Full text: Hessenland (26.1912)

*mtb 318 vmuù 
August von Lippe, der früher als Offizier in 
hessischen Diensten gestanden und sich im Türken» 
krieg ausgezeichnet hatte, und zwar nur für feiste 
Person, das Recht, Rotwild und Rehe zu schießen 
und Lappjagden abzuhalten; er mußte aber einen 
Revers unterzeichnen, daß daraus für den Orden 
kein Vorrecht abgeleitet werden dürfe. Daß neben 
allen diesen Einschränkungen das alte Recht, wonach 
der Besitz des Landes das Jagdrecht gewährt, noch 
nicht vergessen war, zeigt uns eine Jagdirrung 
des Ordens mit Mainz von 1670, der Orden 
bekam nach längerem Hin und Her die Jagd 
gerechtigkeit im Stausebacher Feld abgesprochen, 
weil er seinen dortigen Burgsitz verkauft hatte. 
^Fortsetzung folgt.) 
vor hundert Jahren. 
Mitgeteilt von Heinr. Roh de, Hofgeismar. 
Nr. 40 ff. des 48. Jahrgangs' des „Daheim" 
enthält eine höchst interessante Schilderung von 
Napoleons Feldzug.nach Rußland im Jahre 1812. 
Sie entstammt aus der gewandten Feder der Frau 
Frickewirth-Art nach Aufzeichnungen ihres Urgroß 
vaters, weiland Königlichen Oberförsters zu Rothe 
haus bei Gräfenhainichen, Karl Götting. der als 
westfälischer Untertan gezwungen wurde, die napo- 
leonifchen Feldzüge mitzumachen. Götting, der 
sich als Offizier des achten Korps an dem Feldzug 
beteiligte und hauptsächlich die Schlacht bei Boro- 
dino und den Übergang über die Beresina in 
erschütternder Weise beschreibt, erwähnt besonders 
mehrfach einen Adjutanten Wendelstadt, mit dem ihn 
innige Freundschaft und treue Kameradschaft ver 
bunden haben muß. Karl Wendel st adt, geboren 
am 17 März 1787 als der zweite Sohn des 
prakt. Arztes Joh. Konr. Wendelstadt zu Marburg, 
später Physikus zu Hersfeld, und seiner Gattin 
Johanne Rebekka geb. Bücking, widmete sich der 
Pharmazie, sattelte dann um und wurde Forst 
mann, zog 1812 als westfälischer Chaffeur mit 
nach Rußland und ist daselbst — man weiß nicht 
wo - geblieben. Nach einem in dem Besitz der Frau 
verw. Bürgermeister Schirmer, geb. Wendelstadt, 
sich befindenden, von Maler Müller in Marburg 
gezeichneten Porträt muß Wendelstadt ein auf 
fallend schöner Mensch gewesen sein. 
Der Liebenswürdigkeit der Frau Bürgermeister 
Schirmer, einer Großnichte Karl Wendelstadts, 
verdanke ich zwei Briefe von diesem aus dem Feld 
zug nach Rußland, die ich, soweit sie nicht Familirn- 
verhältnisse betreffen, in dem „Heffenland" zu 
veröffentlichen in freundlichster Weise ermächtigt 
worden bin, und die jetzt „nach hundert Jahren" 
von weitgehendstem Interesse fein dürften. 
„Dahma, den 26. März. 
Lieber Vater! 
Ich freye mich, daß ich entlich so viele Ruhe 
habe, um dir und allen von meiner lieben Familie 
zu sagen, daß ich bis jetzt noch recht gesund und ver» 
gnügt bin, gerne hätte ich dieses schon lange getahn, 
wenn wir nicht jeden Tag von Caßel an bis hierher 
marschiert hätten. Heute haben wir den ersten 
Ruhetag, deswegen ergreife ich die Feder, um mich 
einmal recht mit dier zu unterhalten, und freue 
mich schon in voraus aus eine erwünschte Antwort 
von dier, denn dieses ist unstreidig das angenähmfte, 
was mier widerfahren könnte. Ich bin nun schon 
durch manche Stunde, Berg und große Wäßer von 
euch Lieben gedrent. Wir haben viele Umwege 
machen müßen, um dem vielen Militair, welches 
sich hierher begibt, aus dem Wege zu kommen, dieses 
verursachte, daß wier oft große Märsche bei dem 
Schlimsten Wetter und grundloßen Wegen haben 
machen müßen, und dieses lernt einen erst das Be» 
schwerliche eines Soldaten kennen. Oft, ja beynahe 
immer liegen von uns bey einem Mann von mittler 
Claße 10. 15 und auch 20 Mann zufamen im 
Quartier, dieses veruhrsacht einem oft große Un» 
bequemlichkeiten, und doch bleibt mann in einer so 
großen Gesellschaft vergnügt, Gott gebe nur, daß 
ich meine Gesuntheit erhallte, und so werde ich 
gewiß alles aushalten und vergnügt bleiben, wann 
ich zuzeiten eine gute Nachricht von Euch bekomme. 
Unser Marsch ist von Caßel nach Münden, Güttingen, 
Heiligenstadt, Mülhausen, Sondershaufen, Roßlar, 
Sangerhaufen, Eisleben, Halle, Zürbig, Radegeist, 
Deßau, Wittenberg, hier gingen wier über die Elbe, 
Gütterbog. Damen. Unser bestimmungSort ist Glogau 
und von da nach Warschau. In Glogau sollen wier 
schon den 6. Aprill sehn. Die hiesige Gegend ist 
eine schöne Ebene, welche uns schon in 8 Tagen 
keinen Berg aufzuweisen imstande gewesen ist: Das 
merkwürdigste an dieser Gegend ist, daß gar keine 
Waldungen hier sind, dagegen aber desto mehr Wind 
mühlen, diese kann man beysammen in einer Rehe 
90 bis 110 zu sehn bekomen. ..." 
Hier folgen Familienangelegenheiten. Unter 
zeichnet ist der Brief: 
Dich ewig liebender C. 
Lsrgsvt im Bataillon Chasseur Carabinier 
6. Compagnie bey der 2. Königlichen West- 
phälischen Militair Division 1. Brigade.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.