Full text: Hessenland (27.1913)

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des verstorbenen Königs Stumm in Neunkirchen — 
die Rauischen Güter zu Holzhausen und erneuerte 
die Gebäude des Gutshofes von Grund auf. Das 
Herrenhaus wurde ebenfalls in Stand gesetzt. 
Gleichzeitig aber faßte der neue Besitzer den Plan, 
seine Lieblingsidee zu verwirklichen und für sich 
und seine Nachkommen in der herrlichen Gegend 
ein modernes Schloß mit großen Parkanlagen zu 
bauen. Zu diesem Zweck hielt er unter den hervor 
ragendsten Architekten Hessens Umschau und fand 
in der Person des jungen Marburger Baumeisters 
Schäfer den Mann, der seine Pläne verwirklichen 
sollte. Es war ein glücklicher Griff, den ihn der 
Zufall tun ließ. Nach dem einhalbjahrhundert 
langen Darn iederliegen jeglicher künstlerischer Bau 
tätigkeit kam es wie das Erwachen des Frühlings 
über die deutschen Baukünstler. Georg Gottlob 
Ungewitter in Kassel hatte sich in der Polytechnischen 
Schule als Gotiker einen Ruf erworben, der. weit 
über die hessischen Grenzen hinausgehend, in ganz 
Deutschland ein freudiges Echo fand. Alle seine 
Schüler hingen ihm in glühender Begeisterung an 
und trugen seine Ideen in alle deutschen Gaue. 
Einer der bedeutendsten seiner Schüler war der 
Baumeister Karl Schäfer, der vom preußischen 
Staat insofern ganz besonders ausgezeichnet worden 
war, als ihm die Wiederherstellung und der Umbau 
des Marburger Schlosses übertragen wurde, eine 
Aufgabe, die er in mustergültiger Weise gelöst hat. 
Die Folge davon war, daß in seine Hände bald 
darauf auch der Neubau des Universitätsgebäudes 
mit Aula gelegt wurde, ein Bau, der zu den 
großartigsten gotischen Profanbauten Deutschlands 
zählt. Was Wunder, wenn einem solchen Meister 
nun auch ein Luxusschloß in Entwurf und Bau 
übertragen wurde. 
Die Lage des Schlosses war bald bestimmt. 
Dort, wo Bach, Wiese, Feld, Wald am nächsten 
zusammenrückten, wo dichtstehende hohe Erlen den 
Lauf des Baches bezeichneten und die Zeisige ihre 
Nester bauten, auf einer sanft ansteigenden Wiese, 
die nordwärts von dem Dorfteil „Neu-Potsdam" 
begrenzt wird, wurde im Jahre 1871 der Grund 
zu dem Prachtbau gelegt. Das Material wurde 
der Umgegend entnommen roh behauener Basalt, 
der von vornherein den Schein des Allzuneuen 
zurückdämmt und dem Ganzen eine gewisse vor 
nehme Antike verleiht. Bei den Fundamentierungs 
arbeiten mußte man des Triebsandes wegen stellen 
weise bis 12 Meter heruntergehen. Mancher Bau 
meister würde wohl in einer solchen Lage verzweifelt 
sein, doch Karl Schäfer nicht, der in dem jungen 
Frankfurter Architekten Kaufmann eine tüchtige 
Stütze gefunden hatte. Die Hindernisse wurden 
überwunden, und binnen zwei Jahren war der 
äußere Bau bis Dachhöhe gediehen; die vortreff 
lichen Holzschnitzereien wurden eingesetzt, und wieder 
in Jahresfrist war die äußere Arbeit vollendet. 
Im Jahre 1877 konnte das Schloß bezogen werden. 
Die ganze bauliche Anlage ist eine Millionen 
schöpfung ; mag man das' Schloß von der Süd 
oder Nordseite, von der Höhe oder dem Tale aus 
betrachten, so zeigt sich überall ein gleich vornehmes, 
harmonisches Bild. Verschiedene Türme in mannig 
fachen Formen erheben sich nicht unwesentlich über 
die Dachfirst und beleben das blauschwarze Schiefer 
dach in schöner Weise. Ein Teil der Türme und 
des Schlosses ist mit kletterndem Grün bewachsen 
und bietet zur Herbstzeit durch das leuchtende Rot 
ein anziehendes Bild. Dem eigentlichen Herren- 
hause angegliedert und im oberen Teile mit ver 
ziertem Fachwerk versehen ist das Nebengebäude, 
das verschiedenen Zwecken dient. Besonders fallen 
hier die gediegenen Holzschnitzereien an der Tor 
fahrt auf, wie denn überhaupt das künstlerische 
Kleinhaudwerk in Holz und Metall wahre Kabinett 
stücke aufweist. Die einzelnen Zimmer, Säle. 
Hallen des Herrenhauses verraten durch ihre ge 
diegene Einrichtung ebenso die Wohlhabenheit des 
Besitzers wie dessen feines Empfinden für wahre 
künstlerische Vornehmheit. Ohne jedes protzenhafte 
Sichhervordrängen sieht unser Auge die aus 
erlesensten Kunstwerke; wir werden nicht müde, 
immer wieder die einzelnen Einrichtungen mit 
einander zu vergleichen, ohne zu wiffen, welcher 
wir den Preis zuerteilen sollen. 
Der Anlage des Parkes wurde besondere Sorg 
falt gewidmet. Unter der Leitung eines tüchtigen 
Gartenkünstlers entstand — ganz nach den Plänen 
des Schloßbesitzers — in steter Anpaffung an die 
umgebende Natur ein Teil nach dem andern des 
weiten Lustgartens. Englischer Stil war maß 
gebend , enge Verbindung mit dem die Landschaft 
durchfließenden Bach, der, von schönen Erlen ein 
gefaßt. eine anmutige und belebende Situation 
bot, das Natürliche. Kleinere und größere Wasser 
fälle, teichartige Verbreiterungen des Wasserspiegels 
wurden angelegt und — nicht weit vom Eingang 
zum Park — ein größerer Teich geschaffen, von 
dem man auswärts zum Schloß einen entzückenden 
Blick genießt. In vornehmer, grüner Umgebung 
bietet dieser Teich, belebt von Schwänen, einen 
Glanzpunkt des weiten Parks. Über das Schloß 
hinaus verlieren sich die Anlagen am Bismarck 
denkmal vorüber (das die Freundschaft dem großen 
Kanzler errichtete) allmählich in prächtigen Hoch 
wald, der aber überall die sorgsam schaffende Hand 
des Schloßherrn offenbart. 
Je tiefer wir in diesen prächtigen Wald ein 
dringen, desto größer wird die Ruhe; außer den
	        

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