Full text: Hessenland (25.1911)

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Von der neuen Dreschanlage in der Mühle ging 
die Rede. Die Lochmüllersche war dagegen. Aber 
ihr Junge, der nun im Jnni siebzehn wurde, drang 
darauf. Ihr seliger Mann hätte die Anlage wohl 
auch gewagt. Aber schrecklich viel Geld ginge draus. 
Es sei ja da, und die Fikewase habe auch zugeredet, 
und die Lene sei auch dafür. 
Wenn die Lene mal aus der Lochmühle ginge, 
das würden sie spüren, meinte die Lütjenbäuersche. 
Die Müllersche knüpfte an den Schürzenbändern. 
Der Bornhöser wurde unruhig und rückte den Stuhl 
seitwärts. Nun wußte der Lütjenbauer, daß er 
sich nicht geirrt hatte. Er bekam einen starken 
Hustenreiz nnd trat ans Fenster. 
„Bu is et denn kommet de Brüdigam nau?" 
frug aus einmal der Bornhöser die Lochmüllersche. 
„Wat sör'n Brüdigam?" 
„Nu do nt so' Im Winter kämm doch ut 
der Lebeuoge *') euer." 
„Achott, de Utermüller' — Nä, use Lene brütet 
ui ufm Dorpe." 
„No. ik mene, wenn't stk got anbringen kann, 
warüme ni' Ollerwegen würd Brot "ebacken." 
„Dat is je wall recht'" 
„Ik mene, et woll gären Widder in ’ne Mülle." 
„Dat is ui wahr'" 
Wie gern hätte der Bornhöser sein Mariechen 
nun auch einmal ins Licht gerückt. Ratlos sah er 
zum Lütjenbauer hinüber. „Wo is denn Inge 
Karl?" begann er vor lauter Verzweiflung, „de 
lett stk gar ni sehn." 
„De Slüngel," schimpfte die Bäuerin, „wo würd 
he sin? Im Wirtshuse. He het nau ni to Awende 
getten. 18 )" 
„Dat gleiwe ik ni," warf der Lütjenbauer trocken 
dazwischen, „de sittet up jeden Fall bi Dinem 
Mariechen." 
Der Bornhöser, sichtlich überrascht von der Wen 
dung des Gespräches, lachte breit. Obwohl er wußte, 
daß das gelogen war, freute er sich königlich über 
diesen Trumpf. 
Der Lütjenbäuerschen aber fiel es wie Schuppen 
von den Augen. Also darum war der Bornhöser 
da! Und der Alte spielte mit ihm unter einer 
Decke. Das sollte ihm übel bekommen. So eine 
Trantrine vom Bornhose, so eine Schlumper, so 
eine — — 
Der Lütjenbäuerschen ging die Lust bei dem 
Gedanken aus. Warte nur, dachte sie, und ein 
boshafter Blick traf ihren Mann. 
Der war eben emporgeschos-e.l, denn in der Abend 
dämmerung kam der Kantor zum Hofe herein. 
„Dat is je nau späder Besuch", meinte die Bäuerin. 
tu. Liebenau. gegessen. 
Zu zweit entboten sie an der Tür den Willkomm. 
Einen Augenblick stutzte der große Mann als er 
der Gäste ansichtig wurde. Dann aber fand er 
sich leicht in die Situation und begrüßte alle freund 
lich. Nach den kleinen Ferkeln fragte er und wollte 
sich ein Paar bestellen. 
Aber der Lütjenbauer rieb sich verlegen die Hände 
und wies ihn an den Vetter Bornhöser. der ihm 
das Gewünschte versprach. 
Dann kamen sie aus die Darlehnskassen. In 
Bringhosen, Steindors und Felsingen beständen sie 
schon und stifteten Segen. Die hiesige Gemeinde 
dürfe nicht zurückstehen. Der Pfarrer wäre auch 
dafür. Der Kantor setzte den Bauern die Vorteile 
lang und breit auseinander, die am Ende meinten, 
das würde wohl am besten sein, wie^s der Herr 
Kantor vorhabe. Sie wären das schon zufrieden. 
Die Lochmüllersche wie auch der Bornhöser hofften 
ein jeder für sich, nach der Erledigung dieser Sache 
würde sich der Herr Kantor wieder verziehen. Da 
hatten sie sich geirrt. Denn der Kantor wartete 
seinerseits aus ihr Weggehen. So kamen sie zu 
guterletzt wieder aus Feld und Frucht zu reden, 
wozu die Frauen nun auch wieder ihr Teil geben 
konnten. 
Eine Weile verschwand die Lütjenbäuersche, den 
Kaffee aufzugießen. Als sie wiederkehrte und Licht 
machen wollte, tat die Lochmüllersche so, als ob sie 
fortgehen müsse. Sie ließ es sich aber gern ge 
fallen, als sie die Lütjenbäuersche noch einmal auss 
Sosa drückte. Erst werde Kaffee getrunken, befahl 
sie. Nun klirrten die Tassen und Kuchen und 
Zucker wurden aufgetragen. 
Aus einmal ging die Haustür. Allgemeines 
Verwundern. Man hatte gar keinen Tritt gehört. 
Der Kantor holte tief Atem und sah vor sich. 
Die Lütjenbäuersche wollte öffnen. Sie hatte es 
nicht nötig. Ein Paar trat ihr entgegen. 
Ihr Karl stand mit Kantors Eva Hand in Hand 
im Rahmen der Tür. Wie der blühende Mai 
standen die zwei da, zögernd und stolz. Der Bursche 
in der kleidsamen grünen Jagdjoppe, das Mädchen 
im schlichten roten Kattunkleide. Und diese leuchten 
den Augen und glühenden Wangen. 
Sprachlos starrten die Anwesenden aus das Paar 
und dann von einem zum andern. Schließlich 
blieben aller Blicke aus dem Kantor hängen, der 
sich erhob. 
„Länger darf ich nun nicht säumen. Ich hoffte, 
die Eltern allein zu treffen, aber meine Sache kann 
die Zeugen wohl vertragen. — So wie sie Euch 
hier überraschten, Lütjenbäuersche, so überraschten 
sie mich heute nachmittag. Ich habe das Ver 
sprechen gegeben, ihnen hier Fürsprech zu sein. Das 
will ich denn tun. — Ja, mein lieber Lütjenhöser,
	        

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