Volltext: Hessenland (26.1912)

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von den Verbündeten belagert wurde, diesmal mit 
Erfolg. Am 1. November mußte sich die französische 
Besatzung ergeben und Kassel verlassen — auf 
Nimmerwiedersehn. Vierzehn Tage später wurde 
in der Brücker Mühle bei Amöneburg ein Waffen- 
stillstand geschloffen, dem das Ende des Krieges 
— der Friedensschluß zwischen England und Frank 
reich — auf dem Fuße folgte. 
Sämtliche hessische Truppen bezogen, ehe sie in 
ihre Heimat entlassen wurden, Quartiere auf dem 
Eichsfeld. Von hier aus bat Gilsa im Dezember 
seinen Landesherrn brieflich um einen zweimonat 
lichen Urlaub nach Hessen. Er schrieb: „Nicht 
allein meine Umstände, so ich an meinen alten 
Körbber habe, um Etwas mit Ordnung zu ge 
brauchen, sondern auch meine ganz in Grund 
ruinierte armselige Umstände zu Gilsa nötigen 
mich, um diesen untertänigen Urlaub zu bitten." 
Der Landgraf sandte ihm als Antwort die Be 
stallung als Gouverneur der Festung Ziegenhain 
und schrieb dabei: da Gilsa von jetzt ab so nahe 
bei seinen Gütern in Garnison stehe, so hoffe der 
Landgraf, er werde desto bequemer seine Gesundheit 
pflegen können und sollte es lediglich von dem 
Herrn General abhängen, ob er nun zuerst auf 
seinen Posten nach Ziegenhain gehen oder sich erst 
auf Urlaub nach Gilsa begeben wollte. — Natürlich 
ging der General zuerst nach Ziegenhain und richtete 
sich hier ein. Nachdem er alle Vo rbereitungen für 
die Verwaltung seiner neuen Stellung getroffen, 
trat er den Urlaub an, den er auf dem Oberhof 
verbrachte. Hier galt es, wieder geordnete Zu 
stände zu schaffen; da gab es auch manche Schuld 
zu tilgen, die während der Kriegsjahre gemacht 
war. Denn das Gut hatte fast sechs Jahre hin 
durch nichts eingebracht, und Gilsas Gehalt, wie 
wir aus seinen Aufzeichnungen wiffen, hatte nicht 
hingereicht, die Familie zu erhalten. Der Sekretär 
Michaud hatte in den Kriegsjahren nicht nur keinen 
Gehalt bekommen, sondern aus seinen Ersparnissen 
und denen seiner Schwestern an Frau v. Gilsa 
Vorschüsse geleistet, die nun abgetragen werden 
mußten. — 
Georg blieb zwei Jahre in Herborn, dann ging 
er nach Marburg, um dort seine Studien fort 
zusetzen. Bald nach dem Friedensschluß hatte er 
mit seinem Abschied eine für damalige Zeiten recht 
hohe Pension von jährlich 200 Talern erhalten, 
und da sein Vater ihm einen jährlichen Zuschuß 
von 300 Talern gewährte, so standen dem Georg 
für sein Studium genügende Mittel zur Verfügung. 
Außerdem hatte er das Glück, im September 1764 in 
der letzten Klaffe der Kaffelschen Lotterie 1000 Taler 
zu gewinnen. Sein Bruder Wilhelm war 
bald nach Ablösung von der Stellung als Ad 
jutant seines Vaters in das Kavallerie-Regiment 
Gendarmes versetzt und kam nach dem Friedens 
schluß zuerst nach Kirchditmold, dann nach Wahlers 
hausen bei Kaffel in Garnison. Wie schon erwähnt, 
hat Georg v. Gilsa alle Briefe seiner Eltern auf 
bewahrt. Es ist zu bedauern, daß die Eltern nicht 
auch die Briefe dieses SohneS uns hinterließen. Die 
Briefe der Frau v. Gilsa sind sehr anmutend und sie 
verschaffen uns Einblick in alle Familienverhältnisse. 
Sie muß eine frohmütige, kernfrische Hausfrau, 
eine liebende, sorgende Gattin und Mutter ge 
wesen sein. Ihrem Sohn Georg vertraut sie in 
den Briefen alles, was ihr Herz bewegt, sie be 
spricht mit ihm alle Wirtschaftssorgen, sie sendet 
ihm Geld, Wäsche, Kleider, Stiefel, sie regt ihn an 
zu eifrigem Lernen und warnt vor Überarbeitung. 
DaS Band aufrichtigen Vertrauens hat die Mutter 
und besonders diesen Sohn umschlungen; er war 
ihr Stolz, ihre Hoffnung für die Zukunft. 
Die verderblichen Folgen der Anstrengungen, 
die der lange Krieg dem General v. Gilsa auf- 
erlegt hatte, machten sich in den folgenden Friedens 
jahren in steigendem Maße geltend. Er hatte 
seinen Wohnsitz in Ziegenhai,c, war aber auf Tage 
und Wochen häufig auf Urlaub in dem nahe ge 
legenen Gilsa bei den Seinen. — So hatte er den 
Anfang des Jahres 1765 aus dem Oberhof gefeiert 
und war eben nach Ziegenhain wieder zurückgekehrt, 
als er so schwer erkrankte, daß man für sein Leben 
fürchtete und seinen Sohn Georg aus Marburg 
durch einen Eilboten an das Krankenbett holen 
ließ. Der General erholte sich zwar diesmal schnell, 
aber acht Wochen später, als er wieder einmal in 
Gilsa sich aushielt, machte ein Schlaganfall seinem 
tatenreichen Leben ein unerwartetes, doch sanftes 
Ende. — In voller Uniform ist er im Erbbegräbnis 
zn Gilsa beigesetzt worden, und feinem Sarge 
folgten außer seinen Angehörigen und Freunden 
sein Regiment, das auf Befehl des Landgrafen 
von Ziegenhain nach Gilsa marschiert war, dem 
Helden die letzte Ehre zu erweisen. In der Kirche 
zu Gilsa ist ihm später ein einfaches Denkmal er 
richtet, dort hängt auch sein Degen mit der In 
schrift : Liebst Du Dich und Dein Glück, so meide 
mich und meinen Stich. 
Frau' v. Gilsa hat ihren Gatten nur um 
sieben Monate überlebt. Sie starb in demselben 
Jahre im Oktober. „Gott schenke mir die Gnade." 
so schrieb Georg nach dem Tode seiner Eltern in 
sein Tagebuch, „meine hiesige Pilgrimschaft so ein 
zurichten, daß ich mich meiner seligen Eltern nicht 
unwürdig mache." — In demselben Jahre wurde 
der jüngste Sohn Wilhelm 21 Jahre alt und damit 
mündig. „Ich glaube," sagt Herr von Baumbach- 
Sontra in seiner Chronik der v. Gilsafchen Familie,
	        

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