Full text: Hessenland (26.1912)

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reichen literarischen Laufbahn Meisterin werden 
sollte. Mary Holmquist hat die Genugtuung noch 
erlebt, daß sie in den letzten Jahren volle Anerken 
nung fand; angesehene auswärtige Zeitschriften und 
Zeitungen zählten sie zu ihren willkommenen Mit- 
arbeiterinnen. Daß ihr erstes und einziges Bändchen 
Gedichte, das den bezeichnenden Titel „Most" trägt 
und 1906 bei Victor in Kassel erschien, in der 
Vaterstadt der Dichterin nicht eben ausfiel, nimmt 
bei der Indolenz, die die Kasselaner literarisches 
Dingen im allgemeinen entgegenbringen, nicht eben 
Wunder. Hier finden wir auch ihr dichterisches 
Programm 
Ich will. 
— Und sei'8 einmal nur. — 
Durch meine Ähren dahingehn, — 
Durch eigene Saat. 
Bald! Eh' die Tage verwehn 
Und Winter naht! 
Ich will. 
Schaffen will ich ! 
All das Drängen, das wild in mir gärt. 
Ich will, — — 
Ja! Leben will ich! — 
Will glücklich und — elend fein, — fessellos! 
Will Sieger sein! 
Ob klein noch die Zahl meiner Tage, ob groß! 
Das heut' ist mein! 
Und in diesem rastlosen Schaffensdrang ruft sie aus: 
O. laßt in die weite Welt mich hinaus! 
Haltet mich nicht in dem engen Haus! 
Laßt in die Welt mich, so brennend ersehnt. 
Die hinter blauen Bergen sich dehnt. 
Hinaus in des Lebens Kämpfe und Streit, 
Heraus aus dumpfer Alltäglichkeit. 
AuS den engen Gaffen der kleinen Stadt, 
Wo iedes Hau8 sieben Fenster hat! 
Laßt mich hinaus! — 
Wenige Jahre später wurde ihr dieses Wunsches 
Erfüllung. Frühling, Sommer, Herbst und Winter 
konnte sie fern in Schwedens Hauptstadt begrüßen, 
aber die kurze Spanne dieses einen Jahres ward 
ihr zur Qual, das Heffenheimweh packte sie mit 
solcher Gewalt, daß sie erst wieder auflebte, als sie 
in ihre Vaterstadt Kaffel zurückgekehrt war. Daß 
es so kommen mußte, hatte sie schon damals voraus 
geahnt, als sie ihrem rastlosen Sehnen nach den 
fernen blauen Bergen Ausdruck gab: 
Doch eS kommt ein Tag. da erhebt sich jäh 
In deiner Seele ein brennendes Weh; 
Eine heiße Sehnsucht: Nach HauS! Nach HauS! 
Und bangend, verlangend rufst du nun aus: 
Laßt mich nach HauS! — 
So rastlos ein Herz wohl auch hämmern mag, 
Es kommt, es kommt doch der letzte Schlag. 
Selig, wem dieser den Frieden bringt. 
Daß im letzten, leisesten Pochen eS klingt: 
Ich bin — zu — Haus! 
Diesem Heffenheimweh, dem auch sie unterlag, 
hat wohl keiner noch so prägnanten, packenden Aus 
druck gegeben als diese durch und durch bodenständige 
Dichterin in ihrem kürzlich im „Heffenland" (Nr. 9) 
veröffentlichten „Junker". Dieses Gedicht zeigte, 
- bis zu welcher Kraft der Darstellung ihre Kunst 
in den wenigen Jahren, die ihr nach der Rückkehr 
aus Schweden noch vergönnt waren, ausreiste. Aber 
wie sie den Vers gleichsam mühelos meisterte, so 
lassen auch ihre Prosaskizzen, unter denen sich wahre 
Kabinettstückchen befinden, das unablässige siegreiche 
Ringen mit der äußeren Form erkennen. Das 
Horazische „nonum prematur in annum“ war ihr 
unbekannt, und doch schrieb diese Frau einen Stil, 
um den sie viele ihrer Berussgenosfinnen beneiden 
könnten. Sie hat, abgesehen von den seltenen größeren 
Sachen, niemals geseilt. Ihre kleineren Skizzen, 
in denen sie niemals aus der Oberfläche blieb, sondern 
immer irgend ein tiesergehendes Problem zu erschöpfen 
suchte, entstanden aus einem Guß. Es gab für sie 
kein Manuskript und keine Reinschrift, was aus ihrer 
Schreibmaschine kam, war fertig. Die jetzt so beliebte 
Vernachlässigung der äußeren Form lag ihr gleich 
fern wie das bloße Schwelgen in dieser äußeren Form; 
Gehalt und Form waren bei ihr unzertrennlich wie 
Seele und Leib, und wie in ihrer Lyrik je länger je 
mehr der Sinn der Herr und der Reim der Knecht 
war, so zeigte auch ihre Prosa bei subtilster Be 
obachtung eine Feinheit des Ausdrucks, der oft gerade 
zu verblüffte. Subtilste Beobachtung. Wenn diese 
hochgewachsene Frau durch die Straßen ihrer Vater 
stadt schritt, so hatten ihre großen, schönen tief 
gründigen Augen einen Blick auch für das Kleinste. 
Und wie sie zu beobachten verstand, wie sie, die 
Nachkommin einer altkurhesfischen Beamten- und 
Osfiziersfamilie — sie entstammte mütterlicherseits 
dem hessischen Geschlecht der Scheffer, das dem Lande 
mehrere Kanzler schenkte —, die Wesenheit der hes 
sischen Residenzstadt erfaßte, das zeigen jene kleinen 
Skizzen, die sich einzig der Schilderung Kassels und 
des Kasseler Lebens und Treibens widmen, und die 
zum Jubiläum ihrer Vaterstadt zu einem Bändchen 
zu vereinen, einer ihrer LieblingSwünfche war. Wie 
ihr das Besteigen unseres Rathausturmes zum genuß 
reichen Erlebnis wurde, hat sie uns in ihrer form 
vollendeten Skizze „Über den Dächern" geschildert. 
Ja, diese Dichterin brachte ihrer Vaterstadt eine 
echte, warme Liebe entgegen und empfand es fast 
als persönlichen Schmerz, wenn Gleichgiltigkeit und 
Utilitarismus der letzten Jahre dem Stadtbild 
Wunden schlug, von denen es sich nie wieder erholen 
wird. 
Und doch, bei aller fast zärtlichen Vorliebe für 
das Altfränkische, die sich in ihren Arbeiten sowohl 
wie in ihrer Wertschätzung alles dessen, was ein 
gediegener Geschmack früherer Zeiten schuf, bekundete, 
war diese Frau durchaus modern. Allen gesunden
	        

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