Full text: Hessenland (26.1912)

NBSL, 100 S«SL. 
und Hausen nun auf deren tiefunterstem Grunde. 
Auch bei ihnen läßt sich der genetische Zusammen 
hang mit den Seelen unschwer aufzeigen. Die 
Seelen der Ertrunkenen lebten urältestem Glauben 
zufolge im Wasser fort. Aus diesen Wasserseelen 
erst dürfte die schöpferische Phantasie die selbständigen 
Wassergeister gestaltet bezw. entwickelt haben. 2 ) 
Der älteste einfache Name der Wasserelben scheint 
das althochdeutsche Nichus, weibliche Form Nichessa, 
zu sein, Namen also, die uns noch heute als Neck, 
weiblich Nixe, durchaus geläufig sind. Zusammen 
gesetzte Bezeichnungen, dabei älter als die eben 
genannten, sind Merimanni, Meriminni, Meerfei, 
Meerweib, Meermaid, Wasserholde, gebräuchlicher 
die anderen jüngeren: Wassermann, Hakenmann, 
Wasserjungfer, Seeweibchen, Brunnenholde u. a. 
Die Wasserelben werden oft in Tiergestalt gesehen. 
Aber auch die menschliche Gestalt ist vielbezeugt. 
Mit Vorliebe reden die Sagen von weißen Jung 
frauen und blendend schönen Frauen, die „mit 
ihrem schneeweißen Leibe in der Flut auf- und 
niedertauchen und im Sonnenschein ihr langes 
goldglänzendes Haar strählen und schnätzen". 2 ) 
Nicht selten gehen die Wasserelben an Land, die 
Elbin dann in langem, triefendem, nie völlig trocken 
werdendem Kleid, der Nix oft in Gestalt eines 
meist ältlichen langbärtigen Mannes mit grünem 
oder rotem Hut, auch er mit dem untilgbaren 
Merkmal seines nassen Heims, dem tropfenden 
Nockschoß. 
Entsprechend den bald Segen, bald Verderben 
bergenden Wirkungen des flüssigen Elements steht 
der germanisch deutsche Naturmensch auch seinen 
Verkörperungen, den Wasserelben, innerlich zwie 
spältig gegenüber. Vertrauend naht er den ihm durch 
aufsteigende Bläschen sich kundgebenden Quell 
elben. Von ihnen erhofft er Heilung von aller 
hand Mängeln und Gebresten des Leibes, sogar 
Weissagung. Die Quellen dürfen aber unter keinen 
Umständen verunreinigt^), nicht einmal durch Stein 
würfe getrübt werden. Um sich des guten Willens 
der Quelljungfern und Brunnenholde zu versichern, 
war es schon in ältester Zeit Brauch, Geldstücke 
in die Heilbrunnen zu werfen, sie im Frühling 
mit Laub und Blumen zu bekränzen und in der 
Weihnachtszeit mit Lichtern zu umstellen. Ja, man 
spendete bezeugtermaßen den Quellen Brot und * *) 
*) I. W. Wolf, Hesfische Sagen Nr. 218 und 202; 
Lynker, Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen 
Nr. 106, wo die Seele des Ertrunkenen genau die Rolle 
spielt, die die Sagen meist den eigentlichen Wassergeistern 
zuschreiben. 
Th.Bindewald, OberhesfischesSagenbuch S.67u.68. 
*) I. W. Wolf a. a. O. Nr. 16; Wilhelm Horn, Das 
Wasser im Glauben des Volkes (Blätter für hesfische Volks 
kunde III. 1). 
Kuchen, selbst — dies wohl als ein stellvertretendes 
Menschenopfer — abgeschnittene Nägel und unter 
nahm zu Ostern, im Mai und zu Johanni förm 
liche Wallfahrten zu den Quellen, um der heilenden 
und segnenden Wirkungen ihrer Elben teilhaftig 
zu werden. 
Auch für Hessen ist der Quellenkult genugsam 
bezeugt. So war z. B. in Eschwege°) noch 
vor vierzig bis fünfzig Jahren die Bekränzung 
der Brunnen durchaus in Übung. Desgleichen 
wurden die Brunnen der Stadt Allendorf a. W. 2 ) 
mit Laub und Blumen bekränzt. Im waldeckischen 
Rhodens findet sogar die Bekränzung der Brunnen 
mit Blumenschmuck noch heute statt. Ebenso soll 
man im mittleren Odenwald zu Pfingsten mit 
Blumen geschmückte Brunnen noch häufig zu sehen 
bekommen?) 
Dieser einst gewiß allgemeinen Volkssitte ent 
sprechend, fehlt es im hessischen Lande auch nicht 
an solchen Quellen, denen man eine ganz besondere 
segenspendende Kraft beimaß. So heilt die Quelle 
zu Döllenbach im Fuldischen 2 ) dem Volksglauben 
nach Augenkrankheiten. Geradezu berühmt war 
die intermittierende Quelle bei Trais a. Lumda 
in Oberhesien 10 ), der sogen, „gute Brunnen", der 
die Badenden verjüngte und heilte, zu dem Ende 
des 18. Jahrhunderts die Leute bis aus dem fernen 
Frankreich wallsahrteten und der noch 1899 ein 
Mädchen von einem Hautausschlag geheilt haben 
soll. Heilende Kraft haben auch der Jungfern 
brunnen bei Romrod n ) und der Gesundheits 
brunnen bei Vielbrunnen im Odenwald 12 ), und 
gar, wer aus dem Hänschenbrunnen in Storndorf 
(Kreis Alsfeld 1S ) trinkt, der wird nicht bloß gesund, 
sondern auch klug und schlau. Zu dem Brunnen 
des Hohlsteins bei Hilgershausen (am Meißner 14 ) 
wallfahrten am zweiten Ostertag die Burschen und 
Mädchen der naheliegenden Dörfer Hilgershausen 
°) Mündliche Mitteilung des Herrn Prof. vr. Krickau 
(Hofgeismar). 
*) „Der Sonntagsbote". hrsgeg. von Pfarrer Francke, 
Kassel. 50. Jahrg. S. 322. 
(Ob nicht auch die früher in Kassel am Geburtstag des 
Kurfürsten stattfindende Bekränzung und Beleuchtung der 
Brunnenhäuschen durch die Jugend einen letzten Rest dieses 
Brauches darstellte? (Vgl. Schmidtmann, Erinnerungs 
bilder. 2. Aust., 1910, S. 12.) Die Redaktion.) 
') Mündliche Mitteilung des Herrn Oberbibliothekars 
Prof. vr. Brunner. Kaffel. 
8 ) Horn a. a. O. und „Hessische Blätter für Volks 
kunde" I. 141. 
") Horn a. a. O. 
*") Lynker a. a. O. Nr. 122 u. 123, „Marburger An 
zeigen von 1764", S. 147 u. 157; Horn, Das Waffer usw. 
") Horn, Das Master usw. 
") Horn a. a. O. 
") Horn a. a. O. 
") Lynker a. a. O. Nr. 346; Horn a. a. O.
	        

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