Full text: Hessenland (27.1913)

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und ohne Schönfärberei darstellte. Alles Existierende 
sollte (wenigstens der Theorie nach) fortan Gegen- 
stand.der Kunst sein können. Ihr Stoffkreis sollte 
so weit reichen, wie die sichtbare Welt. Es ist 
bekannt, daß die Folge dieser weitherzigen Doktrin 
eine merkwürdige Einseitigkeit war. Denn in der 
Praxis trat eine Bevorzugung des von der alten 
Ästhetik als „häßlich" Bezeichneten ein. Es war 
die Zeit, in der das Paradoxon geprägt wurde: 
„Das Häßliche ist das Schöne." Das Phantasie 
bild schien völlig verdrängt. In Deutschland hat 
der Moderne Naturalismus, dem Menzel und Leibl 
vorgearbeitet hatten, die verflachte Historien-, Geure- 
und Schönheitsmalerei ebenfalls rasch überwunden. 
Pleinair- und Armeleutemalerei sind vereinigt auch 
bei uns eine Bewegung geworden, die den Sieg auf der 
ganzen Linie errang. Doch machte sich neben diesem 
Naturalismus (der sich, nebenbei bemerkt, vom 
literarischen Naturalismus nur durch die Ausdrucks 
mittel unterscheidet) eine andere, eine stilisierende 
Richtung bemerkbar, die, der Wirklichkeit abgewandt, 
die freie Phantasie walten ließ und sich der Sage 
und Mythe, der Mystik und Symbolik zuneigte. 
Es war Böcklin, der hier dieselbe Johannes-Rolle 
spielte wie Menzel beim Naturalismus. Und wie 
stellt sich die Situation heute dar? Die Nur- 
Naturalisten sind bereits ins Hintertreffen geraten. 
Noch bilden sie die große Masse, der wir auf den 
Ausstellungen begegnen, aber sie haben nichts Neues 
mehr zu sagen sie wiederholen nur. Die Re 
volutionäre von gestern sind die Akademiker von 
heute. Die schöpferischen Kräfte (stets eine kleine 
Minderheit) ringen bereits um andere Probleme. 
Schon hat sich in der Malerei bei wenigen führen 
den Begabungen (Klinger z. B.) eine Durchdringung 
des naturalistischen und idealistischen Prinzips voll 
zogen, eine großartige Synthese, wie wir sie in 
der genau den gleichen Wandlungen unterworfenen 
modernen Dichtung noch nicht zu verzeichnen haben. 
Anlaß zu dieser kurzen Orientierung über die 
moderne Kunstentwicklung gab die gegenwärtige 
Aufstellung des Kasseler Kunstvereins. Sie zeigt 
uns einen Maler, dem die strenge Schule des 
Naturalismus Voraussetzung und Grundlage zu 
neuem Tun gab. „Morgensonne" heißt das letzte 
Bild Walter Schliephackes, eines jungen, hier 
lebenden Meisters, der sich selten auf Ausstellungen 
sehen ließ. „Morgensonne"! — Man könnte Lust 
verspüren, im Hinblick auf die Bedeutung des 
Bildes eine versteckte Symbolik ous dem Titel 
herauszulesen. Wir sehen eine Flußlandschast mit 
Bäumen, ganz eingetaucht in eine graublaue Luft, 
die das goldene Frühlicht zu durchblitzen und zu 
durchrieseln beginnt. In dieser Landschaft voll 
geheimnisvollen Lichtzaubers stehen Menschen in 
feierlicher Ruhe oder gemessener Bewegung. Ihre 
nackten Körper sind umflossen von dieser eigen- 
artig durchsonnten Atmosphäre, die sie farbig restlos 
zum Ganzen stimmt. Wahr und wirklich und 
dennoch auch wieder traumhaft-unwirklich erscheint 
die Welt der „Morgensonne". Wer die Formel 
für diese Kunst sucht, wird sie mit dem Schlag 
wort „Neuromautik" nicht ausreichend charakte 
risieren. Wir haben hier die völlige Verschmelzung 
neu-romantischeu Gefühlslebens und Schönheits 
empfindens mit naturalistisch erforschter und 
naturalistisch wiedergegebener Wahrheit. Beide 
Richtungen steigerten sich wechselseitig, ein solches 
Ergebnis zu zeitigen. 
Schon in einem frühen Stadium seiner Ent- 
Wicklung hat Walter Schliephacke versucht, seine 
Persönlichkeit im Phautasiebilde auszuprägen. Er 
war dabei nicht selbständig von Anfang an. Man 
ist immer jemandes Sohn — zunächst wenigstens, 
ehe man ein „ich selbst" wird. Es liegt in der 
Veranlagung und im Temperament Schliephackes 
begründet, daß er sich frühzeitig zur idealistischen 
Richtung, zur Romantik und farbigen Stilisierung 
Böcklins hingezogen fühlte, daß ihn auch Hans 
v. Maries mit seiner Welt, einer unwirklichen, 
zeitlosen Schönheit, mächtig angelockt hat. Das 
bezeugen Werke wie „Ritter und Mädchen", eine 
Gruppe von Akten und Halbakten, „Frauen und 
Kinder" in einer Landschaft. Moderner ist schon 
ein sehr feines religiöses Bildchen „Die Flucht 
nach Ägypten", doch deutet auch hier ein romantisch 
symbolisierender Kolorismus noch überwiegend nach 
rückwärts. Wäre Schliephacke auf diesem Wege 
geblieben, so hätte man nur einen begabten Epigonen 
mehr zu verzeichnen. Ein unablässiges Natur 
studium mit den Mitteln moderner malerischer 
Technik hat ihn vor diesem Schicksal bewahrt. 
Zwar hat der Künstler nie aufgehört, das Traum- 
land seiner Phantasie zu gestalten, doch konnte 
er durch Jahre in der Hauptsache nichts Besseres 
tun, als sich zum konsequenten, rücksichtslos-ehr 
lichen Naturalisten und Eindrucksmalerzu entwickeln. 
Er hat Studien verschiedenster Art, Köpfe, Akte, 
Landschaften mit und ohne Figuren, Interieurs und 
Stilleben gemalt, die inbezug auf lebendige Un- 
Mittelbarkeit der Wiedergabe des optischen Eindrucks 
belichteter und beschatteter Objekte zu den besten 
Leistungen zu rechnen sind, die moderne Wirklichkeits- 
Malerei aufzuweisen hat. In selbständiger Weise hat 
der Künstler sich vor der Natur jene Valeurmalerei 
zu eigen gemacht, die dein Auge das Luftleben 
zwischen den Dingen offenbart, ihm jene Ver 
änderungen der Farbentöne zur Erkenntnis bringt, 
die sich ergeben aus der Stellung der Gegenstände 
im Raume, ihrer verschiedenen Entfernung unter-
	        

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