Full text: Hessenland (27.1913)

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bald mit Bayern, Württemberg, Baden und Nassau, 
bald mit Hannover, Braunschweig und Oldenburg, 
sogar mit dem gehaßten Preußen, aber stets gab man 
die Verhandlungen wieder auf. Selbst den endlich 
erfolgten Abschluß des mitteldeutschen Handels 
vereins, der aus Hannover, Kurhessen, Oldenburg 
und Braunschweig bestand, hielt man nicht ein. 
Es würde zu weit führen, wollte ich auf diese weit 
läufigen Verhandlungen näher eingehen. Es möge 
genügen, darauf hinzuweisen, daß endlich am 
25. August 1831 der Vertrag mit Preußen und 
Hessen-Darmstadt abgeschlossen wurde, durch den 
sich Kurhessen dem Zollverein anschloß, der damit 
eigentlich erst ins Leben trat. 
Kurhessen mußte nun seine Zolleinrichtungen mit 
den preußischen in Übereinstimmung bringen. Als 
Direktivbehörde wurde in Kassel eine Oberzoll 
direktion errichtet. Unter dieser standen 5 Haupt 
zollämter in Kassel, Karlshafen, Witzenhausen, 
Hanau und Marburg, die nun die Zölle und bald 
auch einige weitere, dem Zollverein gemeinschaft 
liche Einnahmen, nicht mehr allein für Kurhessen, 
sondern für sämtliche am Zollverein beteiligte 
Staaten erhoben, unter die sie nach der Kopfzahl 
der Einwohner jedes Staates verteilt wurden. Die 
Einrichtung dieser Hauptzollämter entsprach ganz 
der preußischen, die sich seit 1818 bewährt hatte. 
An der Spitze standen ein Oberzollinspektor, ein 
Hauptzollamtsrendant und ein Hauptzollamtskon- 
trolleur. Diese drei bildeten den Vorstand des 
Amtes, daneben hatte der Oberinspektor besonders 
den äußeren Dienst und die Abfertigungen zu über 
wachen, während die beiden anderen Hauptamts 
mitglieder die Kassengeschäfte des Amtes besorgten. 
Die Zollabfertigung war Sache des Packhofsin 
spektors und der Hauptzollamtsassistenten, von denen 
das Hauptzollamt in Kassel 5 erhielt, als zweite 
Abfertigungsbeamte wirkte ein Anzahl dem Amte bei 
gegebener Steuerausseher. Das Hauptzollamt Kassel 
hatte nur eine geringe Grenzstrecke gegen Hannover, 
für die ihm die Nebenzollämter zu Sandershausen 
und Nieste unterstellt waren. Während in Preußen 
die Hauptzollümter nicht nur die Zollvereinsab- 
gaben, sondern auch die in ihrem Bezirke fälligen 
privativen preußischen Abgaben erhoben, konnte man 
sich hierzu in Kurhessen nicht entschließen. Man 
war aber wenigstens so vernünftig, den mit der 
Erhebung der kurhessischen privativen indirekten 
Steuern betrauten Ämtern die gleiche Einrichtung 
zu geben, wie den Hauptzollämteru. Diese Ämter 
hießen Provinzialsteuerämter und bestanden in 
Kassel, Marburg, Fulda und Hanau. Sie waren 
den Hauptzollämtern derart angegliedert, daß beide 
Ämter nur einen gemeinsamen Oberinspektor besaßen. 
Die Zollbeamten mußten übrigens auch ihre bis 
herige blaue Uniform ablegen und die preußische 
grüne Zollsarbe annehmen. 
Wie erwähnt, besaß das Hauptzollamt Kastei 
eine Grenzstrecke gegen Hannover. Dieses König- 
reich, das damals noch in Personalunion mit 
England vereinigt war und völlig englischen Zwecken 
diente, war dem Zollverein nicht beigetreten, da es 
ein Haupteinfuhrland für die englischen Kolonial- 
und Fabrikwaren war und aus dem Zwischen 
handel mit diesen große Einnahmen zog. Das 
Kasseler Hauptzollamt erhielt dadurch eine erhebliche 
Bedeutung, da nun auf der hannoverschen Straße 
von Münden her eine sehr lebhafte Einfuhr eng 
lischer Waren nach Kassel stattfand. Äm Zoll 
haus auf dem Sandershäuser Berg, das bis vor 
kurzem als Försterwohnung diente und vor dem 
noch die Stemsitze zu sehen sind, auf denen die 
Fuhrleute ihre Äbfertiguug erwarteten, wurden die 
Warenzüge unter Begleitung bewaffneter Grenz 
aufseher nach Kassel auf den Packhof gebracht. 
Dieser Packhof, in dem das Zollamt seit 1832 
untergebracht war, hatte eine interessante Ver 
gangenheit. Das Gebäude war errichtet von 
Friedrich v. Rollshausen, der l 552 an dem Feld 
zug Moritz' von Sachsen und Wilhelms IV von 
Hessen gegen Kaiser Karl V teilnahm und sich beim 
Sturm auf die Ehrenberger Klause auszeichnete, 
dann 1562 mit 2000 Mann den Hugenotten in 
Frankreich und 1567 mit einer Schar hessischer 
Reiter Wilhelm von Oranien in den Niederlanden 
zu Hilfe zog. Er hatte auf seinen Kriegsfahrten 
ein bedeutendes Vermögen erworben, von dem er 
auf seinem Gute zu Friedelhausen ein Schloß, 
das er Kleinfrankreich nannte, und in Kastei an 
der Fulda das Haus baute, das nach ihm der 
Oberstenhof genannt wurde. Er starb als Hof- 
marschall und Oberst der Kasseler Garnison. 1573 
kaufte ihm Landgraf Wilhelm IV den Obersten 
hof ab. Landgraf Moritz der Gelehrte 'schenkte 
den Hof seiner zweiten Gemahlin Juliane von 
Nassau als Wohnung, nach der er den Namen 
Nassauer Hof erhielt, der sich aber gegen den alten 
Namen des Oberstenhofes nicht behaupten konnte. 
1736 wurde das Gebäude vollständig erneuert, 
war dann lange Zeit vermietet und diente teil 
weise als Wildbretschirne. 1757 wurde es zur 
Abhaltung des katholischen Gottesdienstes für die 
französische Garnison der Stadt benutzt. Dieses 
Gebäude nahm nun, nachdem es abermals ganz 
umgebaut, namentlich in seinem mittleren Teil 
zu einer Zollniederlage eingerichtet worden war, 
das Hauptzollamt auf. Das an dieses anstoßende, 
bereits früher erwähnte Gebäude, das Amtshaus, 
wurde abgebrochen, und es entstand so ein geräu 
miger, zur Aufnahme der Frachtwagen bis zu
	        

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