Full text: Hessenland (27.1913)

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Vater ist da! 
Skizze von M. Herbert. 
Die alte gelbüberstaubte Lohgerberei mit ihrem 
braunen Gelirre von Guergebälk, Gerüst und Ge- 
häng, mit ihren Galerien und klitschigen Stein 
treppen ist weit in den versonnenen Hessenfluh 
hineingebaut gewesen, ganz nahe am großen Wehr, 
wo über die mächtigen, hellgrün bemoosten Steine 
die silbernen Sommerwellen tanzen und die gelben 
schweren Fluten des Hornung ihren donnernden 
Marsch trommeln. 
Dort ist auch das Lohgerberhaus unter breiten 
Ellern und Weiden gelegen, breitspurig und in sich 
zufrieden. In all seinen bescheidenen Räumen ist 
der scharfe Geruch der Lohe gewesen. Man hat 
das hochgegiebelte Haus „Am Bietzen" genannt. 
Niemand weiß warum. Eine uralte Familie ist 
darin gesessen, „die Lotze" In der Familie hat 
seit Menschengedenken stets der älteste Sohn Georg 
geheißen und der zweite Henner. Der Älteste hat 
die Gerberei geerbt und die übrigen Söhne haben 
sich in der Welt zerstreut — von alters her. Manche 
sind emporgekommen, manche sind verkommen und 
verschollen, wie das so ist mit Leuten, die nicht 
wie die Schneck' ihr eigenes Heim auf dem Buckel 
tragen, sondern den Wanderstab fetzen mögen, 
wohin sie wollen. 
Auch damals ist der Gerbermeister Georg Lotze 
in dem Vaterhaus gesessen, ein behäbiger Mann, 
bedächtig und recht, der seinen Platz in Kirche und 
Magistrat gehabt hat. Auch er hat einen Bruder 
namens Henner besessen. Der Henner ist zuerst 
auf guten Wegen gewesen, hat eine Stelle als 
Stadtschreiber erhalten und eine Bürgerstochter 
geheiratet. Die ist ein stetes und braves Weib 
gewesen, schlicht und fest und hat den etwas losen 
Henner in sanfter, aber ernster Zucht gehalten. 
Ehrbarlich ist er neben der blanken Frau zur Kirche 
gegangen und hat abends neben ihr bei der kleinen 
Petroleumlampe gesessen und ihren fleißigen Fin- 
gern zugeschaut, statt wie sonst draußen vor dem 
Tore im Roten Löwen zu bechern, wo es wilde 
Zechkumpane, freche Mäuler, Weiber und Rauf- 
bolde gibt. 
Aber als die Marie endlich nach langem Warten 
ins Kindbett gekommen ist und der Henner halb 
ungescheit getan hat mit seinem kleinen Mädchen, 
ist durch eine Unvorsichtigkeit das Fieber herbei 
geschleppt worden, hat die Frau in seine roten, 
glühenden Hände genommen und ist mit ihr auf 
und davon bis durchs Friedhofstor. Da lag sie, 
und nur ihr Kreuzlein hat noch von ihr erzählt. 
Da hat es keinen unglücklicheren gegeben als den 
Henner Lotze. Man hat ihn bewachen müssen, 
sonst hätt' er sich ein Leid getan. Demi immer 
ist er auf der rabiaten und heftigen Seite gewesen. 
Das Neugeborene hat des Georgen Lotze Weib, 
die kinderlos war, an sich genommen mit großer 
Lieb' und Treue, und bald hat sie nimmer ge- 
wußt, ob das Mariechen nicht ihr Eigenes ist. 
Der Henner hat dann zuerst auch jeden freien 
Augenblick in der Gerberei bei dem Kinde ge 
sessen, und als es zum ersten Lallen und Sprechen 
gediehen ist, haben die Lohgerberin und der Stadt- 
schreiber sich schier feindselig angeschaut, weil die 
Ziehmutter gehofft hat, das Kind wird als erstes 
Wort „Mutter" sagen, und der Henner, es wird 
„Vater" rufen. Und es hat zuerst „Vater" ge- 
rufen; das war wohl die größte Freud, die dem 
Henner überhaupt je geworden ist auf Erden. 
Auch nachher hat trotz aller Liebe »nid Treue 
der Lotzin das Mädel immer nach dem Vater 
verlangt und aufgejauchzt und die Händchen aus- 
gestreckt, so oft es ihn hat unter dem niederen 
Türbalken erscheinen sehen. Die Lohgerberin hat 
das den Henner entgelten lassen: „Ich hab' mehr 
Recht auf das Kind als du' Ohne mich wär's 
elend zugrund gegangen. Mich soll's lieb haben, 
mich allein!" 
Da hat der Henner gefürchtet, das Mariechen 
müßte seine Liebe zum Vater bei den Zieheltern 
büßen, und ist nicht mehr so oft in die Lohgerberei 
gekommen, ob es ihm auch fast das Herz abge 
drückt hat. Daß er wieder gefreit hätte, ist ihm 
gar nicht beigekommen, er hätte es nicht zuwege 
gebracht. Soweit er auch schauen konnte, da war 
keine, die der toten Frau auch nur etwas gleich ge 
sehen hätte, da war keine mit so leisem Gang und so 
guten Augen, keine mit so stiller Rede und so gefaßtem 
Wesen, keine, bei der dem unruhigen Manne heimat 
lich geworden wäre. Nach und nach hat er dann 
begonnen, wieder abends im „Roten Löwen" zu 
zechen und Karten hinzuhauen, in den heiligen 
Sonntag hinein seinen Rausch zu verschlafen, so 
daß weder Kirchenglocken noch Gottes Wort mehr 
an ihn heran gekonnt haben. 
Das Kind ist indessen wohlbehütet im Lohgerber- 
haus herangewachsen. Schier andächtig hat der 
Henner das Mariechen angeschaut, wie es im ersten 
weißen Kleidchen auf der breiten Fensterbank ge 
sessen ist und sein Haar im Sonnenscheine gegleißt 
hat wie gesponnenes Gold. Da ist er hingegangen 
und hat heimlich, ohne daß die Lohgerberin es 
gemerkt hat, ein Löckchen herabgeschnitten und es
	        

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