Full text: Hessenland (26.1912)

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Berg und Wald im Hessenland. 
Eine naturwissenschaftliche Plauderei von Otto Kleim. 
Wenn wir durch die prächtigen Bergwälder 
unserer Heimat wandern, so haben wir wohl nur 
selten die Empfindung, daß das alles Knnstwälder 
sind, ja wir wissen wohl kaum, daß das ganze 
Deutschland nicht einen Wald, sondern nur Forsten 
hat. Selbst dort, wo die Bäume nicht wie die 
Soldaten in schnurgeraden Reihen aufmarschieren, 
hat die Hand des Försters alles entfernt, was 
dem Gedeihen nutzbringenden Holzes hinderlich 
war. 
Nur wenn die Forstwirtschaft etwas salopp be 
trieben wurde, oder sollen wir sagen, wenn dem 
Förster ein mehr oder weniger weites Gewissen 
in bezug auf den Nützlichkeitsfaktor gestattet wurde, 
kam etwas mehr Leben in den „Wald" Dann 
dursten auch einmal Kiefern, Fichten, Lärchen, 
Buchen, Birken, Eichen, Eschen, Vogelbeeren, Pappeln 
und Weiden nebeneinander wachsen, so daß sich ein' 
solcher Wald dem ursprünglichell näherte, wie wir 
es im Kaufunger Stiftswalde und in manchen 
Bauernwäldern ab und zu noch sehen können. 
Ebenso scheint der Graf von Bentheim große 
Freude an dem in Staatsforsten so verpönten Efeu 
zu haben. Diese einzelnen grün umsponnenen 
Baumriesen, die aus dem Buschholze hervorragen, 
muß man gesehen haben. Ließe man die Bäume 
vollkommen wild wachsen, wie in dem Urwald des 
Fürsten Schwarzenberg im Böhmerwald, und wie 
wir es im Laufe einiger Jahrzehnte auch im Rein 
hardswalde bei der Sababurg sehen können, so 
würde der Wald sein ursprünglich charakteristisches 
Gepräge wieder erhalten. Neben einer eigenartigen 
Krautflora auf Kalk-, Sand- oder Tonböden käme 
auch eine eigene Baum- und Strauchflora zur 
Geltung. Dann bestimmte nicht der Mensch, son 
dern der Boden und die Witterung im wesent 
lichen, welche Bäume an einem Orte wachsen oder 
zerstört werden müßten, um für den Nachwuchs 
Platz zu schaffen. 
Der Wald, der uns heute in seiner gekünstelten 
Form bei unseren Sommer- und Winterwande 
rungen erfreut und die Seele erhebt, würde dann 
einen ungleich höheren Zauber aus uns ausüben. 
Schon jetzt bietet das Reservat im Reinhardswald 
ein Prachtstück, zu dem es den immer wieder hin 
zieht, der einmal dort war. Hier stehen Eichen 
recken von 9 m Umfang in größerer Zahl, die 
manchem Sturm und manchem Blitz getrotzt. Es 
ist, als ob sie von uns eine Brücke in die Ver 
gangenheit schlügen, aus der wir nur mangelhafte 
Aufzeichnungen haben.*) Und nun in dieser düstern 
Pracht des knorrigen Eichenstammes die schnee 
weiße Birke mit duftigeiii grünem Schleier und 
die Vogelbeereschen mit ihren hellroten leuchtenden 
Beeren. Das ist ein zaubrisch schönes Bild, das 
unser Herz höher schlagen läßt. 
Zwar ist das alles ja nur Stückwerk, aber wir 
freuen uns doch dieses Stückwerks. Denn der 
Erstehung des ursprünglichen Waldes, wie ihn 
Tacitus noch geschaut hat, müßte erst die Ver- 
nichtung unserer gesamten Kultur vorausgehen. 
Das wird aber erst geschehen, wenn unsere Tem 
peratur im Jahresmittel um 8—9 Grad fällt, 
die vorrückenden skandinavischen Gletscher das ge 
samte Ostseebecken ausgefüllt haben und am Rande 
der deutschen Mittelgebirge emporklettern. Doch 
das sind belanglose Z'ukunftsphantasien, von denen 
wir und die nächsten Generationen wohl träumen 
dürfen, die wir aber nicht mehr erleben. 
*) An dieser Stelle kann ich mir nicht versagen, auch 
eines alten Waldwärters zu gedenken, den ich vor Jahren 
wegen seiner vermeintlichen Unwissenheit im stillen belächelte. 
Aber heute möchte ich's ihm wieder abbitten, weil er der 
Wahrheit näher war, als ich ahnte. 
Durch das Mühlbachtal hatte ich den Gahrenberg er- 
stiegen und wollte von hier die Kasseler Schneise zur Saba 
burg einschlagen, verfehlte sie aber und sah auf einmal 
den Schloßberg von Grebenstein herübergrüßen. Daß ich 
in der Irre ging, wußte ich nun wohl, auch daß ich nach 
Norden umbiegen mußte. Aber über die genaue Richtung 
war ich im Zweifel. Zu meinem Glück läuft mir ein 
alter Waldwärter in die Finger. „Hören Sie. wo ist der 
Weg nach der Sababurg?" — „Sa—ba—bürg?" fragte 
er erstaunt. „Das gibt's im ganzen Reinhardswalde nicht." 
— „Aber Freunde Sie wissen doch, das alte zerfallene 
hessische Jagdschloß der Kurfürsten, wo jetzt die preußischen 
Pferde von Beberbeck grasen." — „Ach, Se meinen de 
Zappenborg, das SS was aneres." Und nun wies 
er mir genau die Richtung der Kasseler Schneise. Die 
Mauer und das verschlossene Tor achtete ich nicht. Es 
war bequem zu erklettern, und oben wuchsen die süßesten 
Erdbeeren. Aber bald wäre die Sache noch übel abgelaufen. 
Als ich innerhalb der Mauern wieder verbotene Wege 
ging und eine geschlosiene Tür öffnete, stürzten mir drei 
Jagdhunde wütend entgegen. Türzuschlagen und den Ab 
hang hinabstürzen war fast eins. Von den Pferden weiß 
ich nichts mehr zu sagen; ich war zu hungrig und hatte 
wenig Geld. Aber der Wirt wußte Rat. Dei5Tisch war 
überreichlich gedeckt. Nun soll diese Burg früher tatsächlich 
„Zapfenburg" geheißen haben und „Sababurg" ist nur 
eine Verstümmelung. Wenn's so ist, dann grüß ich euch 
alle in tiefster Ehrfurcht, ihr tapfern „Zapfenburger" 
weil ihr an dem würdigen Namen in Treue festhaltet, 
und wünsche nur, daß die orientalische „Saba" mitsamt 
der darangehängten papiernen Sage vergessen werde und 
die ursprüngliche Zapfenburg wieder zu Ehren komme.
	        

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