Full text: Hessenland (26.1912)

Mt tL 375 Er 
bte das Recht für sich beanspruchten, eigene Posten 
einzurichten. Seit Landgraf Moritz dem Gelehrten 
haben die hessischen Fürsten nach großen Kämpfen 
die Taxisschen Posten aus ihrem Lande verdrängt 
und eigene Pofibetriebe von großer Zuverlässigkeit 
eingerichtet. Sie gestatteten freilich den Taxisschen 
Posten den Durchgang durch ihr Land, so daß wir 
neben den fürstlich hessischen Posten auch die Taxisschen 
Posten in Tätigkeit sehen. So.bestand im 18. Jahr 
hundert in Kassel neben dem hessischen Oberpostamt 
auch eine kaiserliche Post. Zu Landgraf Karls 
Zeiten im Ansang des 18. Jahrhunderts gingen 
„ordinäre Posten" von Kassel nach Köln, nach West 
falen und Holland, nach Hamburg, Berlin, Leipzig 
und Frankfurt. In allen Ortschaften, die an wich 
tigen Kreuzpunkten lagen, gab es Postämter und 
Postmeister; in Bremen und in Frankfurt a. M. 
befanden sich auch fürstlich hessische Postämter. Der 
siebenjährige Krieg war nur insofern von un 
günstigem Einfluß, als fast unerschwingliche Pserde- 
gestellungen gefordert wurden. Aber die Briesposten 
behielten ihren gewöhnlichen Lauf bei. Natürlich m ußte 
aber eine Postlinie verschoben werden, die durch be 
festigte Städte führte. Bei allen Heeren eingeführt 
war die Feldpost, eine reitende Briefpost, die die im 
Heere gesammelten Briefe vom Hauptquartier nach 
den nächsten Postämtern brachte. An ihrer Spitze 
stand der Feldpostmeister. Aus seilen der Alliierten 
war er von der hannöverschen Armee bestellt und 
besoldet, stand aber in allen Fällen sämtlichen Alli- 
irrten zur Verfügung. Die laufenden oder reitenden 
Briesboten wurden ordinäre Posten genannt. In 
besonders eiligen Fällen konnten reitende Boten in 
ungewöhnlich kurzer Zeit und in schneller Gangart 
abgesandt werden. Das waren die Estafetten oder 
oder Stafetten, die nur bis zum nächstgelegenen 
Postamt ritten. Sie mußten besonders bezahlt 
werden. Boten, die zu Pferde oder Wagen persön» 
liche Briefe zu überbringen hatten, wurden Kuriere 
genannt. Sie waren auf wiederholten Pferdewechsel 
angewiesen und konnten auf einem Pferd in 12 bis 
14 Stunden 100 bis 130 Kilometer zurücklegen. 
Die Postämter waren bei Strafe verpflichtet, neue 
Pferde bereit zu halten. Wenn Kuriere mit einer 
Siegesbotschaft eintrafen, so war es gebräuchlich, 
daß ihnen am Ort der Bestimmung eine Anzahl 
reitender Postillone zur Verfügung gestellt wurden, 
an deren Spitze sie dann unter den Klängen der 
Posthörner ihren Einzug hielten. 
Redner flizziert sodann mit einigen Strichen die 
damalige Lage. Mit der bekannten Trennung des 
hessischen Erbprinzen, des späteren Landgrafen Fried 
rich II., von seiner Gattin und den drei Söhnen war 
ein unheilbarer Riß in die landgräfliche Familie ge 
kommen. Der Erbprinz wurde in das preußische 
Heer eingestellt, die drei Prinzen nach Göttingen 
und später nach Kopenhagen gebracht. Für den kom 
menden Krieg, in dem Österreich mit Preußen, Frank 
reich mit England abrechnen wollte, hatte Hessen 
durch einen besonderen Vertrag seine Truppen Eng- 
land zur Verfügung gestellt und diese 1756 nach 
dort geschafft, um die englische Küste gegen die An- 
griffe der Franzosen zu schützen. Sie blieben in 
beständigem brieflichen Berkehr mit der Heimat. Der 
Seeweg ging von Amsterdam nach Harwich und um 
gekehrt, wobei die zweimal wöchentlich verkehrenden 
englischen Paketboote benutzt wurden. Der Ober 
befehl über die Heffen in England lag in den Händen 
des Grafen von Isenburg. Die Briefe liefen vom 
Hauptquartier in Winchester durchschnittlich zehn 
Tage, es vergingen zwei bis vier Wochen, bis brief 
liche Anfragen erledigt werden konnten. Im Früh 
jahr 1757 mußten die Heffen nebst den Hannoveranern 
wegen der Operationen der Franzosen schleunigst alls 
England nach Deutschland zurückbefördert werden und 
stießen dann zu der Observationsarmee bei Bielefeld. 
Das hessische Heer stand unter dem Oberbefehl Wut- 
ginauS. In der ersten Zeit des Krieges scheint ein 
übermäßiger Gebrauch von Estafetten geherrscht zu 
haben. Die Estafetten von Holzhausen bei Minden 
gebrauchten fast zwei Tage, die ordinären Posten fast 
drei Tage. Am 5. Juli 1757 mußte Landgraf 
Wilhelm VIII. vor den anrückenden Franzosen Kassel 
verlosten und begab sich nach Hamburg, in dessen 
Nähe er ein Landhaus besaß; und General v. Wut- 
ginau mußte nun die für den Landgrafen bestimmten 
Briefe an einen Hamburger Agenten senden. Erst am 
6. Mai 1758 zog der Landgraf wieder nach Kaffel. 
Er war über den namentlich in letzter Zeit einge 
tretenen unerhört langsamen Gang der Posten sehr 
ungehalten und befahl eine Untersuchung. ES stellte 
sich heraus, daß die zwischen Lippstadt und Kaffel 
gelegenen Postämter durch ihre Bücher ihre Pflicht 
erfüllung nachweisen konnten, die Schuld vielmehr 
an dem Postmeister zu Münster lag, der sich über- 
Haupt während des Krieges sehr widerhaarig bezeigte. 
Die Siegesbotschaft nach der Schlacht bei Krefeld 
hatten Hauptmann von Köller an den Landgrafen 
und Hauptmann Murhard nach Marburg an Isen 
burg zu überbringen. Beide erreichten ihren Be 
stimmungsort am 26. Juni, also nach drei Tagen, 
trotzdem Köln, Düffeldorf und Wesel noch in Besitz 
der Franzosen waren und so der Weg um das 
Doppelte der Luftlinie verlängert wurde. Zum 
zweiten Mal mußte der Landgraf Kaffel verlosten 
und seine Zuflucht in Bremen nehmen. Die Nach- 
richt von dem Ausgang des Kampfes am Sanders 
häuser Berg am 23. Juli 1758 erhielt er am 
25. Juli morgens, also der beschwerliche Weg war 
in 24 Stunden zurückgelegt worden. Noch in der
	        

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