Full text: Hessenland (26.1912)

*8^ 264 V«AL. 
itiative. Fällt ihm ab und zu die Inszenierung 
eines wertvollen Stückes zu, so kann man sicher 
sein, daß er seiner Ausgabe nichts schuldig bleibt. 
Es sei nur an „Don Carlos", an „Uriel Acosta" 
erinnert .. 
Der Künstler Jürgensen ist der großen Ge- 
meinde aller derer hier vertraut und lieb, die für 
das wahrhaft Schöne Interesse und Anteil hegen. 
Der Mensch ist nur dem kleineren Kreis seiner 
Familie und seiner Freunde wert und teuer. Sie 
wissen, daß er eine Persönlichkeit im Goetheschen 
Sinne ist, in jener Bedeutung, die den Altmeister 
sagen ließ: 
„Volk und Knecht und Überwinder, 
Sie gestehn zu jeder Zeit. 
Höchstes Glück der Erdenkinder 
Sei nur die Persönlichkeit." 
Und so. tönt ihm an seinem Jubiläumstage mit 
dem ausrichtigen Dank für so manche Stunde herz 
licher Ergriffenheit, weihevoller Erhebung und freund 
licher Unterhaltung aus vielen, vielen Herzen der 
Wunsch entgegen, daß er noch in gleicher Schaffens 
kraft und jugendlicher Begeisterung lange Jahre 
wirken möge und gestalten, zum Segen der Kunst, 
als Zierde unserer Bühne, zur Freude aller, die 
die dramatische Kunst lieben und wahres Künstler 
tum schätzen. Ad multos annos! 
Hermann Blumenthal. 
Ausländer als Offiziere im hessischen Heere. 
Von A. Woringer. 
(Fortsetzung.) 
Eine sehr abenteuerliche Persönlichkeit war Phi 
lippe de Gentil, Marquis de Lang all ery. 
Am 24. September 1661 geboren, sollte er Geist 
licher werden. Allein schon in seiner Jugend als 
Spieler, Raufbold und Duellant berüchtigt, trat 
er 15jährig in das französische Heer ein, kämpfte 
am Rhein und in den Niederlanden und brachte 
es bis zum waröodal de vamp (Generalmajor). 
1687 heiratete er Marie Anne de Pourroy, Witwe 
des Präsidenten François Simiane de la Coste. 
Im spanischen Erbfolgekriege zeichnete er sich unter 
Catinat, Villeroy und Vendôme aus und wurde 
1704 Generalleutnant. Als solcher unterschlug er 
60 000 Livres von den italienischen Kriegskon 
tributionen, verließ das Heer, wurde zum Tode 
verurteilt und 1707 in effigie hingerichtet. Das 
hinderte aber nicht, daß er am 5. April 1706 
kaiserlicher Generalwachtmeister und, nachdeni er 
sich 7. September 1706 bei Turin besonders aus 
gezeichnet hatte. General der Kavallerie wurde. 
Er benahm sich aber 1707 bei der Belagerung 
von Toulon so verdächtig, daß er entlassen wurde. 
Er verschwindet dann für einige Zeit; er soll die 
Insel Madagaskar erobert und beherrscht haben, 
nach andern in polnischen Diensten gewesen sein. 
1709 tauchte er wieder auf und wurde kursüchsischer 
Generalwachtmeister. Nachdem seine erste Frau 
am 12. Januar 1708 in Paris gestorben war, 
heiratete er 24. August 1709 in Berlin Jeanne 
Marguerite de Fröre, baronne de Gratens. Er 
war mittlerweile Statthalter von Litauen ge» 
worden, mußte dieses Amt aber infolge der Be 
drückungen, die er sich dem Volke gegenüber zu 
schulden kommen ließ, ausgeben. Ganz mittellos 
wurde er, 17. Juli 1711 in Frankfurt a. O. Pro- 
testant geworden, von dem Erbprinzen Friedrich 
von Hessen, der ihn 1706 in Italien kennen 
gelernt hatte, gerettet, der dafür sorgte, daß er 
1. April 1713 hessischer Generalleutnant wurde. 
Er hielt sich aber auch hier nicht, sondern ging 
im August 1714 nach Holland, wo er in Amster 
dam mit Rens Godefroh Louis Ernest Joseph 
Joumard, der sich Reichs- und Landgraf von 
Linange und Chabanais nannte, und einem General 
major Henri Boisbeland, Seigneur de Lille-Marais 
einen Bund zur Aufrichtung einer neuen Religion, 
der „Theokratie des göttlichen Wortes" gründete, 
deffen Zweck hauptsächlich die Bekämpfung des 
Papsttums war. 1716 wurde er in Stade ver 
haftet und an den Kaiser ausgeliefert, der ihn 
wegen angeblicher Umsturzpläne gegen Kaiser und 
'Papst einkerkern ließ. Im Gefängnis wurde er 
irrsinnig und starb 18. September 1717 Hungers. 
— Bei seinem Weggang von Kassel war seine 
zweite Frau dort zurückgeblieben; sie ist bekannt 
als Mätresse Landgraf Karls.*) 
Eine gewisse weltgeschichtliche Rolle spielte Con- 
stantin de Reneville. Er gab 1687 der 
Religion wegen seine Offiziersstelle auf und floh 
mit seiner Familie aus Frankreich nach den Nieder 
landen, kehrte 1702 nach Versailles zurück und 
wurde als Offizier wieder eingestellt, bald darauf 
aber in die Bastille gebracht, in der er 11 Jahre 
gefangen saß. Dann aus Frankreich verwiesen, 
schrieb er seine ,klistoire de 1a Lastille ", die in 
Amsterdam in mehreren Sprachen erschien, un 
geheueres Aufsehen erregte und hauptsächlich den 
Haß gegen die Bastille in Frankreich hervorrief, der 
*) Heldmann in der Zeitschr. de- Ver. f. hefs. Gefch. 
u. LdSkde., Bd. 34. S. 191 ff.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.