Full text: Hessenland (27.1913)

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zwrschendurch mit zweifelhaften Weibern sich in 
den Dorfwirtschasten umhertreiben, teilweise in welt 
licher Tracht, zum größten Skandal für den Orden. 
Ganz so schlimm mag es im Hauptkloster nicht 
gewesen sein und überhaupt nicht schlimmer als 
anderswo damals auch; aber für einen Abt, der 
ernsthaft auf die Festigung und Neugründung seines 
Stiftsstaats gerichtet war. bedeutete doch dieser 
Konvent, der gleichzeitig den mitregierenden Land 
stand des Fürstentums darstellte, eine sehr brüchige 
Grundlage. 
Fortsetzung folgt.) 
Adam Traberls Historisch-literarische Erinnerungen".'» 
Unser jetzt fast 91jähriger Landsmann hat sich, dem 
Drängen seiner Freunde nachgebend, entschlossen, seine zum 
größten Teil schon 1886 niedergeschriebenen Erinnerungen 
herauszugeben, und bietet sie nun in dem vorliegenden um 
fangreichen Werke dar. Wir verfolgen das reichbewegte 
Leben dieses trefflichen Mannes von der in seiner Vater 
stadt Fulda verlebten Jugend ab. erleben mit ihm seine 
so wenig »bemoste" Studentenzeit in Marburg, begleiten 
ihn nach Spangenberg, wo er eine mehrjährige Festungs 
haft verbüßte, sehen dann den eifrigsten Gegner der kur 
fürstlichen Regierung 1866 sich in den treuen Kämpfer 
für den entthronten Landesfürsten umwandeln und erfahren 
feine weiteren Erlebnisse in Österreich, das alles in hoch 
interessanten, lebenswarmen auch die Details liebevoll aus 
malenden Schilderungen, die überall eine starke Persönlichkeit 
verraten. Uns Hessen interessiert in erster Linie die Dar 
stellung der kurhesstschen Ereignisse, einschließlich des Jahres 
1866. Mag diese umfassende Arbeit hier und da Irrtümer 
enthalten und im einzelnen Widerspruch finden — eS fei 
z. B. an die Entgegnung des Rechtsanwaltes I. Martin- 
Kassel in Nummer 3944 der »Hessischen Blätter" erinnert. — 
Traberts Werk wird fortab für alle Bearbeiter der Geschichte 
des vorigen Jahrhunderts eine unentbehrliche Fundgrube 
bilden. Besonders wertvoll erscheinen die Charakteristiken 
der kurhesstschen Politiker wie Jordan, Heise, Kellner, 
Oetker, Hahndorf usw. Namentlich Sylvester Jordan er 
scheint hier in völlig neuer Beleuchtung, wie denn sein 
Werk gerade zur Beurteilung dieses Mannes viel neues 
Material bietet. lVgl. auch hierzu die »Hessischen Blätter" 
Nummer 3949.) In anderen Kapiteln, wie bei der Schil 
derung seiner Verlobung und Festungshaft, verspüren wir 
den Dichter und Humoristen. — Kurz, das Buch dieses 
einstigen Demokraten bringt vieles und darum jedem etwas, 
dem Politiker wie dem Literarhistoriker und Laien. Wir 
veröffentlichen nachstehend seine Charakteristik Kellners und 
Heises. 
vr. Gottlieb Kellner und Heinrich Heise. 
Den Liberalen gegenüber machten sich in Kassel 
anfänglich die Männer der Bluse durch vereintes 
Austreten bemerklich, und ich habe wahrgenommen, 
daß dem Treiben der „Bassermannschen Gestalten" 
dort nicht ohne heimliches Grauen zugesehen wurde. 
Gar mancher tapfere Bürgergardist, der 1849 zum 
Ausrücken kommandiert wurde, ergriff die Muskete 
nur mit Zittern und Zagen. 
Die eigentliche Demokratie Kaffels aber entstand 
erst mit dem Auftreten Heinrich Heises und 
vr. Gottlieb Kellners. 
Beide Demokratenführer habe ich schon als Student 
# ) Kempten und München (I. Köselsche Buchhandlung) 
1912. VH und 536 Seiten. Preis geb. M. 6.— 
gekannt. Mit Gottlieb Kellner wurde ich gleich in 
meinem ersten Semester in Berührung gebracht durch 
Hornseck; doch schickte sich Kellner damals schon an, 
die Universität zu verlassen, ich weiß nicht, ob er 
sich irgendwo als Dozent habilierte oder sich der 
Schriftstellern widmen wollte. Schon damals, als 
ich ihn, wenn auch nur flüchtig, kennen lernte, hatte 
er einige Poesien drucken lassen, wodurch mein Freund 
Hornfeck veranlaßt wurde, seinen Umgang zu suchen. 
Gottlieb Kellner war ein großer, stattlicher Mann 
von seltener Schönheit. Seine dunklen Augen leuch 
teten freundlich, aus seinen Gesichtszügen sprach 
heiterer Ernst und Lebensmut. Seine Kraft aber 
lag, wie sie sich erst in 1848 offenbarte, in einer 
wahrhaft demosthenischen Beredsamkeit. Kellners 
Organ war beim öffentlichen Sprechen sehr anmutig 
und dabei so kräftig, daß er auch die zahlreichste 
Versammlung, mochte diese in weitem geschlossenen 
Raume oder im Freien tagen, vollkommen beherrschte. 
Er sprach auch, wenn er improvisierte, in wohl 
gebauten, streng geordneten, immer klaren Perioden 
mit bestechender Eleganz. Selbst wenn er in dem, 
was er sprach, vernichtend scharf war, bewahrte er 
eine stolze, vornehme Ruhe, steigerte sich aber, wo 
es ihm notwendig schien, zum hinreißenden Pathos. 
Seine Rede glich dem breiten und tiefen Strome, der 
nur aufschäumt und aufbraust, wo er auf Hinder- 
niffe stößt, aber dann jedes Hindernis in unbändiger 
Kraft sofort hinwegreißt und zertrümmert. 
Daß ein solcher Mann im Jahre 1848, wenn er 
nur wollte, alsbald eine mächtige Partei hinter sich 
haben mußte, verstand sich von selbst. 
Heinrich Heise war jüngerer Student als Kellner, 
was ich daraus schließe, daß ich ihn noch in meinem 
dritten Semester in Marburg gesehen habe. Sein 
erstes dortiges öffentliches Auftreten steht mir aber 
noch so deutlich in Erinnerung, als wäre es von 
gestern. Es war am Grabe des Professors Ende 
mann, der in Marburg noch in den ersten vier 
ziger Jahren in ausgezeichneter Weise Privatrecht 
und Zivilprozeß dozierte, aber starb, als ich eben 
seine vollsgia belegt hatte. Endemann hatte nicht 
bloß als vorzüglicher Dozent, sondern auch als ein 
charakterfester Mann von seltenem politischen Frei 
mute weit und breit in hohem Ansehen gestanden.
	        

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