Full text: Hessenland (25.1911)

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Dödengeld und die Schenkung ins Kindbett, zuletzt 
nur auf das erstere beschränkt. Tie Atzung der 
geladenen Gäste darf unter Vornehmen höchstens 
mit Konfekt, unter den Geringeren mit Käse und 
Wecken erfolgen. Die Trauerordnungen kennen 
anfangs auch die Unterscheidung von Rangklassen. 
Für eine jede wird ein bestimmtes Zeremoniell und 
eine genau geregelte Trauerkleidung festgesetzt. Es 
offenbart sich zugleich die Tendenz, das Publikum 
vor Übervorteilung zu schützen. Gegen Lustbarkeiten 
ging die fürstlich suldische Regierung ziemlich scharf 
vor. Verboten waren Tänze an Sonntagen, unter 
sagt war auch die Verabreichnug von Getränken 
oder Geld an Trinker. Die fürstliche Dienerschaft 
war vom Wirtshausbesuch völlig ausgeschlossen. Die 
Glücksspiele, auch die Klassenlotterie, untersagte man, 
nur in dem Ort Brückenau war während der Bade 
saison das Hazardspiel gestattet. Die übermäßig 
vielen Feiertage wurden, da sie vielfach dem Müßig 
gang usw. günstig waren, erheblich verringert. Das 
Fuldaer Ehegesetz von 1789 machte die Genehmigung 
einer Ehe von dem Nachweis eines Mindestvermögens 
abhängig für die Fuldaer betrug es 350 Gulden, 
für die Bewohner der übrigen suldischen Städte, 
für die Bauern und die Hinterbürger 250 Gulden. 
Auch das „moralische Betragen" und die übrige 
persönliche Beschaffenheit der Brautleute hatten die 
fürstlichen Beamten zu prüfen, bevor sie die Genehmi 
gung erteilten. Der Vortragende, der die Aufmerk 
samkeit und das Interesse der Anwesenden andauernd 
zu fesseln verstand, erntete für seine eingehenden 
Darlegungen dankbaren Beifall. Was er von den 
in zahllosen Paragraphen niedergelegten, bis ins 
kleinste gehenden Bestimmungen aus einer Zeit, wo 
die Bureaukratie noch ganz anders in den Aktenstuben 
schaltete, wie jetzt, mitteilte, mutet uns heute vielfach 
sonderbar an und wird erst, wie der Vorsitzende 
Pros. vr. Leimbach betonte, verständlich, wenn 
man sich in den Geist der Zeit zu versetzen sucht, die 
damals, vor dem durch die Revolution eingeleiteten 
Umschwung, an die Bekämpfung des Luxus von 
ganz anderen Grundsätzen ausging, als wir es heute 
tun. Im weiteren Verlauf des Abends sprach Pros, 
vr. Richter über ein päpstliches Schreiben vom 
10. Januar 1780 an den Fürstabt Heinrich von 
Bibra, das sich besorgt über einen von Mönchen des 
Klosters Fulda aufgenommenen Plan der Wieder 
vereinigung der getrennten christlichen Gemeinschaften 
in Deutschland ausspricht. Prof. vr. Richter gab bei 
dieser Gelegenheit einen Überblick über die Geschichte 
der Unionsbestrebungen und zeichnete den Hinter 
grund, von dem sich der Fuldaer Versuch abhebt. 
Die Haltung Heinrichs XIII. aus die Mahnung 
des Papstes Pius VI. ist durchaus anzuerkennen, 
er schritt energisch gegen die Geheimgesellschast ein, 
die sich zur Verfolgung der Wiedervereinigungs 
bestrebungen gebildet hatte, und damit fand das 
Unternehmen, aus falscher Grundlage ausgebaut, 
ein Ende. 
MarburgerHochschulnachrichten, vr.Ernst 
Maaß, Professor der klassischen Philologie, blickt 
in diesen Tagen aus eine 25 jährige Tätigkeit als 
ordentlicher Universitätsproseffor zurück. Dasselbe 
Jubiläum konnte der Historiker Pros. vr. Wilhelm 
Busch, der Nachfolger Varrentrapps, begehen. Pros, 
vr. Alfred Thiel in Münster übernimmt das neu 
geschaffene Extraordinariat für physikalische Chemie. 
Denkmalspflege. In dem Etat 1911 des 
Bezirksverbandes Kassel ist für Weitersührung der 
Inventarisierung der Baudenkmäler innerhalb des 
Regierungsbezirks Kassel der Betrag von 12500 Mark 
eingestellt worden und zwar 4800 Mark als Ver 
gütungen für wissenschaftliche Arbeitskräfte usw., 
700 Mark für sachliche Ausgaben bei Bearbeitung 
des Inventars und 7000 Mark für Herstellungs 
arbeiten der Veröffentlichungen der Inventarisation 
der Denkmäler des Stadt- und Landkreises Hanau. 
— Der Bezirkskonservator Geh. Regierungs-Rat 
Prof. vr. v. Drach hat seinen Wohnsitz von Marburg 
nach Kassel verlegt. Das Bureau befindet sich im 
Ständehaus. 
Seit dem Einmarsch der Deutschen in 
Paris, über den wir in unserm Jahrgang 1907, 
Seite 66 f., die Schilderung eines Augenzeugen 
brachten, waren am l. März 40 Jahre verflossen. 
Bekanntlich waren die ersten Truppen, die in Paris 
einrückten, die 1. Schwadron des 2. Hess. Husaren 
regiments Nr. 14 und das 1. Bataillon des 2. Nassau 
ischen Infanterie-Regiments Nr. 88. Den Truppen 
weit voraus ritten Rittmeister v. Colomb und Trom 
peter Jtal. Beide kletterten mit ihren Pferden über 
die im Triumphbogen ausgeworfene Barrikade. In 
einiger Entfernung folgte der 3. Zug des 2. Hess. 
Husarenregiments Nr. 14 unter Leutnant v. Bernhardt. 
Todesfall. Am 24. Februar entschlief infolge 
eines Schlaganfalles im säst vollendeten 80. Lebens 
jahre der am 14. März 1831 als Sohn des da 
maligen Bürgermeisters zu Rinteln und späteren 
Staatsrats Wilhelm Wippermann geborene Pros. 
Vr.jvr.Karl Wippermann. Er war 1858—59 
Prrvatdozent in Leipzig, stand im zweiten Versafsungs- 
kampf auf Seiten Oetkers, war 1861—72 Mit 
redakteur der „Hessischen Morgenzeitung", war 1862 
und 1863 Mitglied der Stände und später Mitglied 
des Kommunallandtages. Dann wirkte er u. a. als 
Redakteur desBrockhausschen Konversations-Lexikons, 
verfaßte auch eine ganze Anzahl hessischer Biographien
	        

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