Full text: Hessenland (26.1912)

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Wilhelm Jacobi. 
Ein hessischer Arzt und Dichter. 
Als vor wenigen Jahren (1908) mich wieder 
einmal die Liebe zu den Heimatbergen in die Rhön 
führte und ich aus der Wasserkuppe in dem Fremden 
buche blätterte, fiel mein Auge aus ein von kräftiger 
Hand ohne Namensangabe niedergeschriebenes längeres 
Gedicht mit der Überschrift „Aus der Wasserkuppe". 
Wenige Zeilen schon genügten, um mir zu zeigen, 
daß ich es hier nicht mit einer der gewöhnlichen 
Fremdenbuchreimereien, die uns manchmal aus der 
Poesie des Manderns in die rauhe Nüchternheit, um 
nicht zu sagen Öde des Alltagsleben zurückversetzet, 
zu tun hatte, sondern daß eine echte Dichtung vosi 
hoher Schönheit vor mir lag. Je weiter ich laß, 
um so mehr fesselte mich das Gedicht. Waren doch 
darin Empfindungen klar ausgedrückt, wie auch mir 
sie oft beim Durchschweisen der mir wohlvertrauten 
lieben Berge und herrlichen Hochflächen bewußt oder 
unbewußt vor die Seele getreten waren, Empfindungert, 
wie sie wohl mancher gehabt hat, der gleich dem Vet- 
sasser des Gedichtes von der weiten Welt viel Schön^ 
und Großartiges gesehen hat, bei dem aber im Alter 
mehr und mehr die Hochschätzung der schlichten und 
doch so tiefgreifenden Schönheit der deutschen Heimaì- 
berge zur Geltung kommt. Mich will es dabei immà 
gemahnen unseres Dichtermalers Ludwig Richter, der 
im klassischen Italien viel Schönes, in den Alpen 
viel großartige Landschaften schaute und der doch 
zuletzt in dem anspruchlosen deutschen Mittelgebirge 
das höchste Ideal landschaftlicher Schönheit entdeckte, 
schon deshalb für ihn ein Ideal, weil in ihm Sehen 
und Erleben sich aus das innigste verbanden. Wie 
Richter ist es wohl schon manchem andern begegnet, 
daß die Sehnsucht nach der Fremde sich ihm zuletzt 
in Heimatsliebe auflöste. 
Noch größer wurde mein Interesse, als beim Weiter 
lesen und Nachgrübeln, wer wohl der Dichter sein 
möge, der offenbar in Fulda oder der Umgegend 
seine Heimat hatte und den ich vielleicht persönlich 
kannte, mir Andeutungen von einem Ausflug und einer 
ländlichen Festlichkeit auf der Ebersburg begegneten. 
Ihr hatte ich vor langen, langen Jahren selbst als 
kleiner Gymnasiast beigewohnt. Kein anderer, so 
ward mir plötzlich klar, konnte der Dichter sein als. 
Wilhelm Jacobi, von dem ich als Knabe im engen 
Familienkreise Dichtungen gehört hatte, deren klassische 
Formvollendung und innige, schöne Gedanken mich 
schon damals begeisterten und der an jenem Familien- 
ausfluge nach der Ebersburg teilgenommen hatte. 
Gern hätte ich mir bei meinem Verweilen aus 
der Wasserkuppe das Gedicht abgeschrieben, aber die 
Neisegenossen drängten zum Weitermarsche nach dem 
gastlichen Gersfeld. Meine Absicht, das Versäumte 
in den nächsten Tagen nachzuholen, wurde durch 
schlechte Witterung zunichte, und als ich im folgenden 
Jahre das Schutzhaus aufsuchte, um nunmehr den 
Schatz zu heben, war all' mein Suchen vergeblich. 
Das Gedicht war wie eine Fata morgana ver 
schwunden. Der Gedanke, ich könne vielleicht doch 
nicht gründlich gesucht haben, trieb mich Pfingsten 
1910 nochmals dahin. Meine Rhönsahrt galt in 
erster Linie dem Gedicht. Ich fand es nicht, wohl 
aber bemerkte ich an einer Stelle, wo es gestanden 
haben konnte, einen verdächtigen Falz in dem Fremden 
buch. den Rest eines entfernten Blattes. Kein Zweifel! 
Das Gedicht war einem argen Dieb und zwar einem, 
der seinen Wert erkannt hatte, zum Opfer gefallen. 
Ich kann sagen, daß ich wirklich bitteren Schmerz 
um den Verlust empfand. 
Ich bat den Wirt aus der Wasserkuppe, an den 
mutmaßlichen Dichter Dr. Jacobi in Bockenheim zu 
schreiben und ihm unter Nennung meines Namens 
mitzuteilen, er sei von mir als der Dichter mit 
Bestimmtheit erkannt worden, und ich lasse ihn bitten, 
das Gedicht doch im „Hessenland" zu veröffentlichen 
oder eine Abschrift ihm, dem Wirte zuzusenden und 
ihm dadurch über den Verlust hinwegzuhelfen. 1 
Nach vierzehn Tagen erhielt ich, als ich nach Hause 
zurückgekehrt war, von Frau Dr. Luise Jacobi in 
Frankfurt-Bockenheim einen sehr freundlichen Brief 
nebst einer kleinen Sammlung von Gedichten ihres 
Mannes, die er für seine Familie und seine Freunde 
hatte drucken lassen. Sie führen den Titel „Herbst- 
laub", „Reimereien eines alten Mannes, seipen 
Freunden zur Erinnerung gewidmet" und tragen 
das Motto: 
Nehmt, was an des Lebens Neige 
Spät ich biete, freundlich an: 
Herbstlich bunte Blätterzweige, 
Boten von des Winters Nahn. 
Die Sammlung enthält auch das verloren ge 
glaubte „Aus der Wafferkuppe". Es ist inzwischen 
im „Hessenland" (in dem zweiten Augustheft Nr. 16 
von 1910) abgedruckt worden. 
Leider hatte die Zuschrift von der Wafferkuppe 
den Dichter nicht mehr getroffen. Dem Herbste war 
der Winter, als dessen Boten er sein Gedicht be 
zeichnete, schon gefolgt. Schon 1905 war er ge 
storben, das Gedicht aber, das ich im Jahre 1908 
gelesen hatte, stammt aus dem Jahre 1898. 
Ich stehe hier vor einem Rätsel. Ich habe im 
Juli 1910 nochmals die beiden letzten Fremden 
bücher der Wasserkuppe genau durchsucht. Da habe 
ich Ende Juni 1898 allerdings im alten Fremden 
buch den Namen Dr. Jacobi eingetragen gefunden.
	        

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