Full text: Hessenland (26.1912)

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Brettern zu sehn und ganze Ausschnitte auS seinem 
»Memoire gegen Clnvigo" dialogisiert zu vernehmen, der 
wiederholte Treubruch deS ehrsüchtigen Schwächlings, die 
haltlose Gebrochenheit seines Charakters erscheinen als tra 
gische Schuld, die den Tod der Geliebten und des Titel 
helden herbeiführt, uns allzu verächtlich. Gewiß, der Aus 
bau deS Stückes gemahnt an Lesfingsche Klarheit, die glatte 
Weltklugheit deS Carlos nimmt unser Interesse gefangen, 
— warm werden wir, unbeschadet unserer Ehrfurcht vor 
dem Meister, nicht bei der Tragödie. Weder Furcht noch 
Hoffnung empfinden wir, und befreit und erhoben fühlen 
wir uns schließlich auch nicht. . Den Clavigo spielte 
Herr Z s ch o k k e außerordentlich wirksam. Herr I ür ge ns e n 
gab den Carlos als kaltherzig berechnenden, klugen Welt- 
ling, Fräulein Mayfarth war eine rührende Marie, 
Herr Alberti ein ritterlicher, männlicher Beaumarchais. 
Dann folgte eine Neueinstudierung von Grillparzers 
„M e d e a" Trotz der kunstvollen Mischung antiken Geistes 
und modernen Gefühls wirken die Greuel des letzten Aktes 
abstoßend und nervenpeinigend. Der Periode der U n t e r - 
schätzung Grillparzers ist längst eine Zeit gefolgt, die fich 
seiner Ü b e r schätzung nähert. WaS er an dramatischer 
Wucht zu leisten vermag, wie er die Technik meistert und 
dem Wohllaut deS Verses gebietet, sei nicht verkleinert. 
Dem edeln Pathos Schillers, dem großen Inge Kleists 
gegenüber steht er weit zurück. Er ist eben auch ein 
Produkt feines Milieus, des Wiens in der Zeit nach den 
Befreiungskriegen. Hätte ihm Weimars Sonne geschienen, 
er wäre der glänzendste Stern am Himmel unserer drama 
tischen Dichtung geworden. Fräulein G ö r l i n g gab 
die „Medea". Sie ließ nach langer Zeit wieder einmal 
echt heldische Töne auf der Bühne erklingen spielte mit 
edlem Feuer, voll künstlerischen Maßes, sprach die Verse 
außerordentlich schön und weckte immer wieder rauschenden 
wohlverdienten Beifall. Der Jason deS Herrn Alberti. 
der Kreon deS Herrn Bohnoe waren ausgezeichnete 
Leistungen, während die Kreusa deS Fräulein Mayfarth 
noch der Ausreifung bedarf. H. Blumenthal. 
= 
Aus Heimat und fremde. 
Personalchronik. Der ordentliche Professor 
der deutschen Sprache und Literatur an der Göttinger 
Universität Geh. Reg.-Rat vr. Edward Schröder 
wurde von der preußischen Akademie der Wissen^ 
schäften- zum korrespondierenden Mitglied ihrer 
philosophisch-historischen Klasse gewählt. — Zum 
Nachfolger des in den Ruhestand tretenden General 
superintendenten des lutherischen Konsistorialbezirks 
Kassel v. Werner wurde der Inspektor des Frank 
furter DiakoniffenhauseS Pfarrer Dettmering 
ernannt. Dieser wurde am 20. Dezember 1867 in 
Frankenberg an der Edder geboren. Er besuchte 
das Gymnasium zu Marburg und studierte dann 
in Greifswald, Berlin und Marburg. Nachdem er 
kurze Zeit in Berlin und Marburg Hilsspfarrer 
gewesen war, bekleidete er von 1892—99 das Pfarr 
amt zu Steinbach-Hallenberg in Thüringen. 1899 
wurde er als Hauspfarrer an die Frankfurter Diako- 
niffenanstalt berufen. Hier entfaltete Dettmering 
eine reiche Wirksamkeit als Seelsorger, Lehrer und 
Prediger. In den letzten Jahren leitete er die 
evangelisch-lutherische Vereinigung. Seiner kirch 
lichen Richtung nach gehört der neue lutherische 
Oberhirte von Kurheffen der mittleren theologischen 
Linie an. 
AuS Kassel. Für die anläßlich der Tausend 
jahrfeier geplante deutsche Kunstausstellung wurde 
die Ausschreibung eines Wettbewerbs für die 
Mitglieder der in Kaffel bestehenden Künstlerorgani 
sationen beschlossen. (Preise 300, 200, 100 Mark 
und 200 Mark außerdem für den Aussührer des 
Plakats). Ins Auge zu fasten ist ein Dreifarben 
druck. Die Entwürfe wüsten bis zum 15. Oktober ein 
gereicht fein. — Die Hundertjahrfeier des Infanterie- 
Regiments Nr. 83 findet vom 17.—19. August 1913, 
diejenige der Kaffeler Husaren vom 3.-5. Juli 1913 
statt. 
Wettbewerb. Der Bund deutscher Verkehrs 
vereine und die Firma R. Voigtländer in Leipzig 
eröffnen einen Wettbewerb zur Erlangung von Ent 
würfen für Steinzeichnungen als Schmuck von Eisen 
bahn-Abteilen. Unter die für dieses Preisausschreiben 
gewünschten Bilder fällt auch ein solches aus Kastei: 
Wilhelmshöher Schloß, im Vordergrund der Lac, 
im Hintergrund Oktogon und Herkules. Nähere 
Auskunft erteilt kostenlos der Verlag Voigtländer, 
Leipzig, Hospitalstraße 10. 
Landwirtschaftliches aus Kurhessen. Die 
„Franks. Ztg." schreibt: Das landwirtschaftliche 
Unterrichts- und Bildungswesen des RegierungS- 
bezirks Kaffel hat sich im Laufe der letzten Jahr 
zehnte günstig entwickelt. Die erste landwirtschaft 
liche Winterschule wurde 1877 in Marburg ge 
gründet. Nach und nach entstanden dann Schulen 
gleicher Art in Fulda, Gelnhausen, Hofgeismar, 
Melsungen, Rotenburg, Fritzlar, Eschwege, Ziegen 
hain und Hersseld. Im Schuljahr 1910/1911 
wurden die Anstalten von 390 Schülern, im Durch 
schnitt demnach jede Schule von 39 Schülern besucht. 
Nebenher entfalten die Lehrer eine eifrige Mander- 
Lehrtätigkeit in Gestalt von Vorträgen, Kursen, Ver 
suchen, Teilnahme an genossenschaftlichen Arbeiten 
u. dergl. m. Dem Bedürfnis einer befferen Aus 
bildung der Mädchen für den Haussrauenberuf wurde 
in den letzten Jahren durch Errichtung von Wander 
haushaltungsschulen in den Kreisen Schlüchtern, 
Gersfeld, Kassel, Marburg, Gelnhausen, Hünfeld. 
Melsungen, Fritzlar und Hofgeismar entsprochen. 
Die Zahl der Fortbildungsschulen ist auf 456 (445
	        

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