Full text: Hessenland (26.1912)

Auch zur Aufbewahrung von Reliquien wurden 
Steinkisten gebraucht. Sie unterscheiden sich aber 
wesentlich von den Steinsärgen durch ihre kleinere 
Form. Wie Herr Professor Dr. Richter zu Fulda 
an Hand mehrerer Beispiele bewiesen hat, bestand 
in der karolingischen Zeit der schon von Lange in 
seinen Baudenkmälern und Altertümern Fuldas als 
alte fränkische Sitte bezeichnete Brauch, Neliquien- 
sarkophage hinter dem Altar, mit der Kopfseite 
an diesen stoßend, aufzustellen, wie wir es bereits 
bei dem Doppelsarg in der Krypte der Michelskirche 
gesehen haben. Das bekannteste Beispiel hierfür 
ist der Liobesarkophag auf dem Petersberg bei 
Fulda. Die hl. Jungfrau und Äbtissin Liobe war 
780 oder 782 gestorben und im Fuldaer Dom bei 
gesetzt. Im Jahre 838 wurden die Gebeine der 
Heiligen vom hl. Hrabanus auf den Petersberg 
in die Krypte gebracht und hinter dem Altar zu 
Ehren der hl. Gottesmutter und der hl. Jung 
frau in einen Steinsarg niedergelegt, der mit einer 
hölzernen Verkleidung mit Gold und Silberschmuck 
versehen wurde. In gleicher Weise wurden von 
Abt Rhaban auch in der Kirche zu Rasdorf die 
Gebeine der hl. Cäcilia und ihrer Martyriums 
genossen Tiburtius und Valerianus, in der Propstei 
kirche zu Holzkirchen die Gebeine der hl. Märtyrer 
Januarius und Magnus und auf dem Johannes 
berg bei Fulda die der hl. Märtyrer Venantius, 
Urbanus und Quirinus östlich des Altars in Stein 
kisten aufbewahrt und diese mit einer mit Gold 
und Silber überzogenen Verkleidung von Holz ver 
sehen. In dem Steinsarkophag verblieben die Ge 
beine der hl. Liobe etwa 700 Jahre, dann wanderte 
ein großer Teil, darunter das Haupt, wieder in 
die Stiftskirche, ein geringerer Teil, wie Schulter 
blatt. Schienbein und zwei Armknochen verblieben 
auf dem Petersberg und wurden in hölzernen Be 
hältern auf dem Gruftaltar aufgestellt. Der leere 
Sarkophag blieb an seiner Stelle stehen und wurde, 
da er heilbringend sein sollte, von frommen Müttern 
aufgesucht, die ihre kranken Kinder oder deren 
Kleider in den Sarkophag legten. Der Sarkophag 
hieß deshalb allgemein der Schreistein. Erst 1907 
wurde der Stein aus seiner Lage gebracht und 
über dem Altar als Rückwand aufgestellt. Er ist 
mit einer Verkleidung von Eisen und Kupfer versehen 
und enthält wieder die ihm früher entnommenen Ge 
beine, die auf dem Petersberg geblieben waren. 
Die Steinkiste hat eine Länge von 1,30 m, 0,60 m 
Breite und 0,49 m Höhe. Der Deckel war flach, 
dachförmig, wie auf einer alten Abbildung er 
sichtlich, ist aber nicht mehr vorhanden. Die alte 
Aufstellung des Liobesarkophags ist von Lange 
zeichnerisch und maßstäblich festgelegt. 
Was die Verkleidung in Holz, Gold und Silber 
betrifft, so haben wir uns eine Holzverkleidung in 
Form eines Hauses (llgneurn aodiüeium) mit auf 
gelegtem figürlichen Metallschmuck an den Seiten 
teilen und auf dem Satteldach zu denken, woraus 
sich später der reine Metallsarg oder Reliquien 
schrein entwickelt hat. Als Beispiele für diese Spät 
form will ich nur anführen den Viktorschrein im 
Xantener Dom vom Jahre 1129, den Elisabeth 
schrein in der Marburger Elisabethkirche vom 
Jahre 1236 und solche im Dom zu Osnabrück, 
im Münster zu Aachen, in Köln und Deutz. 
Auch in Fritzlar in der Krypte des Domes be 
findet sich eine steinerne Reliquienkiste rechts vom 
Altar, 1,04 m lang, 0,54 m breit und 0,50 m 
hoch, mit lose aufliegendem Deckel, auf dessen ab 
geschrägtem Rand die Inschrift in got. Minuskeln 
zu lesen ist: ^Viodertus 8 . prospitor . r6ligio8U8 . 
hac . Wicberchts ossa . clam sunt recondita 
fossa. In dieser Steinkiste sollen die Gebeine 
Wigberts zuerst aufbewahrt worden sein, als sie von 
Hersfeld zurückgeholt worden waren. Im 14. Jahr 
hundert wurden die Gebeine in einem Bleikästchen, 
auf dem zwei Röhrenknochen zur Schau liegen, 
in dem prächtigen Sarkophag mit dem darunter 
befindlichen Bild des Heiligen an der 5. südlichen 
Kryptensäule untergebracht. 
Mittelalterliche Gräber, insbesondere die auf hessischem Boden. 
Von Ernst Wenzel, Wilhelmshöhe. 
(Schluß.) 
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Lehrbrief für den Musikanten Matthias Henkel aus Neukirchen. 
Das Museum des „Alsselder Geschichts- und Alter 
tumsvereins" bewahrt unter seinen reichhaltigen Akten 
beständen einen Lehrbrief für den „Lehrburschen" 
der „löblichen Jnstrumental-Musikkunst" Matthias 
Henkel aus Neukirchen. Das interessante Schriftstück, 
das eine Größe von ungefähr 50 aus 40 cm hat. 
ist reich verziert mit bunten Schnörkeln und alten 
Instrumenten. Neben den heute noch gebräuchlichen 
Instrumenten, wie Violone (Kontrabaß), Viola di 
Gamba (Cello), Schalmeien, Clarini (Trompeten) und 
Waldhorn, erblickt man auch längst vergessene, heute 
nicht mehr gebräuchliche Instrumente. Der Brief
	        

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