Full text: Hessenland (26.1912)

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darstellten, beniühtrn sich redlich, sie zu individuellem Leben 
zu erwecken. Ausgezeichnet, feinfühlig und sorgsam hatte 
die Regie des Herrn Jürgenfen gearbeitet, den man denn 
auch mit den Hauptdarstellern wiederholt an die Rampe rief. 
Kurz vorher war als Novität „Hans Sonnenstößers 
Höllenfahrt" gegeben worden. Ein junger Student, 
der die arme filia hospitalis liebt, will ein ungeliebtes 
reiches Mädchen freien. Da bringt ihn ein Traum auf 
den richtigen Weg. Von all den zahlreichen Traumstücken, 
die die deutsche Literatur kennt, unterscheidet sich das 
Paulsche Werk durch seine krause Realistik. Genau so 
unzusammenhängend, so aller Verkettung von Ursache und 
Wirkung bar, so lächerlich und unsinnig, so grotesk und 
fürchterlich, wie Träume zu sein pflegen wird uns hier 
das Traumbild vorgeführt. Und darum wirkt das Stück 
amüsant und erheiternd. Denn dichterische Qualitäten hat 
es nicht, die Erfindungsgabe ist mäßig, die Handlung an 
sich wenig originell. Einige gut gezeichnete Typen ver 
stärken das Interesse. 
Die Regie (Herr Hertz er) hatte viel getan, um den 
Charakter des Traumstücks zu wahren. Vielleicht ließe 
sich noch mehr tun, um dem Zuschauer ständig zum 
Bewußtsein zu bringen, daß er nur Geträumtes sieht. 
Herr Strial gab den Sonnenstößer mit liebenswürdigem 
Humor, Frl. Stiewe ein oberflächliches Modedämchen 
mit" famoser Realistik. Frl. G r o a war ein nettes Haus- 
töchterlein, Herr Alberti ein charakteristischer Bühnen 
künstler. Auch die übrigen Mitspieler boten ihr Bestes. 
Wenn die Regie die störenden längeren Zwischenakte mitten 
im Traum beseitigte und im letzten Akt die Hinrichtungs 
szene um gut die Hälfte kürzte, würde sie zweifellos die 
Wirkung noch erhöhen. 
H. Blumenthal. 
48HS*’ 
Der Ritter von der Weidelsburg. 
Von Heinrich Bertelmann. 
In der Weinstube „Zum wilden Mann" in der 
Herrengasse zu Kassel kam der Widerstreit von Tag 
und Nacht nie recht zur Entscheidung. Ewiges 
Dämmern brütete hinter den kleinen Butzenscheiben, 
des breiten, säst die ganze Schmalseite des traulichen 
Raumes einnehmenden Fensters, in dessen Mitte ein 
goldiger Bacchus mit grünem Weinlaubkranz im 
Lockenhaupt prangte. 
Ein wenig trotzig stand sein Bild zwischen Licht 
und Dunkel da. Man hatte den Eindruck, als 
käme er aus dem Tage hereingeschritten, entgegen 
dem Gebot, daß man aus dem Dunkeln ins Helle 
streben soll. 
Frohmutig hielt der lebenslustige Gott den schäu 
menden Becher empor, als spende er drin rechten 
Heiltrank für alles, was dem inwendigen Menschen 
weh und zuwider ist. 
Und wer einmal dort hinten in der Ecke an dem 
runden Tische saß, vor fich einen guten Tropfen, 
wie ihn in Kassel eben nur Johann Georg Schminke, 
Wirt zum wilden Mann, verzapfte, dem war es am 
Ende einerlei, ob der Tag oder die Nacht im 
Negimente saß. Der ließ die Zeit ruhig draußen 
im Torweg warten. Und die grundgütige Herrin 
wartete geduldig aus jeden, der ihrem Joch einmal 
sich entwand. Vergessen zu trinken. Die hier ein 
traten, kamen alle, alle wieder heraus und stellten 
sich freiwillig unter Zügel und Zaum. 
Ein Aprillag des Jahres 1448 neigte sich zum 
Abschied. Die Sonne hatte ein Fest hinter sich. 
Draußen vor den Toren war der Bürger fleißig 
gewesen. Die weißen Hemdärmel der fröhlich Schas 
senden hatten den lieben langen Tag hinter allen 
Zäunen geleuchtet. Wo nun noch zwei bei einander 
standen, wanden sie mit freundlichem Wort dem 
Scheidenden einen Ruhmeskranz. 
Vorab die Kinder mochten des Freundes allzu 
gütige Hand nicht loslassen. So klang es denn 
auch dicht unter den Fenstern des wilden Mannes 
unaufhörlich 
Hans Henrich der wohnt in der Lämmerlämmerstraß, 
In der Lämmerlämmerstraß 
Kann machen, was er will 
„Könnten wir das doch auch noch einmal singen, 
Peter!" 
„Ach, schweig still! Es ist genug, daß einem 
das Echo der Kindheit so noch einmal ans Ohr 
klingt. Von vorn möcht' ich's nicht wieder durch 
kosten, um keinen Preis!" 
Die beiden Männer, die von verschiedenen Seiten 
her den singenden Kreis umschritten und einander 
im Torweg die Hände reichten, waren der Gold 
schmied Jakob Rübenkönig und der Handelsherr 
Peter Lorenz, die gewohnt waren, im wilden Mann 
ihren Abendschoppen zu trinken. Jakob Rübenkönig 
war ein Mann in den besten Jahren. Das braune 
Tuchgewand verriet den wohlhabenden Bürger. Unter 
dem Barett bauschten sich zwei sorgfältig gepflegte 
pechschwarze Locken, die das rechte Ohr bedeckten. 
Seine grauen Augen schauten scharf und schlau. 
Man sah auf den ersten Blick: hier war einer, der 
sein Geschäft verstand und Wahrnahm. 
Seine Werkstatt war in der Obersten Gasse. Er 
hatte gut lachen. Denn zu seinen Kunden zählten 
nicht nur der Hof zu Kassel und die Herzogin zu 
Braunschweig, des Landgrafen Schwester, sondern auch 
Mnhard von Dalwigk, Ritter aus der Weidelsburg. 
Ja, Reinhard von Dalwigk. Gleich dem König 
Artus hatte der sich mit zwölf Rittern umgeben, 
mit denen er auf seinem stolzen Schlosse fürstlich 
hauste. Hermelin und Zobel säumten reich die Ge 
wänder der Männer wie der Frauen, und Jakob
	        

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