Full text: Hessenland (27.1913)

r««L- 151 rML. 
ihrer Abfertigung geeigneter Platz. Es war da 
mals nur noch von Landfracht die Rede. Der 
Mündener Stapel war zwar im Jahre 1824 auf 
gehoben, aber die Schiffahrt auf der Fulda war 
völlig eingegangen. Die hannoversche Regierung 
hatte vor dem Einfluß der Fulda in die Weser ein 
Wehr errichtet, das den Übergang der Schiffe aus 
der Weser in die Fulda unmöglich machte. 
Mit dem Anwachsen des Zollverkehrs bei dem 
Hauptzollamte in Kassel hob sich auch der Miß 
brauch, der von einem gut gehenden Zoll un 
zertrennlich ist, der Schmuggel. Dieser war ja 
auch in früherer Zeit getrieben worden, hatte aber 
mehr an den Landesgrenzen stattgefunden, wo die 
im 18. Jahrhundert häufigen Gaunerbanden auch 
diesen verwerflichen Erwerbszweig betrieben. Kassel 
war davon wenig berührt worden. Als die Kasseler 
Festungswerke unter Landgraf Friedrich II. fielen, 
hatte man zwar die Stadt zum Schutze gegen den 
Schmuggel mit einer Mauer umzogen, ja um das 
Jahr 1820 sogar in der Schönen Aussicht das häß 
liche und den Blick in das Kasseler Tal hindernde 
Eisengitter zum Schutze gegen unerlaubte Waren 
einfuhr durch die Aue errichtet, dessen sich ältere 
Kasselaner noch zu erinnern wissen; aber bedeutend 
war der Schmuggel nie gewesen. Jetzt aber wuchs 
er gewaltig an. Die benachbarten hannöverschen 
Dörfer, namentlich Spickershausen und Landwehr 
hagen, betrieben das Schmugglerhandwerk in flotter 
Weise. Gegen Spickershausen mußte ein besonderes 
Wachthaus an der Fulda errichtet werden, die jetzige 
Graue Katze, und wenn man die Wälder an der 
Grenze auf dem Sandershäuser Berg bis hinunter 
zum Kragenhof durchstreift, stößt man noch häufig 
auf einsame, schmale Pfade, die aus jener Zeit 
herrühren und auf denen die Waren ins hessische 
Gebiet hinüber geschafft wurden. Förmliche Ge 
fechte mit Grenzbeamten und Schmugglern waren 
nicht selten. 
Dieser häßliche Zustand — denn der Schmuggel 
ist. wie man an unserer Reichsgrenze noch heute 
feststellen kann, imstande, ganze Gemeinden völlig 
zu demoralisieren — hörte erst auf, als im Jähre 
1854 Hannover dem Zollverein beitrat. Damit 
verlor das Hauptzollamt Kassel auch wieder an 
Bedeutung, die es erst allmählich durch die Er 
bauung der Eisenbahnen und das Aufblühen der 
Stadt Kaffel wieder erlangte. Bon der Steuer 
verweigerung des Jahres 1850 war es wenig be 
rührt worden, da es ja seine Einnahmen nicht für 
Kurhessen, sondern für den Zollverein erhob und 
deshalb nicht, wie die anderen hessischen Steuer 
behörden, den Betrieb einstellen konnte. In eine 
eigentümliche Lage kamen aber die hauptamtlichen 
Beamten im Jahre 1866. Denn während Preußen 
mit dem größten Teil der deutschen Staaten im 
Kampfe lag, bestand der Zollverein ruhig weiter, 
und wir haben das eigentümliche Vorkommnis zu 
verzeichnen, daß die kurhessischen Beamten, während 
die preußischen Truppen ihr Land feindlich besetzten, 
die Zölle, die zum überwiegenden Teile Preußen 
zugute kamen, ruhig weiter erhoben, wie dies 
andererseits von den preußischen Zollbehörden 
ebenso für Kurhessen geschah. 
Mit der Einverleibung Kurheffens am 8 . Ok 
tober 1866 trat das kurhessische Hauptzollamt 
Kaffel in die Reihe der preußischen Behörden ein. 
Da ja in der Einrichtung der kurhessischen und 
preußischen Hauptzollämter bisher schon Über» 
einstimmung bestand, so blieb bei dem Hauptzoll 
amt Kassel alles, wie es gewesen war, nur wurde 
das Provinzialsteueramt mit ihm vereinigt, so daß 
es nun auch die inneren indirekten Steuern erhob. 
Demgemäß wurde der Name in Hauptsteueramt 
umgewandelt. Der Bezirk des Hauptamts wurde 
durch den des eingehenden Hauptzollamts Karls 
hafen und den schon früher erfolgten Wegfall des 
Hauptzollamts Witzenhausen erheblich vergrößert. 
Die Oberzolldirektion erhielt den Namen Provinzial 
steuerdirektion und dehnte ihre Tätigkeit über die 
ganze neugebildete Provinz Hessen-Nassau aus. 
So bestanden das Hauptsteueramt, das übrigens 
später das baufällig gewordene Dienstgebäude an 
der Fulda verließ und nach kurzer Unterbringung 
in der Bahnhofsstraße im Jahre 1883 sein jetziges 
Amtsgebäude in der Kölnischen Straße bezog, und 
die Provinzialsteuerdirektion, deren Geschästsumfang 
nach dem Aufgehen des Zollvereins im Deutschen 
'Reiche, dem Aufblühen von Handel und Industrie 
und dem weiteren Ausbau der Zölle und indirekten 
Steuern sehr erheblich gewachsen war, bis zum 
1. April 1908. An diesem Tage trat eine be- 
deutende Änderung ein. Das Hauptsteueramt 
erhielt wieder den alten Namen eines Hauptzoll 
amts und seine innere Einrichtung wurde in wesent 
lichen Punkten geändert. Die Provinzialsteuer 
direktion wurde wieder zur Oberzolldirektion, an 
deren Spitze ein Präsident trat und deren Gebiet 
auf die Hohenzollernschen Lande ausgedehnt wurde. 
So sind aus dem kleinen Zollstock auf der Kaffeler 
Fuldabrücke, an dem ein einziger Zöllner von den 
vorüberfahrenden Fuhrleuten seine Abgabe erhob, 
zwei Behörden entstanden, von denen die eine, das 
Hauptzollamt, ganz Niederhessen in zöllnerischer 
Beziehung verwaltet, während das Gebiet der 
anderen, der Oberzolldirektion, von der Weser bei 
Karlshafen bis jenseits des Bodensees zur Herr 
schaft Achberg zwischen Lindau und Bregenz reicht.
	        

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