Full text: Hessenland (26.1912)

SML. 219 
Schimmerte da nicht ein Helles Kleid durch das 
Grün der Tannenhecken, die den Weg, der in halber 
Höhe der Böschung hinführte, einsäumte? Er stellte 
fest, daß ein schlankes, blondes Mädchen dort, langsam 
Blumen pflückend, gegangen kam, das er vordem nie 
gesehen hatte. 
Sollte es seine Kollegin Fräulein Kornette Waömer 
sein? 
Er konnte sie jetzt deutlich erkennen. Sie blieb 
stehen, schattete die Augen mit der Hand und sah 
ins Tal hinab. Wenn das seine Kollegin war, so — 
fand er sie zu schön, um gelehrt zu sein. 
Er verließ seinen Fensterplatz und trat in das 
Krankenzimmer ein. 
Frau Hulda Gessert lachte ihm entgegen. Sie 
war wie ausgewechselt. Sie erklärte, heute aus 
stehen zu wollen. 
Auch das Zimmer war verändert. 
Im ersten Augenblick war es Hartmut nicht ganz 
klar, was geschehen sei, um einen freudvollen Eindruck 
hervorzurufen. 
Am Fenster stand der Bauer mit dtzm zahmen 
Distelfinken. Neben dem Bett prangte ein Strauß - 
aus gelbem Steinklee und blauem Sturmhut. Wie 
die Farben lockten und lachten. Der Kranken hatte 
jemand das volle braune Haar gestrählt und zu 
Flechten geschlungen, über der blütenweißen Jacke 
trug sie eine Schnur alter Bernsteinperlen. Aus 
der Bettdecke lag ein Liederbuch. Die Seite war 
aufgeschlagen, auf der das Lied stand: 
„Dort, wo die klaren Bäche rinnen, 
Sah ich von fern ein Hüttchen stehn..." 
Und neben dem Kopfkissen lag ein srischgebundener 
Fliegenwedel aus Wermutstengeln. Die Kranke er- 
zählte lebhaft und mit strahlenden Augen, wer da 
gewesen sei, wer ihr den Vogel, die Perlen und 
die Blumen herbei geholt und das Singen an 
empfohlen habe. „So ein Kleid, so blau wie der 
Sturmhut, wird mir Gestert kaufen für meinen 
ersten Kirchgang. Die Kornette soltts in der Stadt 
besorgen! Die Perlen hat sie mir umgebunden, 
weil der Bernstein alles Herzeleid anzieht, sie passen 
auch gut zu meinem Haar — sagt sie." 
„Gewiß lachen Sie nun über meine Eitelkeit? 
Aber sehen Sie — ich wußte schon gar nicht mehr, 
was mich früher freute. Die Kornelie hat mich 
erst wieder darauf gebracht", meinte Frau Gestert. 
„Ich lache nicht über Sie! Ich freue mich, daß 
ich Sie so wohl finde. Bald werden Sie mich nicht 
mehr gebrauchen!" 
Frau Gestert merkte nicht die Selbftverfpottung, 
die in Hartmuts Worten lag. Sie sah nur die 
Verwirklichung ihrer vollständigen Genesung in greif 
barer Nähe. 
„Kann sein — Krankenbesuche werden Sie nicht 
viel mehr machen dürfen! Sonntag stehe ich zum 
erstenmal wieder auf — es ist höchste Zeit .. 
meint Kornelie, daß jemand nach den Schränken und 
Kästen sieht — der Motten wegen! Gelle, Sie lassen 
mich aus der Kur?" 
„Mir scheint, liebe Frau Gessert, ich habe kaum 
noch etwas hier zu tun — meine Kollegin, das 
Fräulein Doktor Wasmer, hat Sie ganz gesund ge 
macht!" 
„So sollen Sie nicht reden. Die Kur machten 
Sie — aber Kornelie gab das hinzu, was die 
Mannsleute nicht verstehen können, überhaupt nicht 
haben, sie hat mir meine Sorgen und Arbeiten ins 
rechte Licht gerückt, so daß ich Sehnsucht danach 
bekam. Und die Sehnsucht zieht mich vom Lager." 
„Also brauchen Sie mich vorläufig wirklich nicht!" 
„Nein — so war's nicht gemeint! Zusammen 
sollten Sie kommen. Sie und Kornelie." 
* * 
* 
Doktor Hartmut lächelte, als er über den Hof ging. 
Er und Kornelie Wasmer! Was hatte seine 
Kollegin für ein Wunder vollbracht! 
Sie hatte den Schlußstein zn einer monatelangen 
schwierigen Arbeit gefügt. Sie hatte fast mühelos 
und spielend die Energie der Genesenden geweckt, 
indem sie ihr die kleinen Sorgen und Freuden des 
Lebens wieder nahe brachte. Und von ihm hatte 
man doch vordem auch zuweilen gerühmt, daß er 
die Seelen seiner Kranken verstünde. 
Als er in Gedanken eingesponnen langsam weiter 
ging, fiel ein Schatten aus seinen Weg. Der Baron 
Wendelstein, nach dem das Dorf seinen Namen trug, 
stand vor ihm. 
Baron von Wendelstein war die Veranlassung, 
daß sich Doktor Hartmut vor zwei Jahren hier 
niederließ. Sie hatten sich aus einer Weltreise, die 
Hartmut als Schiffsarzt und Wendelstein zu seinem 
Vergnügen unternahm, kennen gelernt und eine dauer 
hafte Freundschaft geschlossen. Er sagte neckend: 
„Ich beobachtete Dich vom Fenster der Gemeinde 
schenke aus und folgte Dir. Was für Gedanken 
wälzest Du hinter Deiner Stirne?" 
»Ich ging mit mir selbst ins Gericht." 
„Das ist in den meisten Fällen eine erfolglose 
Sache. Selbsterkenntnis ist eine selten reisende Frucht. 
Ich glaube, ich habe das irgend wo gelesen." 
Hartmut lächelte zerstreut. Der Baron betrachtete 
seinen Freund schweigend von der Seite. Er war 
größer noch als jener — breiter und sonnenverbrannter. 
Seine braunen Augen standen unter sein geschwungenen 
Brauen und, sahen mit einem trotzigen Humor ins 
Leben. Cr trug eine Flinte über der Schulter, und 
ein brauner Hühnerhund folgte ihm. Als Hartmut 
schweigsam blieb, sagte er „Ich habe heute nicht
	        

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