teilnehmer noch eine 
zeitlang bei einer Taste Kaffee in der Wirtschaft 
von Reinhard. Hier dankte der Vorsitzende des 
Geschichtsvereins, Rechnungsrat Hartdegen, im 
Namen der Zuhörer dem geschätzten Redner für 
seinen gediegenen Vortrag. Der Ausflug nahm, vom 
herrlichsten Maiwetter begünstigt, den besten Verlauf. 
Am 21 . Mai unternahm der Marburger Verein 
unter stattlicher Beteiligung einen Ausflug nach 
W i e s e n s e l d. In wenigen Minuten gelangte man 
vom Haltepunkt der Frankenberger Bahn zur Kirche 
und Johanniterhaus, dem Zielpunkt. Dieses, wenig 
stens heute einstöckig, ist von zwei Tagelöhnerfamilien, 
die gern die Besichtigung gestatteten, bewohnt. Es 
stammt aus dem Ansang des 16., die Kirche aus 
dem 13. Jahrhundert. In ihren Räumen erhielten 
die Teilnehmer der Fahrt durch einen kleinen Vortrag 
des Vorsitzenden, Archivrat vr. Rosenfeld, ein 
gehende und dankenswerte Kunde von den Schicksalen 
eines Gliedes der großen internationalen Ordens 
gemeinschaft in diesem stillen hessischen Tale: Wiesen- 
seld ist entstanden als Johanniter-Niederlastung. die 
begründet wurde von den Grafen von Battenberg 
im 1 . Viertel des 13. Jahrhunderts; möglicherweise 
hat Gras Werner I. von Battenberg, der an der 
Heerfahrt von 1197 nach Palästina teilnahm, die 
Verbindung mit dem ältesten der drei Ritterorden 
dort angeknüpft; jedenfalls ist sein Sohn Werner II. 
— anscheinend schon vor 1227 — dem Orden bei 
getreten und ist der erste urkundlich bekannte Bruder 
des 1238 zuerst genannten Ordenshauses Wiesenseld; 
erst 1259 wird der 1 . Komtur daselbst erwähnt. 
Der Johanniterorden versuchte bald nach seinem ersten 
Auftreten in Hessen das von der eben verstorbenen 
Landgräfin Elisabeth bei Marburg begründete Fran 
ziskus-Hospital in Anspruch zu nehmen, diese Pläne 
scheiterten (1232), und die junge Gründung blieb 
aus eine bescheidenere Wirksamkeit angewiesen. Auf 
Grund des nicht sehr umfangreichen und auch nicht 
ganz vollständig erhaltenen Urkundenarchivs der 
früheren Kommende läßt sich ein Bild gewinnen von 
dem Besitz des Hauses an Grundstücken, Zinsen und 
Zehnten, von Bedeutung sind namentlich eine Anzahl 
im 14. Jahrhundert erworbener Kirchenpatronate. 
Die Schenkung der Pfarre und des Psarrhoss von 
Frankenberg an den Orden durch Landgraf Hermann 
den Gelehrten (1392) brachte die Verlegung des 
Sitzes der Kommende nach Frankenberg mit sich, 
doch wurde das Haus in Wiesenfeld auch weiterhin 
besetzt gehalten mit einigen Rittern und Kaplänen, 
zu denen sich eine Anzahl von sog. Donaten ge 
sellten, Brüdern und Schwestern, die, ohne den welt 
lichen Stand zu verlassen, sich dem Orden, vielfach 
unter Hingabe ihres Vermögens gegen lebenslängliche 
Versorgung, anschlosten. Gerade die Urkunden über 
diese Ausnahmen von Donaten aus dem 15. und Anfang 
des 16. Jahrhunderts gewähren manchen intereffanten 
Einblick in die inneren und häuslichen Verhältnisse 
des Ordenshauses. 1528 wurde die Kommende 
von Landgraf Philipp wie andere Klöster aufgehoben 
und die Jnsaffen durch Abfindungen entschädigt, 
die Kommende, jetzt landgräsliche Domäne, wurde 
schon 1538 an die v.Kramm, später an die v. Dern 
bach verpfändet, erst Landgraf Karl hat sie wieder 
eingelöst und zur Ansetzung von französischen RefugieS 
benutzt (1720). Über die Kirche selbst, einen nicht 
unintereffanten frühgotischen Bau des 13. Jahr-
	        

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