Full text: Hessenland (26.1912)

298 sE- 
Mittelalters in seinen, wenn auch nur geringen 
Resten auf unsere Tage gekommen ist. In erstaun 
lich geschickter Weise ist der Platz gewählt: Der 
schmale von Lütersheim nach Norden streichende, 
mit Dornen und Wacholdern bewachsene Berg 
rücken senkt sich allmählich, um in die linksseitige 
Talwand der „Höllkammer" überzugehen: Es 
entsteht auf diese Weise eine Felsenplattform von 
etwa 40 in Durchmesser, die zur Zeit mit Buschwerk 
und Waldbäumen bewachsen ist. Da die Burg 
auf diesem Vorsprung jedoch nach allen drei Seiten 
sturmfrei, d. h. durch steil abstürzende Felsen gedeckt 
war, bedurfte sie künstlicher Wehrbauten eigentlich 
nur im Süden, und wir treffen denn hier auch 
den sog. Halsgraben, der den Vorsprung von dem 
Vorgelände trennt, und dahinter einen mächtigen 
kraterförmigen Schutthügel, der den Zugang zur 
inneren Burg heute bis auf einen schmalen Pfad 
an der Westseite sperrt, und tu dem wir zweifellos 
den Rest des einstigen Bergfrieds vor uns haben, 
denn in der Tiefe der kraterförmigen Höhlung 
sind noch die Fundamentmauern und das in den 
Felsen eingehauene Kellergelaß eines starken Turmes 
deutlich sichtbar. Gedeckt von diesem mächtigen 
steinernen Bauwerk und in seinem „Schatten", 
wie der Fachmann in einem solchen Falle sagt, 
standen einst nördlich hinter ihm die Wohngebäude, 
der Burg, aber von ihnen hat sich außer schwachen 
Spuren von Mauerfluchten nichts über dem Wald 
boden erhalten. 
Namenlos — früher lag hier das Eichholz und 
so heißt jener Platz noch heute in der Gegend — 
stumm und trotzig ragt dieser Rest aus dem fernen 
Mittelalter in unsere Tage hinein und scheint jede 
Antwort zu verweigern auf die vielen Fragen, 
die sich dem Freund der hessischen Geschichte hier 
aufdrängen, nach dem Erbauer der Burg, nach 
der Zeit ihres Entstehens, nach ihren Schicksalen! 
Doch sehen wir, ob nicht mit einiger Kenntnis 
der mittelalterlichen Geschichte dieses Landstriches 
auch ohne Hülfe des Spatens eine und die andere 
dieser Fragen beantwortet werden kann. 
Zu diesem Zweck möchte ich auf eine Urkunde 
des Westfälischen Urkundenbuches (Band 4 : Pader 
born S. 583) hinweisen: Am 15. November 1269 
schließt Bischof Simon von Paderborn mit Landgraf 
Heinrich I. von Heffen einen Vertrag, wonach 
Heinrich die Hälfte seines Schlosses „Vorstenstene" 
(— Fürstenstein) dem Bischof Simon schenkt und 
in dem wie gewöhnlich in solchen Fällen bestimmt 
wird, daß die Burgmannen beiden Besitzern Treue 
geloben sollen und daß keiner den anderen auf 
der Burg überbauen darf; wird ferner in der 
Grafschaft, in der die Burg liegt, eine neue Stadt 
angelegt, so sollen die Einkünfte zwischen Heinrich 
und Simon geteilt werden. In einem Zuge fährt 
die Urkunde dann fort: „In der Grafschaft Scharten- 
berg aber darf der Bischof von Paderborn nach 
freiem Ermessen ohne Einspruch des Landgrafen 
bauen usw." Schon die Herausgeber der Urkunde 
haben daraus den Schluß gezogen, daß in der 
Nachbarschaft der Burg Schartenberg, die etwa 
12 km östlich von unserer Burg liegt, auch der 
„Fürstenstein" gesucht werden muß, und sich aus 
einer solchen Lage am einfachsten das Interesse 
des Bischofs am Mitbesitz der Burg erklären lasse, 
zumal dieser auch schon damals den Schartenberg 
mit dem Landgrafen gemeinsam besaß. Noch weiter 
als die genannten Gelehrten geht sogar der Be 
arbeiter der Landgrafen-Negesten (S. 51), der die 
„verschwundene Burg" direkt zwischen den Städten 
Wolfhagen und Volkmarsen ansetzt. Mit ziem 
licher Gewißheit kann man ferner sagen, daß die 
Burg Fürsteneck, erwähnt 1380, in der Gegend 
westlich der Weidelsburg ebensowenig in Frage 
kommt als das Gut Borste (1252) bei Volkmarsen, 
und mit aller Sicherheit die Burg Fürstenstein 
an der Werra auszuschließen ist; aber auch die 
übrigen Burgen der Kreise Wolfhagen und Hof 
geismar, die nach dem ganzen Sachverhalt nur 
Anspruch auf Berücksichtigung haben, scheiden am 
besten aus der Untersuchung aus, weil wir einer 
seits ihre Geschichte ziemlich genau kennen oder 
andererseits ein Namenwechsel eingetreten sein würde, 
der zwar vereinzelt vorkommt (der Name Lenswide- 
husen verschwindet bei der Anlage der Burg JageS- 
berg-Jesberg, der Gerstenberg bei der Erbauung 
der Landsburg), den aber anzunehmen hier kaum 
ein Grund vorliegt. Aus dem Wortlaut der 
Urkunde selbst ist hinsichtlich der Lage des Fürsten 
stein noch zu folgern, daß er nicht in der Graf 
schaft Schartenberg gelegen hat, deren Umfang 
wir übrigens genau kennen: Dem ersten Teile, 
der vom Fürstenstein handelt, ist der zweite Absatz 
des Vertrags über die Grafschaft Schartenberg 
scharf gegenübergestellt. Hinsichtlich der Zeit der 
Erbauung kann außerdem aus einer Stelle der 
Urkunde noch mit Sicherheit geschloffen werden, 
daß es sich im Jahre 1269 um eine Neuanlage 
handelte, denn es wird ausdrücklich gesagt, die 
beiden Vertragschließenden werden die Burggebäude 
in gegenseitigem Einverständnis erbauen laffen 
(säilleia fsoisrnuo). 
Da der Name Fürstenstein weder vorher noch 
nach dem genannten Jahre jemals in Urkunden 
wieder vorkommt, so sind uns die weiteren Schick 
sale der Burg völlig unbekannt, und ich könnte 
hiermit schließen, wenn nicht der Name selbst noch 
eine kurze Betrachtung verdiente. Eine der ältesten 
Bedeutungen des Wortes „Stein" ist Fels, Klippe,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.