Full text: Hessenland (26.1912)

Hessisches Heimatsblatt 
Zeitschrift für hessische Geschichte, Volks- und Heimatkunde, Literatur und Kunst 
Nr. 14, 26. Jahrgang. Zweites Juli-Heft 1912. 
Wilde Triebe am Stammbaume der hessischen Landgrafen. 
Von vr. Carl Knetsch. 
(Fortsetzung.) 
Allmählich renkte sich das Verhältnis aber doch 
wieder ein. Der erneute Fleiß des Sohnes, nament 
lich aber das Mitleid mit dem Jungen, der im 
Sommer wieder heftig vom Fieber geplagt wurde, 
rührte den gestrengen Vater. Die Einigkeit zwischen 
den beiden Studiengenossen hatte durch die Extra 
tour Philipp Wilhelms auch einen Stoß er 
litten, so daß sie sogar eine Zeitlang nicht zusammen 
gewohnt zu haben scheinen. Erst auf des Land 
grafen dringenden Befehl mag sich Rodingus, den 
er, wie er sagte, zum Zuchtmeister seines Sohnes 
bestellt habe, wieder näher an den Sohn des Landes 
herrn angeschlossen haben. Beide klagten übrigens 
sehr über das teuere Leben und über die übele 
Bevölkerung, die bei jeder Gelegenheit versuche, 
einen übers Ohr zu hauen. Mit einem Briefe 
Wilhelms vom 1. August 1578, worin er dem 
Sohne zum Schluffe noch väterlich zuruft 
,Viäe ne redeas asinus in Germaniam“ 
kreuzte sich ein fast verzweifeltes Schreiben des 
Sohnes, der wegen seines elenden Zustandes drin 
gend bittet heimkehren zu dürfen: 
„Obtestor illustrissimam celsitudinem 
vestram, ut cum alia omnia desint bona 
saltem cum ipsius gratia in patriam redire 
liceat. Agitur enim nunc annus quartus 
fatalis mihi febrium periodus, ut ex septimo, 
undecimo, quintodecimo, undevicesimo et 
vicesimo aetatis meae infestissimis annis 
coniicere liceat, quo si in morbum incidam, 
nae ego hominum infoelicissimus, qui pru 
dens sciensque pecuniaque omni destitutus 
ex avarissimo hominum genere non emi 
grarim.“ 
Er glaubt in Erinnerung jm die besonders 
schweren Fieberanfälle, die er im siebenten, elften, 
fünfzehnten, neunzehnten und zwanzigsten Lebens 
jahre (also in den Jahren 1560, 1564, 1568, 
1572 und 1573) gehabt habe, darauf schließen zu 
können, daß ihn diesmal sein Geschick ereilen, und 
er einen neuen Anfall nicht überstehen werde. 
Landgraf Wilhelm hätte es zwar lieber gesehen, 
wenn er der Studien wegen mit seinem Adjunctus 
noch ein Jahr draußen geblieben wäre, wegen der 
geäußerten schweren Befürchtungen des melancho 
lischen Sohnes gibt er ihm aber die Erlaubnis 
(am 15. September 1578 und 19. Januar 1579), 
zum Frühjahr heimzukehren. Er erwartet ihn nebst 
Begleiter bestimmt Ostern in Kassel, umsomehr,
	        

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