Full text: Hessenland (26.1912)

NStL- 848 EL- 
schwanden und dem Ackerbau Platz machen mußten, 
begannen damit auch die Namen, die altes Weide 
gutbedeuteten, mehr und mehr zu schwinden oder den 
folgenden Generationen unverständlich zu werden. 
Daher fielen diese Namen meist Umdeutnngen, 
vielfach auch Entstellungen zum Opfer, indem daS 
aus der lebenden Sprache geschwundene Wort in 
folge von Laut- und Begriffsassoziation an ähn 
liche Begriffe und Worte angelehnt wurde, die 
nach volkstümlicher Auffassung in irgendwelche Be 
ziehung zu der Örtlichkeit gebracht werden konnten. 
Solchen Umdeutungen war u. a. das alte ger 
manische Wort htm ausgesetzt, das sich in dem 
Namen Hundsrück erhalten hat und, wie aus 
den von Jllgner vorgenommenen örtlichen Fest 
stellungen hervorgeht, eine besondere Art von Höhen 
weideplätzen bezeichnet. Die Aufhellung dieses 
alten Wortes hün bereitet nicht geringe Schwierige 
keilen und hat daher die mannigfachsten Deutungs 
versuche erfahren. So hat man den Namen des 
Flusses Haun (789 Hüna, 980 Hünaha) damit 
in Verbindung gebracht und diesen teils als Bach 
eines Mannes namens Hun 6 ) (Kurzform zu Hun- 
rath, Hunbald u. ä.) oder Bach eines hunno — 
centenarius (Unterridjtet) , 7 8 * ) teils als den „hoch 
anschwellenden" oder „vollströmenden" Fluß?) teils 
als keltisch o) zu deuten gesucht. Man hat dabei 
aber nicht bedacht, daß es, wie Hoops 10 * * * * * ) nach 
gewiesen hat, wahrscheinlich zwei Adjektive hün im 
Germanischen gegeben hat, nämlich außer dem be 
kannten hün „hoch" noch ein zweites mit der 
Bedeutung „dunkel, braun", das sich nach Hoops 
a. a. O. in dem Namen der Hunnen erhalten 
hat, vielleicht auch in Fluß- und Ortsnamen, wie 
Haun, Unterhaun, Oberhaun, Hunau, Hönne u. a. 
steckt, so daß der Name Haun als „dunkles oder 
schmutziges Wasser" zu deuten wäre, vielleicht im 
Gegensatz zu Rhina, dem „reinen Wasser". Da 
neben läßt sich natürlich die Deutung von Haun 
in Verbindung mit htm „hoch" nicht ohne weiteres 
von der Hand weisen, und wir kämen damit der 
Annahme Kellners "), der Haun als Bergwasser 
erklärt, da der Fluß „wie alle Bergbäche sehr 
rasch anschwillt und dann ein sehr hohes Wasser 
hat", und derjenigen Stuhls"), der Harms als 
'1 Roth, Kl. Beiträge (München 1850), I 20. 
T ) Kehrein, Volkssprache und Volkssitte in Nassau, 
III, 464. 
8 ) Gerland in Kuhns Zeitschr. X, 286. 
®) Haas in den „Fuld. Gesch.-Blättern" 1909, S. 4, 
1911 S. 155 u. 156. 
,# ) Germanist. Abhandl., Hermann Paul dargebracht, 
1902. S. 178 ff. Vgl. hierzu Helm in den „Hess. Bl. 
k. Volks!." 2. 83 ff. 
") „Zeitschr. f. Hess. Gesch.", N. F. II, 129. 
") „Hessenland" 1912, Nr. 1. 
„Berg- oder Hügelwaffer" deutet, am nächsten. 
Doch sind wir damit noch keineswegs zu der Be 
hauptung berechtigt, daß die Namen Haun l8 ) und 
Hundsrück mit einander verwandt sein müffen, 
vielmehr kommen wir über mehr oder minder 
geistreiche Hypothesen nicht hinaus. 
Mit zwingenderer Notwendigkeit ergibt sich je 
doch, daß in dem Namen Hundsrück germ. hün 
„hoch" enthalten sein muß, das mit germ. hauha- 
anord. haugr, mhd. houc. (vgl. Donnershauk, 
Eierhauk, Eisenhauk, Ellinhauk u. a. m.) urver 
wandt ist, da die Hundsrücks sämtlich hochgelegen 
sind, so daß'sich also die Bedeutung „Höhenrücken", 
„Höhenzug" ergeben.würde. 
Die alten germanischen Weideplätze lagen meist 
hoch auf dem Kamme von langgestreckten Höhen 
zügen oder dicht daneben an den Berghängen un 
mittelbar am Waldesrand, seltener in den Tal 
niederungen, und es ist sicher kein Zufall, wenn 
sich der Name „Hundsrück" in einer rauhen Ge 
birgsgegend, wie es der Kreis Hünfeld ist, heute 
noch besonders zahlreich findet"), während man 
ihn in der norddeutschen Tiefebene wohl vergebens 
suchen dürfte. Da bei dem allmählichen Übergang 
von der germanischen Weidewirtschaft zum Ackerbau 
und zur Rodung der Feldmark erst das furcht 
bare, an den Flußläufen gelegene Flachland, dann 
das höher gelegene Feld und zuletzt erst, als die 
Besiedelung immer dichter wurde, das nach dem 
Walde zu gelegene Bergland in Angriff genommen 
wurde, so dienten die unmittelbar am Waldes 
rand gelegenen Triescher und Wiesenflächen neben 
den auf dem Bergkamm gelegenen Waldwiesen 
meist reichen Viehherden zum Weideplatz. So kam 
es, daß ein auf einem bewaldeten oder unbewaldeten 
Bergrücken oder unmittelbar an deren Abhang ge 
legener ungerodeter Platz infolge seiner ausschließ 
lichen Bestimmung für Weidezwecke durch Begriffs 
übertragung. schlechthin als „Hunsrück" bezeichnet 
und daß dieses Wort geradezu die Bedeutung von 
„Höhenweideplatz" annahm. Diese Annahme wird 
durch die örtlichen Feststellungen Jllgners durch 
weg bestätigt, und es kann ihm auch darin zuge» 
stimmt werden, daß das Gemeinschaftsgebiet der 
Hundsrücks früher viel augsedehnter gewesen sein 
müffe als die jetzt noch den Namen führenden Örtlich 
keiten, daß die Hundsrücks ftüher oft den ganzen 
Hauptberg (z. B. den Landecker oder Soisberg) um 
spannt haben müffen, wie es z. B. noch heute mit dem 
rheinischen Hundsrück nnd dem Hundsrück südlich 
Wenn Stuhl o. st. O. S. 3 sogar die NamenSform 
Taunus mit Haun und Hundsrück in Verbindung zu 
bringen sucht, so widerspricht ihm hierin HaaS a. a. 0.1911, 
S. 8 mit vollem Recht. 
“) Jllgner a. a. O. S. 207.
	        

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