Full text: Hessenland (27.1913)

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Die Eschweger Flurnamen. 
Vortrag, gehalten im Eschweger Geschichtsverein "von Lehrer Bierwirth. 
Ein sehr wichtige« Gebiet heimatkundlicher For 
schung find die F l u r n a m e n. Auf die Wichtigkeit 
dieser Forschung wies zuerst Arnold in Marburg 
in seinen „Anfiedlungen und Wanderungen deutscher 
Stämme- hin. Er sagt u.a. darin: „Hier wäre 
ein überaus dankbares Feld für die Tätigkeit 
unserer Geschichtsvereine. Sollten sich denn nicht 
bei dem erwachten lebhaften Interesse für die vater 
ländische Geschichte überall Freiwillige finden, welche 
die Ergebnisse der Steuerkataster vervollständigen 
und berichtigen könnten? Die Ausbeute wäre ohne 
Zweifel der Mühe wert. Denn gewänne man auf 
solchem Wege, um die Worte Grimms hier in 
anderem Sinne zu wiederholen, alle für Mythologie, 
Recht, Geschichte und Sprache erheblichen Ortsnamen, 
ließe man sie sämtlich drucken und vergliche sie mit 
genauen Registern, so würde unser Hessenland eine 
Ortskunde besitzen wie kein anderes Land. Zeit 
dazu wäre eS; denn auch die Flurnamen find zum 
Teil im Aussterben begriffen.- 
Angeregt durch Arnold wies in einer Denkschrift 
(„Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und 
Landeskunde" 18. Band 
Jahrgang 1893) Major 
a. D. v. RoqueS auf die 
hohe Bedeutung der Er 
forschung der Flur-, Wald- 
und Dorfstellen.Namen für 
die Ortsgeschichte hin. Ich 
habe mich nun gelegentlich 
der Herausgabe der Heimat 
kunde des Kreises Efchwege 
näher mit der Eschweger 
Gemarkung beschäftigt, zu 
welchem Zwecke mir Bürger 
meister Bocke die alten Esch 
weger Katasterkarten zur 
Verfügung stellte. 
Eine Anzahl Eschweger 
Flurnamen erttärt sich von 
selbst, wenn man an das 
frühere Aussehen der Stadt 
und die Tätigkeit ihrer Be 
wohner denkt. Die engen, 
krummen Straßen waren 
ungepflastert und abends 
unbeleuchtet. Vor den Häu 
sern lagen große Dünger 
hausen. Denn die sämtlichen 
Bürger trieben neben ihrem 
Handwerk noch eine lebhafte 
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Hofportal im Schlosse Mlhelmsburg. 
Landwirtschaft. Wer am Morgen durch daS Boyne- 
burger Tor von auswärts kam, dem begegnete 
regelmäßig der städtische Schweinehirt mit seiner 
Herde. Er trieb seine Borstentiere durch die 
Schweinegasse, jetzige „Wendische Mark", nach 
dem Schweinegraben, das ist daS enge Tal 
südlich der Leimenkaute, und.nach dem Sau 
rasen, dem Tal. das sich vom Kuppenweg nach 
der Vogelsburg zieht. Aber nicht allein die Schweine, 
sondern auch das Rindvieh wurde an die Weide 
getrieben. Der Kuhhirte zog mit seiner Herde 
durch daS Neue Tor über die Kuhtrift nach 
dem Hirtenrasen. Von besonderem Interesse 
ist, auf welche Weise die Stadt Eschwege in Besitz 
dieser 110 Acker großen Hutefläche kam. Da die 
Werra in dem Felde zwischen Eschwege, Niederhone 
und Jestädt durch ihre Überschwemmungen große 
Verheerungen anrichtete, sah sich die Stadt ver 
anlaßt, in den Jahren 1582 bis 1594 auf ihre 
Kosten das Flußbett zu regulieren. Dadurch kam 
der Hirtenrasen an die Stadt, obgleich daS Land. 
daS hier lag, zum größtenteil nach Niederhone 
gehörte. Den Prozeß, den 
die Niederhöner dieserhalb 
anstrengten, gewannen die 
Eschweger auf Grund des 
Privilegs, das Landgraf 
Wilhelm I. der Stadt ver- 
liehen, wonach alles Land, 
das innerhalb der Gemar 
kung von der Werra an 
geschwemmt wurde, der 
Stadt gehören sollte. Als 
Viehweide diente auch der 
dem Hirtenrasen gegenüber 
am rechten Werraufer am 
Fußweg nach Jestädt lie 
gende Huterasen oder 
Warterasen. Hier stand 
im Mittelalter zum Schutze 
der Stadt ein alter Wart- 
turm, in dem ein Wächter 
wohnte, der nahende Feinde 
dem Wächter auf dem 
Klauskirchtum zu melden 
hatte. Am Tage geschah 
dies durch das Aufstecken 
von Fahnen und in der 
Nacht durch das Schwenken 
von Leuchten. Solche Wart 
türme befanden sich außer
	        

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