Full text: Hessenland (26.1912)

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Die Franzosen machten keinen Versuch, in Eng 
land einzufallen, und die in der Nähe der Südküste 
aufgestellten Hessen und Hannoveraner fanden keine 
Gelegenheit zum Entfallen kriegerischer Tätigkeit. 
Dagegen hatte Gilsa mit feinem Sohne wie viele 
andere deutsche Offiziere die Ehre, der königlichen 
Familie in London vorgestellt zu werden, wobei 
auch der Herzog von Cumberland, der zweite Sohn 
des Königs, zugegen war, dem wir im folgenden 
Jahr in Deutschland wieder begegnen werden. 
Nicht unerwähnt möge hier eine Anfrage bleiben, 
die Oberst v. Gilsa von England aus auf dem 
Dienstwege an seinen Landgrafen richtete, und die 
sich auf einen Leutnant seines Regiments bezog. 
Sie lautete: „Der Leutnant Franz August Scheydt 
bittet ganz untertänigst um den Allergnüdigsten 
Consens zum Heiraten und zwar mit des Hof 
rats Schreiber aus Eschwege zweiten Tochter, indem 
der Leutnant durch diese Heirat allem Vermuten 
nach sein Glück machet, dieweilen gedachter Hof 
rat ein sehr bemittelter Mann ist, und da der 
Leutnant doch in Schulden geraten, so hat der 
Hofrat sich offeriert, die Schulden sofort zu be-. 
zahlen.". — 
Vier Monate waren die deutschen Truppen in 
England, da brach der Krieg in Deutschland aus. 
Friedrich II. von Preußen war seinen Gegnern, 
die sich zu seinem Untergang im geheimen ver 
schworen, zuvorgekommen, war in Sachsen ein 
gefallen, hatte Dresden besetzt, die Österreicher bei 
Lobositz besiegt und die sächsische Armee bei Pirna 
eingeschlossen und zur Übergabe gezwungen. Im 
April des nächsten Jahres 1757 war dann eine 
mächtige französische Armee vom Niederrhein her 
gegen Münster vorgerückt, um die hannoverschen 
Lande zu besetzen, wobei wir uns vergegenwärtigen 
müssen, daß damals der König von England gleich 
zeitig Kurfürst von Hannover war. Zum Schutz 
dieses Kurfürstentums war eine aus hannoverschen^ 
braunschweigischen, hessischen, bückeburgischen und 
gothaischen Truppen zusammengesetzte Armee unter 
dem schon genannten englischen Königssohn Herzog 
von Cumberland bei Bielefeld aufgestellt. Ende 
April wurden die vor einem Jahre nach England 
gebrachten hessischen und hannoverschen Truppen 
von dort wieder nach Deutschland zurückgeschafft 
und konnten zur Verstärkung der Cumberlandschen 
Armee rechtzeitig in das Lager bei Bielefeld einrücken. 
Hier erfuhr Oberst v. Gilsa, daß sein Jugend 
freund Ludwig v. Urff, der als Oberst bei der 
hessischen Kavallerie stand, mit Gilsa stets im 
Dienst gemeinsam vorgerückt war, dabei aber im 
Dienstalter hinter Gilsa gestanden hatte, bereits 
vor vier Wochen Generalmajor geworden sei. Gilsa 
fühlte sich hierdurch mit Recht zurückgesetzt und 
wandte sich mit einer brieflichen Anfrage an den 
Landgrafen. Er hatte die Genugtuung, sehr bald 
durch eine gnädige und die guten Dienste Gilsas 
durchaus anerkennende Antwort des Landgrafen 
zu erfahren, daß er keineswegs übergangen, sondern 
ebenfalls zum Generalmajor befördert sei und zwar 
mit seinem früheren Dienstaller vor General Urff. 
Sein Patent war lediglich wegen seiner Abwesen 
heit aus der Heimat nicht rechtzeitig ausgefertigt 
worden: — 
Durch die Franzosen bedrängt ging Cumberland 
hinter die Weser zurück. Die Franzosen folgten 
ihm über diesen Fluß, während sie gleichzeitig eine 
besondere Heeresabteilung nach dem von eigenen 
Truppen völlig entblößten Hessen entsandten, das 
mit seiner Hauptstadt Kassel ohne Widerstand in 
die Hände des Feindes geriet. 
Am 26 Juli kam es zwischen Verbündeten und 
Franzosen bei Hastenbeck in der Nähe von Hameln 
zur Schlacht. Gilsa führte hier zum ersten Male 
als General eine größere Truppenzahl und fand 
bei der Verteidigung des Dorfes Hastenbeck Ver 
wendung. Infolge der fehlerhaften Anordnungen 
des Herzogs von Cumberland wurde die verbündete 
Armee zum Rückzug gezwungen und wandte sich, 
von den Franzosen verfolgt, über Verden und 
Bremervörde nach Stade, während die Franzosen 
gleichzeitig die braunschweigischen und hannoverschen 
Lande besetzten. — Auf dem beschwerlichen Rück 
züge wurde General Gilsa so krank, daß er kaum 
in seinem Wagen der Armee folgen konnte, und 
daß der Oberbefehlshaber der hessischen Truppen, 
General v. Wutginau, seinem Landesherrn meldete, 
Gilsa würde wohl mit dem Leben nicht davon 
kommen. Zum Glück aber erholte sich der General, 
und Ende August war er schon wieder dienstfähig. 
Sein Sohn Georg war in dieser Zeit wiederholt als 
Ordonnanz zum Stabe des Herzogs von Cumberland 
befehligt, während der älteste Sohn Karl im Sep 
tember d. I. zum Rittmeister im Leib-Kavallerie- 
Regrment befördert wurde. (Fortsetzung folgt.) 
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Domitian und die Kalten. 
Nach dem Vortrag von Professor Georg Thiele im Marburger Geschichtsverein. 
Die Kalten, deren Zusammenhang mit den Hessett 
ebensowenig zu bezweifeln ist wie ihr teilweises 
Aufgehen im Frankenstamm zur Zeit der Völker 
wanderung, haben früh Neigung zur Expansion 
gezeigt, so daß die überlieferte Abzweigung der Ba 
taver aus ihnen glaublich erscheint, während man
	        

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