Full text: Hessenland (26.1912)

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Stellen entsteht neben der alten (Regierungs-)Kanzlei 
eine Geheime Kanzlei, oder eigentlich zwei Geheime 
Kanzleien: die Kammerkanzlei und die Landkanzlei. 
Seit der Begründung des Geheimen Rats durch 
Landgraf Moritz (1609) wird die Geheime Kanzlei 
mehr und mehr zur Geheimen Rats-Ka.nzlei, ohne 
daß deshalb der Geheime Kriegssekretär (dieser Aus 
druck ersetzt etwa seit der Mitte des 17 Jahrhunderts 
den „Kammersekretär*) und der Landsekretär auf 
hören, die Kabinettskorrespondenz der Landgrafen zu 
führen. Infolge dieser Doppelstellung der Geheimen 
Kanzleien kommt es in Hessen-Kassel nicht — wie 
wie etwa in Preußen — zur Ausbildung eines 
wirklichen Kabinetts, obwohl sich Ansähe dazu bereits 
vorübergehend unter Landgraf Moritz zeigten, und 
trotz einiger kabinettartigen Behördenbildungen, die 
der äußere Entwickelungsgang des Staats mit sich 
brachte: der hessisch-schwedischen Geheimen Kanzlei 
in Stockholm untet Friedrich I. (1730—1751), 
zum amtlichen Verkehr zwischen dem König und dem 
Ministerium in Kassel, und ixer hessisch-hanauischen 
Geh. Kanzlei (1736—1785). Erst unter Landgraf 
Wilhelm IX., der den Typus des absolutistischen 
Herrschers unter den hessischen Landgrafen am reinsten 
vertritt, zeigen sich verschiedene Ansätze zu der Bildung 
eines Geheimen Kabinetts neben den beiden Geheimen 
Kanzleien (Geheimes Kabinettsarchiv 1790, Geheimer 
Kabinettssekretär usw.), Ansänge, die die Neu 
bildung eines solchen Geheimen Kabinetts mit fester 
Kompetenz durch das große Organisationsedikt von 
1821 bereits vorbereiten, bei dieser Modernisierung 
der ganzen Staatsverwaltung werden dann auch der 
alte Geheime Rat und die beiden Geheimen Kanz 
leien durch ein neues Staatsministerium mit Ministe- 
rialkanzlei ersetzt. In der anschließenden Besprechung, 
die Pros. Wenck einleitete und an der sich nament 
lich vr. S ch ul tz e und Geh. Rat Hartwig beteiligten, 
wurden hauptsächlich die Fragen der Zusammen 
setzung und Organisation des Kasseler Geheimen 
Rats und sein Verhältnis zum Landesherrn, auch 
im Vergleich zu anderen Staaten, besonders Branden 
burg-Preußen, berührt. 
Am Herrenabend des Kasseler Vereins am 
4. März teilte der Vorsitzende General E i s e n t r a u t 
mit, daß er die beschlossene Eingabe wegen Erhaltung 
der Mühle an den Kultusminister abgesandt habe. 
Eine ähnliche Abgabe hat der Bezirkskonservator 
Professor v. Drach an den Landeskonservator ge 
richtet. Regierungsbaumeister Genth suchte ein 
gehend die hohe Baufälligkeit der Mühle darzutun, 
räumte aber ein, daß er diese selbst aus eigener 
Anschauung nicht kenne. Der Vorsitzende bat, von 
einer nochmaligen Diskussion dieser Angelegenheit ab 
zusehen. Lebhaftes Bedauern erregte die Mitteilung, 
daß Regierungsbaumeister vr. Holtmeyer durch 
seine Versetzung nach Magdeburg dem Verein und seiner 
Tätigkeit, der Inventarisierung der Baudenkmäler, 
entzogen werde. Der Schriftführer Rechnungsdirektor 
W o r i n g e r teilte dann Auszüge aus dem Tagebuch 
des Kammerherrn der Gemahlin Friedrichs des Großen 
von Lehndorff über die Hochzeit Landgraf Friedrichs II. 
mit der Prinzessin Philippine von Brandenburg- 
Schwedt mit, die sehr zutreffende Urteile über die 
Prinzessin Philippine enthielten. Der Vorsitzende 
brachte hierauf einen Bericht des hessischen Generals 
von Urff über den Rückzug der alliierten Armee 
von Celle nach Lüneburg im Winter 1758 zur Ver 
jüng und erläuterte ihn mit eingehender Schilderung 
der damaligen Kriegslage. Die Herren Kaufmann 
Konrad Nagell und Weißbindermeister Schiebeler 
widmeten dem Verein seltene Drucksachen. 
Hochschulnachrichten. Marburg Der be 
kannte Lustschiffer Majors von Abercron zu 
Mülheim a. Rh. wurde von der philosophischen 
Fakultät zum Ehrendoktor und der Oberlehrer an 
der Leibnizschule zu Hannover vr. Hermann Schuster 
von der theologischen Fakultät zum Lizentiaten 
honoris causa ernannt.— An Stelle des ausscheiden 
den bisherigen Lektors der englischen Sprache Beacoll 
LI. A. ist der Bachelor of arts der Universität 
Manchester Georg Wright Glover zum Lektor 
ernannt worden. — Gießen: Professor vr. Erich 
Opitz, Direktor der Frauenklinik zu Düsseldorf, 
hat den Ruf als Nachfolger des Gynäkologen Pros, 
vr. von Franque angenommen. 
Eine Neuerwerbung der Kasseler Galerie. 
Galeriedirektor vr. Gronau erstand aus der Ver 
steigerung der Galerie des verstorbenen Konsuls 
Weber in Berlin eine holländische Straßenansicht, 
über deren Schöpfer (Jan Vermeer van Harlem II 
oder Dirk Jan van der Laen) die Spezialisten bis 
her nicht einig geworden sind. Diesem Umstand 
ist es zu verdanken, daß diese holländische Vedute, 
die eine Lücke in unserer Galerie ausfüllt, zu an 
gemessenem Preis für Kassel gesichert werden konnte. 
Die Verhältnisse der Kasseler Kunst» 
gewerbeschule brachte Landtagsabgeordneter 
vr. S ch r o e d e r kürzlich im Abgeordnetenhaus zur 
Sprache. Es werde lebhafte Klage darüber geführt, 
daß das Zeichnen zum Nachteil der praktischen Aus 
bildung der Schüler viel zu sehr bevorzugt werde 
und die Schreiner, Schlosser, Lithographen und Zise 
leure überhaupt keine oder nur ungenügend ein 
gerichtete Klassen fänden. Ein Regierungskommissar 
sagte die Prüfung der Beschwerde zu und stellte 
eine Besserung in Aussicht, sobald die für die Kunst 
gewerbeschule bestimmten, noch von der Gewerbehalle 
benutzten Räume frei würden.
	        

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