Full text: Hessenland (26.1912)

„daß heutzutage, wo die Rittmeister alle schon graue 
Köpfe haben, ein so jugendlicher Rittmeister von 
21 Jahren nicht mehr vorkommt." 
Als Georg in Marburg sein viertes Studien 
jahr vollendet hatte, zog er nach Gilsa. Bald darauf 
verlobte er sich mit Henriette, einer Tochter des 
Generalleutnants v. d. Malsburg, eines Freundes 
und Kriegskameraden seines Vaters. Die Hoch 
zeit fand im Jahre 1766 im September statt. 
Georg wurde zwei Monate später als Kriegsrat 
beim Kriegskollegium in Kassel mit monatlich 
16 1 /« Taler Gehalt angestellt und mußte seinen 
Wohnsitz nach Kassel verlegen, er ließ aber seine 
junge Frau bei seinen Schwestern in Gilsa wohnen. 
Leider war diese glückliche Ehe nur von kurzer 
Dauer; die junge Frau starb nach °/4 Jahren, 
nachdem sie einem Töchterchen das Leben gegeben, 
das aber auch nur fünf Jahre alt geworden ist. 
Der Kriegsrat Georg v. Gilsa ist dann 1769 
von der Hessischen Ritterschaft zum Obereinnehmer 
in Treysa erwählt worden. Er erbat und erhiÄt 
den Abschied aus landgräflichem Dienst mit jähr 
lich 70u Taler Pension und zog wieder nach Gilsa, 
von wo aus er nur dann nach Treysa zu gehen 
brauchte, wenn ihn der ritterschaftliche Dienst dorthin 
rief. Nach seinem Tagebuch war er vergnügt und 
zufrieden, daß er nun wieder aus der großen Stadt 
Kassel heraus war und nur eine Wirtschaft zu 
führen brauchte. — Er ist 1794 Chef des damals 
errichteten Land-Regiments Ziegenhain geworden 
und vier Jahre später in Gilsa, 58 Jahre alt, 
gestorben. Sein Nock, in dem er bei Vellinghausen 
so schwer verwundet wurde, wird zukünftig eine 
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Sehenswürdigkeit des Landesmuseums zu Kassel 
bilden. 
Wilhelm v. Gilsa verheiratete sich 24 jährig mit 
einer Tochter des Generalleutnants v.Urff zu Mar 
burg. Er ist im Jahre 1784 als Major im Leib- 
Dragoner-Negiment zu Homberg a. d. Efze ge 
storben und der Stammvater der jetzigen Besitzer 
des Oberhofs zu Gilsa geworden. — Von den 
Töchtern des Generals ist die jüngste zwei Jahre 
nach dem Tode der Eltern, die andere aber erst 
1804 gestorben, sie- hat also noch erlebt, wie 
aus der Landgrafschaft Hessen ein Kurfürstentum 
wurde. — — 
Wir sind am Schluß unserer Erzählung, die 
uns gezeigt hat, welche schweren Opfer die Familie 
v. Gilsa im 7 jährigen Kriege auf dem Altar des 
Vaterlandes hat darbringen müssen. Was sie 
erlitt, ist bezeichnend für die ganze Zeit, und viele 
tausende anderer Familien in Hessen, adelige und 
bürgerliche, hatten damals ähnliche, vielleicht noch 
größere Verluste auszuweisen. Der lange Krieg 
hat überall tiefe Wunden gerissen, und es hat 
viele Jahrzehnte gedauert, bis sie einigermaßen 
vernarbt und geheilt waren. 
Was wir von dem Leben und den Taten des 
Generals v. Gilsa vernommen haben, rechtfertigt 
gewiß den Ansspruch des Oberstleutnants O'Cahlll, 
daß Gilsa zu den besten und merkwürdigsten Männern 
gehört, die Hessen aufzuweisen hat. Möchte deshalb 
das Andenken des tapfern Soldaten, des verdienten 
Generals in seinem Vaterlande stets in Ehren ge 
halten werden, möchte es Deutschland in ernster 
Zeit niemals an solchen Männern fehlen! 
Tunis. 
In Tunis, im Araberviertöl war 
Ich einst, mich windend durch das Volksgedränge, 
Betäubt vom Lärm unlautrer Händlerschar 
Und arg belästigt von der Bettler Menge. 
Bald einen golddurchwirkten, bunten Schal, 
Bald einen Fez, bald Fächer, Dolch und Degen 
Und falsche Ambraketten ohne Zahl 
Hielt man zudringlich immer mir entgegen. 
Da dachte ich: Wie schmutzig und wie roh 
Ist doch das Volk, von dem du hier umgeben, 
Marktschreierisch und nur des Vorteils froh' 
Und eoler Regung bar das ganze Leben. — 
Da plötzlich teilte sich der Menschenschwarm 
Und bildete voll Ehrfurcht eine Gasse, 
Und sieh, durch diese, einen Korb am Arm, 
Ein blindes Mädchen kommt herab die Straße. 
Fortwährend rufend: „Achtung» ich bin blind; 
Laßt ihren Weg der Blinden ohn' Geleite!" 
Wie einem hohen Gaste gab geschwind 
Em jeder Raum und sprang behend zur Seite. 
Wenn auch so mancher einen Stoß erhielt. 
Den Grund erkennend, blieb er . still und heiter. 
Das Ungestüm zu dulden, gern gewillt, 
Schritt nur in freier Bahn die Blinde weiter! 
Ein Geldstück glitt in ihre braune Hand; 
Sie nahm es an, das Haupt mir zugewendet, 
Und lächelte vergnügt, und dies empfand 
Als Schönstes ich, was mir der Tag gespendet. 
Doch du, Arabervolk, verzeihe mir, 
Daß ich für roh dich hielt und für verdorben; 
Es ist doch Anstand, gute Sitte hier, 
Wo Unglück so viel Achtung sich erworben. 
Noch bess're Zeiten sehen wird dies Land, 
Zur höchsten Bildung kann sein Volk erblühen; 
Es pochen unter ärmlichem Gewand 
Doch Herzen, die in Mitleid rasch erglühen. 
Kassel. 
Hermann Kuno.
	        

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