Full text: Hessenland (26.1912)

5«^ 186 S-VL, 
Hessische Gelehrlenanekdolen. 
Im Nachstehenden geben wir mit Erlaubnis deS Ver 
lages einige Proben aus der umfangreichen zweibändigen 
Sammlung, zu der Dr. W. AhrenS-Berlin seine auS 
den mannigfaltigsten Quellen geschöpften Gelehrtenanekdoten, 
Witze und Bonmots mit seltener Gründlichkeit zusammen 
gefügt hat.*) In einer längeren Einleitung gibt er unS 
die Psychologie der Anekdotenbildnng, charakterisiert die 
Wanderanekdoten und solche, die zwar an die Person ge 
knüpft bleiben, aber in mehreren Varianten vorkommen, 
geht ein auf die mehr oder weniger große Glaubwürdig 
keit, die solchen Anekdoten anhaftet und zeigt an konkreten 
Beispielen Anekdoten, die sich mit einer gewissen Natürlich 
keit aus einem betreffenden Milieu bildin und z. T. ein 
mehr oder minder große« Körnchen Wahrheit enthalten, 
und solche, die auf Verwechslung mehrerer Personen be 
ruhen können. Sei dem, wie ihm wolle, sehr vielen Ge 
lehrtenanekdoten kann man eine gewiffe charakteristische 
Bedeutung nicht absprechen, wenn sie auch von historischer 
Bedeutung weit entfernt find. Vor allem aber bildet 
diese Sammlung eine höchst anziehende Lektüre. Diese 
aus den besten und z. T. entlegensten Quellen geschöpften 
Anekdoten betreffen vorwiegend moderne Gelehrte und 
bilden eine reiche Fundgrube deutschen Gelehrtenhumors. 
Beigefügt ist dem sehr empfehlenswerten Werk außer den 
sachlichen Zusätzen in Fußnoten ein umfangreicher Quellen 
nachweis. 
Jakob Grimm führte bekanntlich ein neues 
System der Orthographie, die sogenannte historische 
Orthographie, ein, deren radikalste Änderung in der 
Beseitigung der großen Buchstabe!; — außer für 
Eigennamen und Satzanfänge — bestand. Auf die 
Annahme gerade dieses Punktes legte er sehr großes 
Gewicht. Durch nichts konnte man sich, wie einmal 
Wilhelm Grimm schreibt, bei Jakob mehr ein 
schmeicheln als durch Verbannung der großen Buch 
staben. Auf der Landesbibliothek in Kassel, an der 
die beiden Brüder bekanntlich als Bibliothekare an- 
gestellt waren, entlieh einmal ein junger Mann ein 
Buch, und Jakob Grimm sagte hinterher: „Das ist 
ein recht ordentlicher und verständiger junger Mensch." 
Aus die Frage, worauf'sich denn dies Urteil gründe» 
kam die Antwort- „Er hat da den Empfangsschein 
mit kleinen Buchstaben geschrieben." 
Der hervorragende Germanist und Bibliophile, 
Freiherr Karl Hartwig Gregor von Meusebach, dem 
Wilhelm Grimm dies erzählte, konnte sich noch nach 
Jahren nicht enthalten, einmal hieraus anzuspielen, 
indem er an Jakob Grimm schrieb: 
„Möchten Sie doch ... sagen: ,der meusebach ist 
doch ein verständiger mensch und schreibt sogar seinen 
namen mit kleinen buchstaben, wenn ich zeit habe, soll 
er doch auch wieder ein Paar zeilen von mir bekommen? 
Der ich bin der ihrigste 
k. h. g. von meusebach." 
*) Gelehrten-Anekdoten. Gesammelt und heraus 
gegeben von Dr. W. A h r e n 8. Berlin - Schöneberg (Her 
mann Sack) 1911. Preis Teil I (144 Seiten) 2 M. 
Teil II (180 Seiten) 2.40 M. 
Der Gießener Kirchenhistoriker Schmidt (Johann 
Ernst Christian, f-1831) hieß allgemein der „Himmel 
schmidt" im Gegensatz zu dem gleichnamigen Pro 
fessor der Physik, der „Lustschmidt" genannt wurde. 
In Unterhosen und Schlapppantoffeln, mit einer 
langen, stets dampfenden Studentenpfeife, in einem 
grasgrünen, rotgefütterten Schlafrocke vor seinem 
Schreibtische, eine große Hornbrille mit achteckigen 
Gläsern auf die Stirn geschoben, neben sich stets 
eine große Taffe mit Milchkaffee — so schildert ihn 
Karl Vogt, der als Knabe von seinem Vater (Profeffor 
der Medizin) manchmal zu dem Kollegen von der 
anderen Fakultät geschickt wurde, um aus deffen 
reicher Bibliothek ein Buch zu entleihen. Brachte 
dann der Junge sein Anliegen vor und überreichte 
den Titel yuf einem Streifen Papier, so entwickelte 
sich die lange Gestalt, packte den Schlafrock zusammen 
und stieß eine Tür auf, die zu einem großen Saale 
führte, wo die aus mehreren tausend Bänden be 
stehende Bibliothek in einem wirren Haufen zusammen 
lag. Dann schob Schmidt die Brille herunter und 
umging den Haufen, wie ein Fischreiher mit langen 
und langsamen Schritten.seinen Weiher umkreist. 
Plötzlich fuhr er zu und zog das Buch aus dem 
Hausen heraus. Wurde der Band später zurück 
gebracht. so betrachtete er ihn erst aufmerksam und 
warf ihn dann auf den Haufen. 
Schmidts Vorlesungen über Kirchengeschichte waren 
sehr besucht. Aber nach- allgemeiner Anficht war 
sein Respekt vor der Theologie nur sehr gering, und 
er tat sein möglichstes, um^die jungen Leute von 
diesem Studium abzubringen. Die Dogmen nnd 
ihre Entstehungsgeschichte behandelte er mit ätzendem 
Spott. Eines Morgens meldete sich ein Student 
bei ihm. der sich mit der Lehre von der Dreieinig 
keit nicht abzufinden vermochte und sich deshalb in 
seinem Gewissen beschwert fühlte. Schmidt hört ihn 
ruhig an, raucht nur stärker und rührt in seinem 
Kaffee. Als der Student dann fertig ist, sagt er 
ebenso ruhig: „Sie sehen, ich trinke eben Kaffee!" 
— „Bitte tausendmal um Verzeihung. Herr Prälat. 
Ich wollte gewiß nicht stören — aber dürfte ich 
vielleicht nach Tische...?" — „Da trinke ich auch 
Kaffee", sagte Schmidt sehr bestimmt. — „Da könnte 
ich ja wohl am Abend ...?" — „Ich trinke den 
ganzen Tag Kaffee!" antwortete Schmidt, sich auf 
richtend und eine gewaltige Rauchwolke ausstoßend. 
Verlegen, sprachlos stürzte der Student zur Tür 
hinaus und glaubte ein kurzes, heiseres Hohnlachen 
hinter sich zu vernehmen. 
„Meine Haaren! De Philosophie kanu nich gelahrt 
und nich gelarnt waren!" So pflegte der (aus
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.