Full text: Hessenland (26.1912)

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seufzte. „Sei gewiß, ich gehe mit heiligem Ernst 
an diese Lebensarbeit." 
Die beiden waren auf einem Bergrücken an 
gelangt, der einen Blick in ein breites Waldland 
bot. Zwischen hohen Bergen zogen sich grüne Wiesen- 
täler hin mit schmalen silbernen Wasierstreisen. 
Dörfer mit spitzen Kirchtürmen und Hellen freund 
lichen Häusern lagen am Fuße der waldigen Berge. 
„Altes Bonifatiusland!" sagte Straub ge 
dankenvoll. 
„Wie Deine Augen ehrfürchtig blicken, wenn Du 
diesen Namen nennst." 
Straub wendete sich erstaunt nach seiner Begleiterin. 
„Wundert Dich das?" 
„Nein, bewahre, Vater Straub, aber damals, als 
er das Neue, Große in diese einsamen Täler brachte, 
würdest Du zu seinen Widersachern gehört haben." 
„Wie meinst Du das?" 
Er zog die buschigen Brauen hoch und betrachtete 
seine schlanke Pflegetochter mit auskeimendem Miß 
trauen. 
„Die Tüchtigsten waren es immer, die das Alte 
festhalten wollten und dem Neuen mit Mißtrauen 
entgegen traten " 
„So — so — also vorlaut sind die neuen 
Frauen auch? Auch ein wenig hinterhältig —" 
„Lieber Vater Straub —" 
„Schon gut — Babette hat es bester begriffen 
als ich — ich werde resignieren." 
(Fortsetzung folgt.) 
Auf den Spicherer Höhen am 6. August. 
Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen, 
Vergoldend schien sie über Stadt und Land, 
Als einsam ich des Weges, ungekannt. 
Die Felder überschritt, die fast schon kahlen. 
Da lagen sie nun da vor meinen Blicken, 
Die Höhen, Zeugen einer heißen Schlacht, 
Dort ward des Kampfes Lust erst angefacht, 
Ihm folgt' ein Sieg zum Sinnberücken; 
Und weiter ging eS fort und immer weiter 
Dem Vogel gleich in rasend raschvn Flug. 
— Nichts gleicht in der Geschichte jenem Zug — 
Für gute Sache fochten uns're Streiter. 
Erklommen hatt' ich bald die steilen Höhen 
Und auf die Gegend nieder glitt mein Blick. 
Auf Hügel, bergend tausendfält'ges Glück. 
Denn reichlich konnte hier die Sense mähen. So 
So manche« treue Herz ward da gebrochen 
Im Anblick dieser herrlich schönen Welt, 
Oft wurde Feind dem Feinde zugesellt. 
Wenn glatter Stahl ihm seine Brust durchstochen. 
Nichts weckt die Schläfer aus dem ew'gen Schlummer. 
Nicht spüren sie, wie Liebe führt die Hand, 
Wenn sie zum Kranze mit dem schwarzen Band 
Einsticht des Herzens, ach. so tiefq^ Kummer. 
Wie majestätisch hebt der Aar die Schwingen, 
Weithin verkündend deutscher Waffen Ruhm; 
Der Kameradschaft schönstes Eigentum — 
Die Treue — ließ dorthin manch' Denkmal bringen. 
Wir sahen oft den Sommer wiederkehren 
Seit jenem furchtbar blutigen August, 
Und immer wieder sind wir uns bewußt 
Der großen Völkerschlachten ernsten Lehren. 
Noch lange saß ich da in dumpfem Brüten, 
Schon zeigte sich der Sterne helle Schar, 
Die leuchten uns, wie schon so manches Jahr! 
— Die Grabesstätke lag in stillem Frieden. 
Ich sah schon Berge, Wälder vieler Orten, 
Doch rührten sie so tief mir nie die Brust; 
Zum Wandern fand ich lange keine Lust, 
Seit ich verließ die stillen Höhen dorten. 
Dorette Zwirnemann. 
Aus Heimat und Fremde. 
Hessischer Geschichtsverein. Am 11. August 
veranstaltete der Hersselder Verein zu Friede 
wald eine Gedenkfeier der.Zerstörung und helden 
mütigen Verteidigung des Schlaffes. Im Schloßhof, 
der von den Teilnehmern dichtgefüllt war, gedachte 
Amtsrichter Schreiber des denkwürdigen Tages, 
Lehrer WilhelmNeuhauS - Hersfeld schilderte in 
vollendetem Vortrag die Verteidigung des Schlaffes, 
und Oberförster Kersting machte in weiteren Aus 
führungen u. a. die erfreuliche Mitteilung, daß die 
Ruine auch weiterhin dem Publikum zugänglich bleibt. 
Liedervorträge, Musik, Tanz und Beleuchtung des 
Schloffes bildeten das übrige Programm des schönen 
Festes. 
Die Kurhessische Gesellschaft für Kunst 
und Wissenschaft (vgl. Seite 45 und 80 des 
„Heffenland") beginnt im Oktober ihre Vortrags 
zyklen. Anmeldungen zum Beitritt können (bis zum 
30. September ohne Aufnahmegebühr) erfolgen an 
Bibliotheksdirektor Professor vr. Steinhaufen, 
Museumsdirektor vr. Boehlau oder durch Eintragung 
in die in der Murhardschen Bibliothek und der Ge 
mäldegalerie aufliegenden Listen. 
Marburger Hochschulnachrichten. Die 
medizinische Fakultät erneuerte dem Geh. Medizinal 
rat vr. G o t t l i e b K r a u f e bei seinem 50 jährigen 
Doktorjubiläum das Diplom. — Die philosophische
	        

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