Full text: Hessenland (26.1912)

imb 358 
Noch eine Spahengeschichle. 
Von H. Bertelmann. 
Der Weizen goldete und versprach guten Erfolg. 
Aber die Spatzen gingen dahinter wie noch nie. Der 
milde Winter war ihnen allzugnädig gewesen, und 
das Pack durste sich ungestraft mehren wie das Un 
kraut. Was war da zu tun? 
Eines Tages kam mein Vater heim. „Es muß 
geklappert werden. Junge," sagte er zu mir, „sonst 
brauchen wir keinen Kuchen zu essen." 
So zog ich denn 
am Mittag nach der 
Schule mit meiner 
neuen Holzklapper 
und einem Stück 
Brot hinaus, die 
frechen Diebe von 
unserem Acker zu 
vertreiben. Der lies 
von der Landstraße 
hügelhin bis an den 
stillen Wald. Im 
ersten Eifer wurde 
das große Viereck 
ein halb Dutzend 
mal umgangen, wo 
bei mein Instrument 
kräftig den Takt 
angab. Von den 
vermeintlichen Die 
ben wagte sich aber 
keiner heran. Am 
Ende wird auch der 
tapferste Soldat 
müde, wenn der 
Feind fernbleibt. 
Mich lockte der 
kühle Schatten der 
Großvaterbuche. 
Darin ruhte es sich 
gut, und das Stück 
trocken Brot schmeckte wie Zucker. Aus Waldesgrün 
gingen die Augen hinunter über Ährenhügel, dahinter 
der Obstbaumhag das Dorf umschloß ein bunt beladen 
Schifflein in grüngoldiger See. Und die Sonne stand 
darüber voll Glanz und Güte. Da kam durch die 
Gärten ein ungleich Paar, Bäckers Karl mit seiner 
weißen Ziege. Er hatte sie am Strick, eigentlich sie 
hatte ihn. Denn als dem Tier das Grüne ins Auge 
fiel, konnte Karl nur mit Not folgen. Hier oben 
am Waldessaum war reichlich Futter. Das wollte 
ich dem Karl melden. Ich fing wieder meine 
Weise an. Unten an der Straße trafen wir richtig 
zusammen. 
Das Drusus-Denkmal ln Mainz („Eichelslein") 
im 17. Jahrhundert. 
AuS Börckel. Mainz als Festung und Garnison lVerlag I. Diemrr, Mainz). 
„Bist nicht gescheit! Was soll ich da oben am 
Holze tun, da stehen keine Äpfelbäume." 
Ich mußte ihm recht geben und ließ mich ver 
leiten, mit ihm die Straße abzuwandern, wo der 
Kornapselbaum stand. Sie wären schon ganz weiß 
und die Kerne braun. Die schmeckten! Gestern 
hätte er sie schon probiert. Ich sühlte aus einmal 
einen brennend trockenen Gaumen. Weizenacker und 
Spatzen, wie auch 
der Kuchen, waren 
ganz aus meinem 
Gedächtnis ent 
wichen. Die Ziege, 
die im Chauffee- 
graben tüchtig graste, 
konnten wir nur 
mit Tritten und 
Puffen weiterzerren. 
Aber endlich waren 
wir am Ziel. Der 
Karl wollte erst 
allein hinaus, ich 
sollte derweil mich 
ins Gras legen und 
die Ziege ans Seil 
nehmen. Aber dazu 
konnte ich mich nicht 
verstehen. Ich traute 
nicht, daß er redlich 
teile. So wurde 
denn auf meinen 
Rat die Ziege an 
gebunden und wir 
beide schwangen uns 
empor auf den Baum 
der Lust. Meine 
Klapper schlief fried 
lich am Boden. Ich 
füllte,soraschesging. 
meine Taschen und wollte wieder absteigen. Karl aber 
meinte, hier oben müffe man fich erst tüchtig satt 
effen, hier oben schmeckten fie am schönsten. Ich 
hätte den sehen mögen, der dem nicht zugestimmt 
hätte. So ergaben wir uns, wie die Ziege drunten, 
dem stillen Genuß. 
»Ihr gottverfluchten Himmelhunde, soll euch 
gleich 
Beinahe wäre ich vor Schreck heruntergefallen, so 
schwer traf mich dies Wort. Während mein Freund 
in die höchsten Wipfel huschte, konnte ich weder 
Hand noch Fuß rühren. 
„Herunter mit dem Diebspack!"
	        

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