Full text: Hessenland (26.1912)

287 9**L> 
Hama, die Angorakatze. 
Skizze von Mary Holmquist. f 
Sie, die Genossin meiner Einsamkeit, ruht auf 
meinen Knieen, ihr kühler Atem haucht leise über meine 
Hand, und das Vibrieren ihres tiefen Schnurrens 
teilt sich mir mit wie eine köstliche, beruhigende Flut 
des Behagens, so daß wir beide versinken. in das 
Dümmer der Wunschlostgkeit. 
Doch plötzlich, durch ein Knacken in der Wand, in 
den Möbeln oder durch den Schrei eines Vogels vor 
dem Fenster, ist Hama hell wach, aufrecht, und schaut 
mit den weisen, unergründlichen Bernsteinaugen 
empor wie erstarrt in Aufmerksamkeit. Entrissen 
dem satten Unbewußtsein, erwacht zur Anspannung 
der Kräfte, die wir Leben nennen. Dann sieht sie 
mich an, unverwandt, selbst unenträtselt, aber glühend 
im schweigenden Drange, mich, mein Wesen, zu er 
gründen, meine Erkenntnisse in sich zu saugen, die 
vielleicht seit Jahrtausenden schon die ihren sind. 
Doch blitzartig dämmert das Grauen des Bewußt, 
seins aus in den goldenen Augen, — und sie' 
schließen- sich, das Wiffen abwehrend, das schlummern 
soll. Und die unverbrauchte Kraft des Willens 
gehorcht. 
Aber bald blicken aus dem kleinen Antlitz die 
klugen Katzenaugen wieder stet, unbeweglich, er 
haben, — und ich weiß nicht, lebt dahinter ein 
Spieltier, ein Tiger oder ein Heidengolt aus der 
Urzeit. 
Und doch kann Hama Kind sein, rein tierisch 
menschliches Kindchen. Und wenn sie Spiele sucht, 
findet sie sie mit dem genialen Entdeckungsgeist des 
Kindes und belebt sie mit der schaffenden Phantasie 
des Kindes. 
Da, — auf dem Boden ist ein dunkles Pünktchen... 
Hama sieht, es ist keine Fliege, — die erkennt sie 
aus Stubenweite, und bannt sie in den Blick. Aber 
es soll eine Fliege sein! Und nun kauert sich 
Hama zusammen, geduckt, straff, flach auf dem Böden 
schiebt sie sich vorwärts mit fürchterlichen Augen, 
daß man meint, ihren großen Bruder durch den 
Dschungel schleichen zu sehen, vorsichtig tastend die 
Tatzen aussetzend, leise, mit jeder Fiber sichernd, 
lautlos, jede Muskel, jeden Nerv in bewußter Be- 
meisterung. Und näher, näher dem Opfer, mit ver- 
steinertem Blick, angehaltenem Herzschlag .. Nun 
der Sprung...: und Hama hüpft lächelnd und 
graziös zur Seite, mit gelösten Gliedern, in edler 
Heiterkeit, das Spiel in überlegender Klugheit endend, 
ehe es trivial werden könn. Und herablassend, freund 
lich beginnt fie ein kleines Kinderspiel mit dem 
schwarzen Pünktchen, gleichsam dem zu Gefallen, um 
es nicht zu kränken. In dreister Ungeschicklichkeit 
nähere ich mich, um ein wenig mitzuscherzen, aber 
Hama ist sofort wie hinter einem Visier verschwunden, 
stolze Verachtung liegt in ihrem Blick, die mich zu 
distanzieren weiß, sie setzt sich majestätisch auf das 
dunkle umspielte Fleckchen auf dem Boden und schaut 
durch das Fenster empor, das Sonnenlicht in die 
flimmernden Augensterne saugend. 
Leise gehe ich zum Schrank, aus dem die materiellen 
Daseinsfreuven quellen, und greife nach dem kleinen 
Napf, der Hamas leibliche Atzung birgt. Sofort 
tänzelt neben mir ein miauendes, bettelndes Kätzchen, 
das liebkosend mit dem weichen, buschigen Schweis 
meinen Fuß umringelt, mit samtnem Rücken sich 
an mir reibt und ganz Haustierchen, ergebenes 
Kamerädchen ist. Mit leisem Bittgeschrei schwänzelt 
Hama neben mir her, die zottigen Lätzchen treten 
aufmunternd auf meine Stiefel, die kleine gelbe 
Gestalt reckt sich aus, die weitoffnen Augen blicken 
ehrlich und harmlos, blinken zuweilen wie scherzhaft 
aufmunternd. 
Dann leckt und schlappt es ein Weilchen bei der 
Ofenecke, und bald ringelt sich eine dick geplusterte, 
satte, große Katze im runden Korb neben mir, un- 
empfänglich für Liebkosung oder Spiel. Intensiv 
und in wunderbar von Behagen erfüllten Stellungen 
gibt sie sich der heiligen Ruhe hin mit einer asiatischen 
Versunkenheit, von allem Zeitbewußtsein erlöst. 
Später, nach erquickender, tiefster Ruhe, setzt sich 
Hama hin in der Positur philosophischer Seelen 
harmonie, den Blick nach innen gewendet, den Schweis 
fest und ernst um den Körper gelegt, in allem ge 
sammelte, aristokratische Selbstbewußtheit ausdrückend, 
die die Mängel der Umwelt erkannte und sich mit 
ihnen abgefunden hat, bis — sie etwa unangenehm 
fühlbar werden sollten. — 
In großzügiger Konzentration aus das eigene 
Ich beginnt Hama träumerisch mit der Stachelzunge 
das seidige, goldschimmernde Fell zu glätten, die 
molligen Pranken zu strählen und zu putzen mit 
einer lässigen Gründlichkeit, die den starken Geist 
verrät. Die Zehen werden gespreizt und einzeln 
vorgenommen, die Krallen hervorgezogen und mit 
den Zähnen bearbeitet, Ohren und Wangen mit 
einer unendlichen weichen Bewegung wieder und 
wieder gestriegelt, — und dann ist Hama fertig, 
zu Taten bereit. Wie ein edles, gefangenes Tier 
muß sich der sreistreisende Geist aber mit den 
Nichtigkeiten der gezwungenen Umgebung begnügen, 
statt Ungemeffenes, Großes zu entfalten. Doch wie 
der Künstler und Urmensch kann Hama der Spiele 
nicht entbehren. Und ein seidig behaarter Katzen-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.