Full text: Hessenland (26.1912)

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bedeutsamen Wirkens Ludwig Duysings gibt ein 
von Oberappellationsgerichtsrat Scheffer verfaßter 
Nekrolog, auf den wir, die gütige Erlaubnis der 
Verfasserin der „Erinnerungen" vorausgesetzt, viel, 
leicht noch einmal zurückkommen. Außer einer Reihe 
von Aktenstücken über die männlichen Mitglieder 
der Familie enthält das vornehm ausgestattete Buch 
ein Kapitel über den gleichfalls mit der Familie 
verwandten Kanzler Wilhelms VIII., Heinrich Otto 
Calckhoff und dessen Testament, persönliche Er. 
innerungen der Verfasserin an Charlotte Diebe, an 
Henriette Keller-Jordan und deren Vater Sylvester 
Jordan, sowie an Bad Gastein, dem der Vqjer 
nach viermaligem Gebrauch die völlige Genesüng 
dankte. 
Das Gasteiner Kapitel, das die damaligen geschicht- 
lichen Ereignisse zum Hintergrund hat, wollen wir 
hier im Wortlaut folgen lassen- 
„Mit dem Gastein von 1851 kann sich das Welt 
bad von heute, welches durch große Hotels und Villen 
die Schönheiten der Natur beeinträchtigt, nicht ver 
gleichen, obgleich auch dieses noch immer sehr schön 
ist. Die Häuser klemmten fich damals bescheiden 
zwischen die Berge und störten nie die Ausblicke in 
die wunderbare Natur mit ihren imposanten Glet 
schern und dem majestätischen Wasserfall' der Ache. 
Der Kurgast erschien fich selbst winzig und war 
unter dem Einfluß der Größe der Umgebung und brr 
köstlichen Luft liebenswürdiger, einfacher und allen 
Interessen zugänglicher als jetzt, wo dieMensch^u- 
werke so störend und kolossal auftreten. 
Bei dem Betreten unserer Wohnung war her 
erste Eindruck ein imponierender. Wir bezogen jm 
bescheidenen Hause (jetztVilla genannt) desChirur^iS 
Lainer zwei Zimmer mit an der Seite meines Zimmers 
liegendem Balkon, und aus den Fenstern sahen wir 
den von der Sonne bestrahlten, schäumenden Wasftr- 
fall zum Greisen nahe. Ich deklamierte unwillkürlich: 
,Und es wallet und siedet und brauset und zischt, 
wie wenn Waffer und Feuer sich menget? Die ersten 
Nächte konnten wir kein Auge schließen, dann aber 
störte uns das Getöse nicht mehr. Nach acht Tagen 
wurde Vaters Stimme schon kräftiger, und wir konnten 
tveitere Ausflüge in die herrliche Umgegend unter- 
nehmen. In dem uns gegenüber liegenden damals 
einzigen Hotel ersten Ranges, Straubinger, aßen wir 
zu Mittag. Wir erhielten an der großen Huseisen- 
tafel sehr gute Plätze zwischen netten Menschen, und 
ich hatte das Vergnügen, die Eintretenden sehen und 
ihr Wesen gleich beurteilen zu können. Neben mir 
saß ein Affefsor, besten Platz aber für einige Tage 
der Woche von dem im Hotel wohnenden Prinzen 
Heinrich XXIV. von Reuß.Köstritz belegt war, der 
mit seinem Onkel, dem kranken Fürsten, und dessen 
Leibarzt im Hotel wohnte. Er stellte sich Vater und 
mir vor, erzählte interessant von seinen Reisen und 
den löhnenden Ausflügen auf Gasteins Berge und 
brachte uns oft Alpenrosen und Edelweiß von den 
Gletschern mit, die viel schöner waren als jene, 
welche auf den Promenaden verkauft wurden. Als 
ich einst bei dem Eintritt von zwei in mittleres 
Alter stehenden Herren sagte: .Jetzt erscheinen zwei 
berühmte Herren', sagte der Prinz ,Wo zeigt sich 
denn deren Berühmtheit?' Ich antwortete: ,Jn 
ihrem Gesichtsausdruck. Man sieht ihnen an, daß 
sie sich ihres inneren Wertes bewußt sein dürfen 
und sich gekannt und geehrt wisten.' Er rief den 
Oberkellner herbei, fragte ihn nach den Namen beider 
und erhielt die Antwort: ,Es sind die Professoren 
Liebig und Möhler, welche eben angekommen sind, 
um das Quellwaster Gasteins zu untersuchen.' Be 
troffen ftagte er, welchen Eindruck ich denn von ihm 
bei seinem ersten Erscheinen gehabt. Da konnte ich 
der Wahrheit gemäß sagen- daß wir vom Ober 
kellner schon unterrichtet gewesen seien, wer er wäre, 
und ich dann gesunden hätte, daß die Fürstlich 
Reußische 24 ganz zu seinen Lebensjahren zu paffen 
scheine. Das erregte seine Heiterkeit, und er meinte, 
diesmal stimme es auch wieder. 
Da im Jahre 1851 der Verfaffungskampf Kur 
hessens die anderen Staaten auch sehr interessierte, 
wurde Vater von vielen Seiten bestürmt, Näheres 
mitzuteilen. Er lehnte aber ein Eingehen auf diese 
Angelegenheit aus Rücksicht für seine leidende Ge 
sundheit ab und sagte nur, die Heffen seien ein so 
tüchtiger Volksstamm, daß sie allein die Ordnung 
hätten wieder herstellen können. Die Abschiednahme 
vieler Offiziere, die fich den Eid aus die Verfassung 
nicht nehmen lasten wollten, beweise die Wahrhaftig- 
keit und die Tüchtigkeit des hessischen Volkes. Der 
österreichische Justizminister vr. Kraus und ein 
preußischer Regierungs-Präsident, auch Kurgäste, 
welche sich bis dahin gemieden hatten, weil damals 
den Österreichern die Preußen sehr unsympathisch 
waren, wurden durch den Wunsch, mit Vater zu 
reden, mit einander bekannt^ und waren taktvoll 
genug, die hessischen Wirren nicht zu berühren. 
Einst schloffen jene drei Herren ihre Verhand 
lungen mit den bemerkenswerten Worten, daß die 
hessische Justiz höher stände als die in Preußen, 
dessen Verwaltung dagegen die hessische überflügele. 
Worauf der Österreicher wehmütig erklärte ,Und 
mein Österreich steht leider hinter beiden zurück; 
aber was in meiner Macht liegt, soll geschehen, um 
es zu heben.' 
Im Lesezimmer des Hotels Straubinger lernte 
Vater eines Morgens nach Bad und Kaffee, als die 
neuen Zeitungen erschienen waren, Bismarck, der 
damals noch in Frankfurt a. M. war, kennen. Als 
Vater aus dein Fenster dieses Zimmers einst nicht
	        

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