Full text: Hessenland (26.1912)

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zur bestimmten Stunde mir nach dem Balkon winkte, 
und die Zeit für den Morgenspaziergang längst 
vorüber war, wurde mir bang, und ich betrat zum 
erstenmal das Lesezimmer morgens, das abends 
zugleich Mustksalon war. Da sah ich Vater mit 
Bismarck im ernsten Gespräch und zeigte mich nicht, 
bis ich bemerkt wurde. Bismarck war sehr nett und 
bat mich, seine Frau, die in der Nähe sitzend Jour 
nale las, zu begrüßen, er möchte gar zu gern noch 
ein paar Worte mit Vater reden. Sie war sehr 
herzlich gegen mich, bat mich, öfter Morgens zu 
kommen, und fragte, ob 
es mir denn auch nicht 
unangenehm sei, daß ihr 
kleiner Herbert mit zwei 
Kusinchen so oft mit 
Bällen zu meinem Balkon 
wanderten, um mir diese 
zuzuwerfen. Ich erklärte, 
daß es mir eine Freude sei, 
mit den lieben Kindern 
zu ballen, sie wären so artig 
und vergnügt, und ich hätte 
schon gern ihre Namen 
gewußt, bei dem Brausen 
des Wasserfalls sei eine 
Unterhaltung von oben 
nach unten aber unmög 
lich. Da drückte sie mir 
die Hand und sagte: ,Wie 
mich das beruhigt, die 
Kinder sind nämlich nicht 
zu halten, wenn sie Ihr 
helles Kleid durch die 
Oleander schimmern sehen/ 
So trennten wir uns wie 
alte Bekannte, als Vater 
mich abrief, und ich er 
klärte Frau von Bismarck 
für außerordentlich anzie 
hend. — Oft gedachte ich 
später, als Bismarck be 
rühmtwurde,derdamaligen 
prophetischen Worte meines Vaters; ,Bismarck ist 
großdenkend, bedeutend und gläubig, und wenn er 
in die richtige Stellung kommt, kann er Deutschland 
zum Segen werden. Ich habe ja sogar mit dem 
jungen Mann über Hessen gesprochen? 
In der Wandelbahn sahen wtr Bismarcks nie, 
wie oft ich auch nach ihnen aussah. Wir machten 
diesen Gang dagegen täglich zweimal, weil Vater 
stets mehrere Becher der warmen Quelle, die am 
Eingang der Wandelbahn sprudelte, trinken mußte. 
Ich fand den Aufenthalt dort höchst angenehm, be 
sonders bei Regen. Die Bahn war unter Dach, 
sehr lang, hatte an beiden Seiten Glaswände, durch 
die man von der einen Seite den Wasserfall, von 
der anderen die Gletscher sah; am Ende spielte eine 
sehr gute Kapelle, an den Längsseiten standen Bänke 
und Stühle, und von beiden Seiten wurde rechts 
gegangen und nur zu zweien, damit es nicht Ge 
dränge oder Stockung gäbe. Wenn ich saß, war 
es auf einer Bank, dem Eingang der Wandelbahn 
gegenüber. So sah ich einst eine majestätische Er 
scheinung, der man mit Interesse nachschauen mußte. 
Ich fragte, wer es sei, und hörte zu meinem Schrecken 
den Namen des Fürste» 
Windischgrätz, von de« 
die Zeitungen schrieben, 
daß für ihn der Mensch 
erst mit dem Baron an 
finge, und daß er in Prag 
auf das Volk hätte schie 
ßen lassen. Da empfand' 
ich ein Bedauern, daß eine 
so imposante Persönlich 
keit, die meiner Vorstel 
lung von Wallenstein ent- 
sprach, so grausam sein 
könne. Vater bemerkte, 
daß der Fürst ihn stets 
beobachtete und offenbar 
den Wunsch hatte, ihn an- 
zureden; gewiß wegen des 
Grafen Leiningen, des 
damaligen österreichischen 
Gouverneurs in Kassel; 
da verschwanden wir denn 
jedesmal, sobald er in die 
Bahn eintrat, was täglich 
geschah. Das Schicksal 
wollte, daß unsere Zurück 
haltung vergebens war. 
Wir kamen von dem herr 
lichen Böckstein zurück, um 
das Konzert eines berühm 
ten Geigers zu hören, wel 
ches im Lesezimmer statt 
fand. Der Vater war ermüdet und wir fanden keinen 
Platz. Damen und Herren standen in Menge herum 
und beschwerten sich über den Mangel an Stühlen. 
Da erschien unser Tischnachbar, der Assessor, mit einem 
Stuhl für Vater und sagte, es wäre kein weiterer 
für mich da. Ich wies darauf hin, daß viele ältere 
Damen ständen, und erklärte, ich sei froh, daß 
Vater säße. In diesem Augenblick kam der Ad 
jutant des Fürsten Windischgrätz und bat mich, 
seinen Platz zu nehmen Ich wollte dankend ab 
lehnen, aber Vater sagte leise, das ginge nicht, und 
so saß ich auf einmal sem vom Vater, neben dem 
Ludwig Duysing. 
gest. 18<U als Ober-Appellatio»sgerichtS-Präfident a. D.
	        

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