Full text: Hessenland (26.1912)

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Lins (der übrigens seit langem in der rheinischen 
Kunststadt selbst wohnt), Julius Jung, Richaxd 
Jeschke und Julius Helln er, so individuell ver 
schieden auch die einstigen Anregungen verarbeitet 
und durch eigenes Naturstudium erweitert sind. 
Julius Jung ist mit einer Reihe erfreulicher, wenn 
auch technisch nicht immer gleich flotter Leistungen 
vertreten. Die Heimat gab ihm eine schöne, ein 
fache Winterlandschast, in der schwere dunstige Lust 
das Einsetzen des Tauwetters verkündet, ferner eine 
in starken Kontrasten von Hell und Dunkel sprechende 
Abendstimmung mit den Silhouetten eines großyn 
Weidenbaumes und eines darunter sitzenden Schäfers. 
Mehrere der Jungschen Motive sind aus Holland 
geholt. Das eine — „Holländischer Kanal" 
weckt eine starke optische Illusion der typischen end 
losen holländischen Ebene, die nur von einzelnen 
Windmühlen und Gehöften und hie und da v^n 
weidende» Kuhherden unterbrochen wird. Ein anderes 
Bild zeigt eine Gruppe von Frauen, die Ausfahrt 
von Fischerbarken nach Eintritt der Flut bei dro 
hendem Gewölk beobachtend, ein weiteres gibt eiste 
Impression des rauch- und dunstersüllten Rotter- 
damer Hafens. Richard Jeschke, der manchmal 
Härten und Unstimmigkeiten der Farbe nicht ganz 
vermeidet („Wald bei Ihringshausen", „An der 
Bode bei Thale") bringt eine sehr schöne, frisch 
und einheitlich gesehene, von herbstlichem Dufte er 
füllte Fernsicht in der Dörnberggegend, I. v. Krey- 
felt, Kleinsassen, eine im Tone charakteristische 
Vorfrühlingslandschast aus der Rhön. I. H e l l n er 
malte eine Partie aus dem Ahnatal mit desn 
intressanten Gewirr der Baumstämme, die ein Erd 
rutsch aus der ursprünglichen Richtung ihres Wachs 
tums gedrängt hat. 
Die figürliche Malerei ist spärlich vertreten. Ein 
lebensvolles und farbig eigenartiges Damenporträt 
von Fritz Rhein hebt sich beträchtlich hervor. Von 
Arno Weber, Lehrer an der Kunstgewerbeschule, 
verdient ein gut studierter, leider durch seine Um 
gebung im Bilde beeinträchtigter Knabenakt genannt 
zu werden. In den Jnnenräumen von C. Geist 
ist versucht, menschliche Gestalten, einzeln oder ln 
Gruppen, komplizierten Lichtwirkungen unterzuordnest. 
Die Energie, mit der Geist diesen schwierigen Pro 
blemen nachgeht, erfordert Achtung. In einer 
größeren, vielfigurigen Komposition „Symphonie" 
zeigt sich ernstes Studium, wenn auch das Ziel, 
die völlige und ausschließliche Konzentration gus 
die einheitliche malerische Wiedergabe der Licht 
wirkung noch nicht erreicht ist. Nur von dieser 
wollte der Künstler ausgehen, doch kam ihm sein 
Wissen von den Formen, wie sie sind, zuweilen 
störend in die Quere. 
Aus zeichnerischem und graphischem Gebiet bringen 
Richard Jeschke, H.Neumann-München,G.Brau- 
müller- Wiesbaden (farbige Holzschnitte) mancher 
lei Gutes. I e s ch k e s Zeichnungen vom Orangerie 
schloß, seine Putten, seine männlichen und weiblichen 
Figuren gehören zu den Leistungen, vor denen man 
gerne verweilt. Wie liebevoll sind hier die Eigen 
heiten des Barockstils empfunden, wie sein und weich 
die Formenmodellierung mit dem Stifte nachgebildet' 
Zeichnungen, wie diese, haben — des Gegenstandes 
wegen — außer dem künstlerischen einen kultur 
historischen Wert und sollten aus öffentlichen Mitteln 
erworben werden. 
Die Plastik vertreten H. W e d d i g-Flensburg, 
Professor H. Dürr ich und Fritz Cauer, der nicht 
gut beraten war, als er außer dem vortrefflichen 
bronzenen Aktfigürchen des „Schaufflers" und dem 
farbig behandelten Porträtrelief einer Dame noch 
seine anderen Arbeiten, namentlich das Steinrelies 
(Mädchenakt), ausstellte. H. Weddig, der schon 
früher durch seine Bronze „Knabe mit Schale" 
ausfiel, erweist seine Begabung und seine gute Schule 
aufs neue durch die streng aus eine bestimmte Haupt 
ansicht gearbeitete Figur eines sitzenden Pavians. 
Zu dem Vorzüge einer klaren, geschloffenen Sil 
houette kommt die packend lebendige Modellierung 
der Formen, die ausdrucksvolle Gestaltung des 
Funktionellen. Professor H. Dürrich erfreut durch 
kleinere plastische Arbeiten, die dem kunstgewerb 
lichen Gebiete angehören. Es sind zwei Tierfiguren 
(Bär und Hahn) aus ziselierter vergoldeter Bronze, 
die originell stilisiert sind und die Aufgabe erfüllen, 
als praktischer Gebrauchsgegenstand (Schirmgriffe) 
zu dienen und gleichzeitig streng künstlerischer Schmuck 
zu sein. 
Der Leser wird in dieser knappen Übersicht vieles 
nicht finden, was der Katalog verzeichnet. Welche 
Absicht aus dieser „Unvollständigkeit" spricht, wird 
nicht zweifelhaft sein. Es genügt mir anzudeuten, 
wo sich ernsthaftes künstlerisches Streben und tüch 
tiges Können regt. Zum Schluffe aber kann ich 
der Hängekommission der Ausstellung gegenüber eine 
Bemerkung nicht zurückhalten: Das Gesamtbild hätte 
niit etwas mehr Geschick anziehender gestaltet werden 
können.
	        
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