Full text: Hessenland (27.1913)

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Es folgen ein handschriftliches Textbuch zu feiner 
1827 komponierten Oper. „Pietro von Albano", 
deren Librettist sein durch die „Polenkinder" be 
kannter Schwager Karl Pfeiffer ist, ferner noch 
folgende Musikmanuskripte 4. Trio für Piano 
forte, für Violine und Violoncell 1846, dann das 
Originalmanuskript des Liedes „Bitte, bitte einen 
Blick", ein Kanon zu vier Stimmen für 2 Vio 
linen, Viola und Violoncell und ein Entwurf 
zu einem Klarinettenkonzert in f moll, bei dem 
es sich offenbar um das ungedrnckte, bei Schletterer 
„Spohrs Werke" als 3. Konzert für Klarinette 
aufgeführte Werk handelt. Schöne Stücke sind 
auch zwei musikalische Stammbnchblätter von seiner 
Hand, eines (1858) 9 Takte aus der Ouvertüre 
zu „Jessonda" und das andere (1857) die voll 
ständige Komposition des Liedes von Walther v. 
d. Vogelweide „Die verschwiegene Nachtigall" ent 
haltend. Außerdem wird eine Sammlung von 
68 Originalbriefen von Spohrs Hand gebracht, 
aus den Jahren 1807 — 1859, die — zumeist an 
bedeutende Künstler und Kunstverleger gerichtet — 
gewissermaßen eine Ergänzung zu seiner Biographie 
darstellen und für die Geschichte der deutschen Oper 
des 19. Jahrhunderts von größter Bedeutung sind. 
Das prächtigste Stück, gerade jetzt im Jahre 
der Jahrhunderterinnerungen von besonderem In 
teresse, ist aber ein Originalmanuskript mit dem 
Titel: „Das befreyte Deutschland. Cantate von 
Caroline Eichler, in Musik gesetzt von L. Spohr. 
Wien im Winter 1814." Es ist dies die eben 
falls noch ungedruckte Partitur dieser Kantate, die 
er für eine große Musikaufführung bei der Rückkehr 
des Kaisers von Österreich aus den Freiheitskriegen 
„in dritthalb Monaten, vom Januar bis Mitte 
März 1814 bei allen meinen übrigen vielen Arbeiten", 
wie er in seiner Biographie schreibt, komponierte. 
Wäre es nicht eine Pflicht der Dankbarkeit gegen 
den großen Meister, sie in diesem Jahre seinen 
Kasseler Verehrern zu Ohren zu bringen? 
Möchten sich doch offene Hände finden, die solche 
kostbaren Schätze für unsere Heimat erhalten' 
-Q-«- 
Vom Kasseler Hostheater. 
Zur Hebbelfeier hat uns daS Hoftheater des Dichters 
„Gyges und sein Ring" beschert. Es war jammervoll 
leer im Zuschauerraum. Die große deutsche Hebbelgemeinde 
scheint in Kassel nicht viele Mitglieder zu zählen. DaS 
ist beschämend — aber nicht für Hebbel. Gewiß, in des 
Dichters Schöpfungen ist etwas, das sie hindert. Gemein 
gut der Nation zu werden. DaS Zergrübelte und Kon 
struierte wirkt erkältend und fremdartig. Wenn er Regungen 
und Gefühle bis in die äußersten Verästelungen abtastet, 
gemahnt es uns bisweilen an ein anatomisches Präparat, 
das Sehnen und Nerven in in ihrem ganzen Verlaus 
bloßlegt. Seinem tief düstern Weltgefühl, wie wir es in 
seinen Dramen empfinden, hat er in einem Briefe Ausdruck 
gegeben, der uns ein Schlüssel ist zu manchem Unverständ 
lichen. „Glauben Sie mir. all das Finstre, was durch 
meine Arbeit hindurchgeht, ist nicht Resultat meines in 
dividuellen Lebens- und Entwicklungsganges, es sind 
keine persönlichen Verstimmungen, die ich ausspreche, es 
find Anschauungen, aus denen allein die tragische Kunst 
wie eine fremdartige Blume aus dem Nachtschatten hervor- 
wächst. Ein tragischer Dichter selbst der glücklichste, 
Sophokles, nicht ausgenommen hat nie andere gehabt; 
denn wenn die epische und die lyrische Poesie auch hin und 
wieder mit den bunten Blasen der Erscheinung spielen 
dürfen, so hat die dramatische durchaus die Grund 
verhältnisse. innerhalb deren alles vereinzelte Dasein 
entsteht und vergeht, ins Auge zu fassen, und die sind 
bei dem beschränkten Gesichtskreis des Menschen grauenhaft. 
Das Leben ist eine furchtbare Notwendigkeit, die auf Treu 
und Glauben angenommen werden muß. die aber keiner 
begreift, und die tragische Kunst, die. indem sie das 
individuelle Leben der Idee gegenüber vernichtet, sich zugleich 
darüber erhebt, ist der leuchtendste Blitz des menschlichen 
Bewußtseins, der aber freilich nichts erhellen kann, was 
er nicht zugleich verzehrt. . " Er konnte den Schillerschen 
.Wallenstein" für völlig ideenlos erNären und das Problem 
dieser Tragödie in dem Mißverhältnis zwischen der be 
i stehenden Staatsform und dem darüber hinausgewachsenen 
Individuum finden. Er konnte allen Ernstes die Lösung 
des Konflikts im „Wallenstein" „nur durch eine dem großen 
Individuum aufdämmernde höhere Staalsform" fordern. 
Was allgemein menschlich in Schillers Helden ist und in 
seinem Konflikt, was uns empfinden läßt, daß hier ewig 
Wiederkehrendes behandelt wird, lag seinem Verständnis 
fern. Es liegt gleich fern seiner Kunstauffassung. Darum 
die Wahl entlegenster Stoffe, in denen er seine Ideen kon 
struieren kann. Daher das erkältende Furchtgefühl, das 
. uns bleibt, und der Mangel an Erhebung. 
In „Gyges" will es uns nicht gelingen. Rhodopens 
gesteigertes Schamgefühl, das sie zur Tötung ihres Gatten 
und zum Selbstmord treibt, innerlich mit zu erleben. Die 
fremde Kultur, in der die Heldin aufgewachsen ist. soll 
uns ihr Fühlen verständlich machen. Aber der Fall 
Rhodope bleibt uns die sorgsam konstruierte abstrakte 
Idee, die um so unglaublicher wirkt, als die Liebe Rho 
dopens zu Kandaules sehr gemäßigter Art ist. Daß sie 
des Gatten Tod nicht mehr erregt, könnte erklärt nicht 
entschuldigt werden durch die Absicht des Selbstmords. 
Dem bewußt dicht am Grabe stehenden mag Anderer Tod 
gleichgiltig sein. Uns aber fügt dieser Gleichmut einen 
Flecken in das Bild. Trotz alledem ist das Drama Hebbels 
Meisterwerk. Diese tragische Höbe ward von ihm nicht 
wieder erstiegen. Anlage und Durchführung sind mit 
genialer Hand geformt, die Zeichnung der Personen in den 
verschiedenen Grundstimmungen ausgezeichnet gelungen. Er 
hat keinen Intriganten nötig, um die Handlung in Fluß 
zu bringen. Es find lauter edle Menschen. Doch aus 
ihrem Charakter erwächst ihnen ihr Geschick. In einer 
Zeit wo selbstgefälliges blutleeres Ästhetentum das große 
Wort führt und auch auf künstlerischem Gebiete Kompromisse 
allzu beliebt find, ragt der seinem Ideal ewig getreue 
knorrige Dithmarsche zu gigantischer Höhe auf. Und was 
Otto Ludwig bei seinem Tode schrieb, es erscheint uns voll 
zutreffende „Wieder einer und wohl der Beste unter den
	        

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