Full text: Hessenland (26.1912)

leuchteten selig. Alle Kümmernisse und Ent 
täuschungen der Erde vergaß er hier oben im 
reinen Äther. Nur aus dieser hellen Begeisterung 
ist es zu verstehen, wie dieser Mann zähe an 
seinem Ziel festhält und sich durch kein Hindernis 
schrecken, sich nicht niederringen läßt. 
Gegenwärtig leitet Caspar eine neu errichtete 
Fliegerschule in Hamburg. Ob sein Plan, eine 
ebensolche Schule in Kassel ins Leben zu rufen, 
zur Tat werden wird, das wird von dem Ent 
gegenkommen der Stadt- und der Heeresverwaltung 
abhängen. Wir wollen es ihm und dem Hessen 
lande wünschen. 
(Schluß folgt.) 
Dem Andenken Schwarzkopfs. 
Er kann es einmal nun nicht lassen. 
Immer wieder hinab in der Gassen 
Altvertraute winklige Züge, 
Als wohnt' drinnen Wahrheit und draußen nur Lüge. 
Da steht er und lugt und äugt empor, 
Grüßt jeden Erker und Tür und Tor, 
Liest jede Inschrift, jede Zahl, 
Lauscht den Mären: „Es war einmal “ 
Und sein Auge wird hell, seine Seele wird weit. 
Rauscht ihm vorüber der Strom der Zeit? 
Hört er es raunen von Dach zu Dach? 
Das Schicksal Altkassels, ihm ward es wach, 
Das Schicksal des ganzen Hessenlands. 
Nun flicht er heimlich den Ruhmeskranz 
Soldaten, Soldaten, gassaus und. gassein, 
Die hessischen alle in bunten Reih'n. 
Kassel. 
I Und Fragen und Forschen und Sinnen hebt an, 
Was die Braven im Dienste Deutschlands getan 
Haschte ein Kind da des Alten Hand. 
Freundlich hat er sich umgewandt, 
Fragt nach der Mutter, hat Scherz und Gruß 
Hei, die Soldaten zu Pferd und zu Fuß 
„Dort bauen sie wieder. G, schändet nlir nicht 
Allkassels liebes trautes Gesicht. — 
Das Auetor, ach, ich kann's nicht verzeih'», 
Wie konnte den Platz man nur so entweih'»!" — 
„Herr Doktor, Herr Doktor", ruft's wieder von fern. 
Wie haben den Alten die Kinder so gern. 
Doch nicht nur die Kinder, die Alten vorab, 
Die lieben und ehren ihn über das Grab. 
Und wer ihn nicht kannte, dem melde dies Blatt 
Vom alten getreuen Eckhard der Stadt. — 
H. Berlelmann. 
Meister des Lebens. 
Von Valentin Traudt. 
Der Ingenieur Hans Grell war vor zehn Wochen 
als totkranker Mann ins „rote Kreuz" gebracht 
worden, ausgegeben von allen Ärzten. Gestern, ich 
war eben von einer längeren Geschäftsreise zurück 
gekehrt, besuchte er mich als glücklicher Gatte und 
fragte nach der Wohnung, die in einer meiner Villen 
leer stand. Sie sage ihm zu, da sie so einsam vor 
der Stadt und so sonnig gelegen sei. Ich habe sie 
ihm natürlich vermietet. Kaum aber war er ge 
gangen, als ich auch schon meine Frau ries. 
„Weißt Du, daß sich Hans verheiratet hat?" fragte 
ich erregt. „Wie kommt er nur dazu? Ein Mann, 
der da weiß, daß er nie wieder gesund wird, hätte 
doch die Hand davon lassen sollen! Die reine 
Unvernunft! Er macht unter Umständen nur ein 
junges Weib unglücklich." 
„Die ganze Stadt sprach davon. Und mit 
einem Schreibmaschinenmädchen, einer gewissen Flora 
Tortorf." 
„Mit der lustigen Flora?" 
„Du kennst sie wohl?" 
„Gewiß, ich habe ihn oft mit ihr gesehen. Daran 
hätte ich aber nicht im entferntesten gedacht. Man 
hat ja viel von den beiden geredet, dem ungleichen 
Paar, Sommer und Winter." 
In dem Augenblick kam mein Bruder, um mich 
geschäftlich zu sprechen. Es handelte sich um eine 
Granitlieserung. Aber sofort wandte er seine Auf 
merksamkeit unserem Gespräch zu, das wir in halben 
Worten zwischen der Geschästsangelegenheit hindurch 
fortgesetzt hatten. 
„Ah, Ihr sprecht von dem glücklichen Grell? 
Hat Dir denn Dein Frauchen nicht gesagt, daß ich 
Trauzeuge war? Nun, ich war dabei, als der Geist 
liche ihre Hände ineinander legte, und ich muß Dir 
sagen, mir standen die Tränen in den Augen. Ich 
glaube, die beiden haben in dem Augenblick das höchste 
Erdenglück empfunden." 
„Das ist ja eine sehr romantische Geschichte. 
Offen gesagt, hätte ich das der Flora nie zugetraut." 
„Kennst Du sie denn näher?" fragte nun meine 
Frau gespannt.
	        

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