Full text: Hessenland (26.1912)

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ber Enkel derselbe ist wie der der Großväter, die als be 
rühmte Fuldaer Kapelle einst die Bäder des alten Kur 
fürstentums besuchten und auf ihrer Wanderung die be- 
deutenderen Orte mit Konzerten erfreuten. Welche Freude 
herrschte z. B. in Melsungen unter den Forstakademikern, 
wenn es hieß: „Die Fulder kommen." Die jetzt meist 
öden Kasinosäle des alten Fuldastädtchens vereinigte dann 
Alt und Jung zu einem feinen Konzert, an desien Schluß 
Terpfichore das Szepter über eine frohgemute Jugend führte. 
Der Fuldker Oratorien-Verein Cäcilia hatte bereits am 
11. d. M. die große Freude, den Komponisten des großen 
Tonwerkes Quo vadis? Herrn Felix NowowiejSki unter 
seinen Festgästen bei der Generalprobe begrüßen zu"können. 
Nachdem die Probe tadellos wie ein Konzert verlaufen, 
begab sich ein großer Teil des Vereins Cäcilia mit dem 
Komponisten in das Hotel zum Kurfürsten, wo man ihn 
und viele andere bedeutende Persönlichkeiten in feierlichen 
und launigen Toasten hoch leben ließ. 
Am Sonntag Morgen flutete eine große Menge durch 
den im Maiengrün prangenden Stadtpark (ehemaligen 
.Schloßgarten) zu der um 11'/» Uhr angekündigten Matinee 
in den Stadtsaal. einen der schönsten Säle Deutschlands. 
Dieser gliedert sich den alten fürstäbtlichen. später kur 
fürstlichen Orangeriesälen an und ist ihrer würdig in 
reichem stilvollen Barock ausgeschmückt. Das Orchester der 
RegimentSmufik des Jnf.-RgtS. Nr. 71 aus Erfurt setzte 
mit der Ouvertüre .Leonore" Nr. 3 von Beethoven ein. 
Die feine Ausarbeitung der verschiedenen Pianisfimi sowie 
deS in der Ferne verklingenden Zapfenstreiches wirkte be 
zaubernd. Hierauf hielt Oberbürgermeister vr. Antoni 
die Ansprache. Er gab in kurzen Worten den Werdegang 
deS Vereins und gedachte. anerkennend der verschiedenen 
Dirigenten und der durch sie mit dem Verein zusammen 
zur Aufführung gebrachten Werke. Unter ihrem Gründer 
K. Henkel hatte der Verein Cäcilia manche Schwierigkeit 
zu überwinden, auch das Ende der 40er Jahre war seiner 
Entwickelung nicht günstig, aber er erstarkte im Laufe der 
Jahre mehr und mehr, so daß der Oberbürgermeister der 
betagten, aber jugendfrischen Jubilarin der zuversichtlichsten 
Hoffnung voll seine Glückwünsche zu weiterem Blühen und 
Gedeihen aussprechen konnte. Voll tiefer Ergriffenheit 
überreichte sodann eine Enkelin des Gründers der Cäcilia 
das Bild Ñ. Henkels. Hierauf fang der Verein Cäcilia 
unter Mitwirkung mehrerer kurheffischer gemischter Chöre 
und der oben angeführten Kapelle (ca. 500 Mitglieder) 
den Maffenchor: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" 
aus der Schöpfung von Haydn. Jetzt spielte di« Kapelle 
Brahms Symphonie Nr. 2 ; im Allegro non troppo ließ 
die vorzügliche Kapelle schon das Leben atmende Motiv 
deS Werkes geradezu prickelnd ahnen und führte eS durch 
alle weiteren Teile mit gewohnter Meisterschaft durch. 
Den Schluß bildete der Gesang von Händels Halleluja, 
einem Chor au« dem Messias. Froh und voll Erwartung 
für den Abend verlor sich die Menge auf der großen 
Rundtreppe zu Füßen der Flora, eines wunderbar feinen 
Gebildes der Barockkunst, besten hohen künstlerischen Wert 
der letzte Kurfürst zu würdigen verstand und der darum 
gern mit der Statue seine Residenz Kastei geschmückt hätte, 
wenn bas filigranartig gemeißelte Kunstwerk einen Trans- 
Port gestattet hätte. 
Abends um 6'/, Uhr fand in dem voll besetzten Hause 
die unter dem bewährten, in weiteren Kreisen bekannten 
Dirigenten Gottfried Leber glänzend durchgeführte Auf 
führung des Oratoriums Quo vaäis? statt. Mehr wie 
einmal durchbrauste stürmischer Jubel den Festsaal. Viele 
Kränze wurden überreicht, erwähnt sei nur ein Lorbeer- 
kranz mit Bandschleife in den kurhesfischen Farben für den 
Komponisten. 
Der Abend brachte den tapfern Sängern und Sängerinnen 
deS Vereins Cäcilia und ihren Freunden noch ein gemüt- 
liches Beisammensein in den Räumen des Bürgervereins. 
Der 13. Mai vereinigte die frohen Sangesbrüder und 
-Schwestern zu einem Früh-Kommers in der ehemaligen 
Hauptwache. Am Abend dieses TageS trat das Recht der 
Jugend in Kraft: der große Ball im Stadtsaal als Lohn 
für alle Proben und Mühen. Euterpe gab ihren Herrscher- 
stab an Terpfichore ad. 
Hessische Bücherschau. 
Speck. Wilhelm. Der Joggeli. Erzählung. Mit 
einem Geleitswort vom Verfaffer. 71 Seiten. 13. bis 
17. Tausend. Berlin (Martin Warneck) 1912. 
Preis kart. 1.20 M. 
Wir berichteten kürzlich, daß ein polnischer Graf, der 
Wilhelm Specks Werke schätzen gelernt hatte, sich vergeblich 
in hessischen Landen nach dem Dichter erkundigte und, über 
besten Prophetenlos betrübt, in verschiedenen hessischen Orten 
Exemplare des .Joggeli" verteilen ließ. Da dieses präch 
tige kleine Werk von den drei Heimaten des stillen und 
klugen Bäuerleins zu Dutenbach (Orpherode) soeben im 
13.—17. Tausend.erscheint, muß gemutmaßt werden, daß 
fein Verfaffer außerhalb Hessens weit mehr gewürdigt und 
gelesen wird. ES ist daS hierzulande. freilich nichts Außer 
gewöhnliches. aber eben deshalb kein Grund, die beschämende 
Nichtachtung der wenigen guten hessischen Dichter in 
Permanenz zu lasten. Der Verfasser der »Zwei Seelen", 
der .Flüchtlinge", der.Ursula" und de«..Quartettfinale' 
hat sich unter den zeitgenössischen Autoren längst sein 
Platzrecht erworben, und es wird nachgerade Zeit, daß 
man sich auch in Hessen ernsthaft auf diesen glänzenden 
Stilisten und gemütreichen Erzähler besinnt. Wer ihn 
noch nicht kennt, sei darum auf den vom Verfasser feiner 
hessischen Heimat zugeeigneten .Joggeli" verwiesen, er wird 
dann auch nach den anderen Büchern deS Dichters greifen. 
WaS dieser Neuauflage noch besonderen Wert verleiht, ist 
daS Geleitswort (Seite 5—19), das Speck dem Buche voraus 
schickt und in dem er von seinem eigenen Leben, von den 
Eindrücken aus dem Kinderland, in denen die Quellen 
seines Lebens fließen, von den Eindrücken feines Berufes 
und deren Niederschlag in seinem dichterischen Schaffen 
erzählt. 
Möge das kleine Buch diesmal ohne ausländischen Grafen 
seinen Weg in viele Heffenhäuser finden. Hbach. 
Engelhard, Karl. Pestalozzis Liebe. Dramatische 
Idylle in 4 Aufzügen. 110 S. Rostock in M. (Kaufunger 
Verlag) 1911. Preis 1,50 M. 
Aus .Lienhard und Gertrud", den .Abendstunden eines 
Einsiedlers" und den Briefen Pestalozzis nahm Karl 
Engelhard die Farben, ein Bild des großen Erziehers der 
Menschheit zu zeichnen. Ein Jugendbild ist'S voll Glühm 
und Mühen. Wie sich der große Schweizer von innen 
heraus auf eigenen Weg hindurchkämpft, angeregt von 
seinem sterbenden Freunde Bluntschli, begleitet von seiner 
ernsten Mutter und der treuen humorvollen Magd Babeli. 
verstanden und geliebt von Nanette, der reichen Bürgers 
tochter Zürichs, die in der innigen Seelenharmonie mit 
dem Geliebten volles Genügen findet und darum leicht auf 
irdisch Gut verzichtet — das läßt uns der Dichter im
	        

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