Full text: Hessenland (26.1912)

rag, 286 rag, 
Wenn du jetzt nun. rechts dich wendest. 
Ganz des Flusses Laufe folgend. 
So gelangst du, eh' dü's ahnest 
Durch die blühenden Gehege 
Und die fruchtbedeckten Fluren 
An das heit're Dörfchen Keschstadt. 
Keschstadt schlechtweg nur genannt, 
Aber Kesselstadt zu schreiben. 
Hirt nun liegt ein Schloßgebäude. 
DaS der fürstliche Erbauer 
Sich zum Ruhesitz erkoren 
Und drum PhilippSruh genannt. 
Schön und herrlich, groß. erhaben 
Ist die Aussicht aus den Fenstern 
Dieses Schlosses nach dem Main hin. 
'£), der Mensch, er fühlt, versunken 
In den wonniglichen Anblick 
Bei dem Untergehn der Sonne, 
Wenn fié ihre mag'schen Strahlen 
Über die Gefilde breitet. 
Seines ew'gen Schöpfers Güte. 
An das Schloß dann stößt ein großer 
Hübscher Garten, der vor Zeiten 
t vch berühmt war durch die schönen 
ppig blühenden Orangen. 
Ich geleite Dich nun weiter 
Durch die gut in Stand gehalt'ne 
Pappelschnur nach Wilhelmsbad. 
Wilhelm! Wilhelm! O, der Name 
Dringt mit mächtiger Begeistrung 
In der Heffen treue Herzen 
Und erfüllet sie mit Ehrfurcht 
Und mit grenzenloser Liebe. 
Wilhelm nun. der Weise. Gute, 
Den mit Recht man den Beglücker 
Und den Vater seines Volkes 
Nennt, ist der Erbauer 
Und Begründer Wilhelmbads. 
Schön ist die Idee des Ganzen. 
Schön find auch des Ganzen Teile, 
Wirksam ist die Turmruine 
Und das Grabmal und der Tempel, 
Rings umher vom Park umgeben. 
Ferner ift : ein Bau vorhanden. 
Wo famosen Pharo-Spielen 
Und dem kouxe et noir man huldigt. 
In demselben Bau befindet 
Sich ein schöner, großer Tanzsaal, 
Wo die reizenden Gestalten, 
Deren Hanau viele fastet. 
Rasch im Wirbeltanz sich drehen. 
Sonntags und auch Mittwochs siehet 
Man die schönsten Mädchen, Frauen 
Zwa.r im besten Schmuck, doch sittsam 
Nach der alten Mütter Weise 
Züchtig auf- und niederwallen. 
Hast du sattsam nun beäugelt 
Diese bunten Herrlichkeiten. 
Steht auch schon ein and'rer Garten, 
Die „Fasanerie", dir offen. 
Nirgends ungestümes Leben 
Unterbricht die schöne Ruhe, 
Weil der beff're Teil der Menschen 
Diesen trauten Ort besuchet. 
Jungfrau'n siehst du hier, die fröhlich 
Spielen, scherzen, tanzen, fingen. 
Aber alles mit dem Schleier 
Zarter Weiblichkeit umgeben. 
Reizend find sie, schön gebildet. 
Doch die Perle ihrer Krone 
Ist ihr fittig, zartes Wesen. 
Willst du wieder in das bunte 
Flimmernd« Gewühl der Menschen. 
O. so richte deine Schritte 
Nur dem nahen Teich entgegen. 
So benennt man hier ein Wirtshaus, 
Wo man Fisch gewöhnlich speiset. 
Hanaus Bürger gehen fleißig 
In dies sogenannte Teichhaus. 
Fisch zu esten. Wein zu trinken 
Oder auch ein Schälchen Kaffee. — 
Jetzt umgeh'n wir. links uns haltend, 
HanauS Schreckensort entgegen. 
Wo am 30. Oktober 
Bayerns Krieger kämpften, siegten. 
Zwischen Stadt und Lamboywalde, 
Auf dem großen, flachen Felde, 
Kämpfte der Despot der Deutschen 
Seinen letzten Kampf auf deutschem. 
Heil'gem, nun ganz freiem Boden. 
Frankreichs stolze Adler strengten 
Ihre letzte Kraft umsonst an. 
Und die blut'ge Schlacht von Leipzig 
Sich im Kleinen hier erneute. 
Doch die Adler wankten., flohen 
Und der freie, deutsche Lorbeer 
Sproßte hoch am heim'schen Boden; 
Zwar mit edlem Blut getränket. 
Und mit Millionen Tränen, 
Die die Mütter und die Bräute. 
Und die Väter und die Schwestern 
Ihren Stützen, ihrem Liebling 
In die dunkle Gruft nachweinten. 
Schreitest längs dem Lamboywalde 
Du stets vorwärts, immer vorwärts. 
So gelangst du an den Nruhof 
Und sodann auch an den Leerhof, 
Beide von dem grimm'gen Feinde 
Ausgeplündert, eingeäschert. 
An dem Saum des Lambohwaldes 
Stand auch jener Höllenrachen, 
Der an jenem Schreckenstage 
Hanau so in Flammen setzte. 
Und so Manchen der Bewohner 
In Minuten des beraubte. 
Was seit Jahren er erworben. 
Gehst du vorwärts, immer weiter. 
Und durch wohlbestallte Felder, 
Kommst du ohne Not und Mühe 
Zum Steinheimer Tore wieder. 
Hat der Weg.dir lang geschienen. 
O, so gib nur nicht der Gegend. 
Sondern mir nur. dem Befchreiber 
Mir gib dreist nur alle Schuld. 
HanauHkMärz 1815.
	        

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