Full text: Hessenland (25.1911)

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maß dessen aufgestellt, was an charakteristischen Schöpfungen 
der Stadt für die Nachwelt gerettet werden muß. wenn 
anders uns die Zukunft nicht für Barbaren halten soll. 
Viel schon hat Kassel an malerischen Straßenbildern und 
vornehmen, vorbildlichen Platzanlagen eingebüßt. Fortab 
sollen nun in erster Linie den Baulustigen keine Schikanen 
bereitet, sondern Hilfe gebracht werden, so durch kostenlose 
Prüfung der Bauvorlagen und durch Erteilung praktischer 
Abänderungsvorschläge. Keineswegs soll eine bestimmte 
Stilrichtung vorgeschrieben werden. Das künstlerische Zu 
sammengehen des Alten und Neuen freilich muß im Auge 
behalten werden. In erster Linie soll der südliche und 
westliche Teil der Residenz gegen belästigende Fabrikanlagen 
und entstellende Wohnbauten geschützt werden. Dadurch 
werden aber die übrigen Bezirke hoffentlich nicht nach wie 
vor vogelfrei bleiben. Gerade den Stätten, in denen die 
Arbeit zu Hause ist, den großen Quartieren, in denen der 
Ernst des Lebens wohnt und die Sorge häufig zu Gaste 
ist. den Charakter des Trostlosen zu nehmen, sollte eine 
der edelsten Aufgaben der Bauberatungsstelle sein. Gewiß 
wird etwas Idealismus imstande sein, in der Praxis die 
Lücke des Ortsstatutes auszufüllen und die Wohnstätten 
für die wirtschaftlich Schwachen nicht weniger freundlich 
zu gestalten, als es frühere Zeiten getan haben. 
Die eindringlichen Worte Holtmeyers werden hoffentlich 
auch die Kasseler Stadtverordneten überzeugt haben. An 
ihnen wird es nun sein ihrer Vaterstadt ein wirklich 
brauchbares Ortsstatut zu überliefern. Daß ein solches 
gerade für Kassel dringendstes Bedürfnis ist, dürften die 
Erfahrungen der letzten Zeit zur Genüge gezeigt haben. 
-chS-»«- — 
Aus den Traumreden des Drusellurmes 
i. 
Mich ließ auf meinem Posten stehn die Zeit. 
Wie lange schon! Mein graues Panzerkleid 
Will zu dem Prunk der Straßen und der Gaffen 
Nicht recht mehr paffen. 
Ich hör' ein Lachen, ein verwundert Fragen. 
„Was willst du, Alter, noch in unsern Tagen! 
Ans, die den Flug wir durch die Lüfte wagen, 
Kannst du nichts sagen." 
Sei's drum, und schelten sie mich Tor und Narren, 
Ich will zum Trotz auf meinem Platz beharren, 
Durch meine Tat beweisen dem Geschlechte 
Das einzig Rechte. 
II. 
Ein Streiter bin ich, Kampf hat mich geboren. 
Zeitlebens hielt ich Wache vor den Toren. 
Nach Feinden späht' ich Stund' um Stunde aus, 
And kamen sie, stand mitten ich im Strauß. 
Manch Donnerwetter stürmte auf mich ein. 
Gewichen bin ich nicht trotz Stahl und Stein. 
Ich lacht' der Flamme, ungebrochen stieg 
Ich im Triumphe stets durch Kampf und Sieg. 
Ich lieb den Tag, da Kraft mit Kraft sich mißt, 
Da Schwertgesang der Feigheit Leier frißt, 
Da deutscher Mut gedeiht und deutsches Haffen, 
Da Fremdes flieht aus wahnbetörten Gaffen. 
Ich hab' es durch Jahrhunderte erfahren^ 
Im Kampf nur mag das Echte sich bewahren. 
Heinrich von Bibra über das Rodeln. 
Im ehemaligen Fürstentum Fulda hat kein Landes 
herr soviel Eifer für die Bildung seiner Untertanen 
und die Erziehung der Jugend gezeigt wie Hein- 
Im Kampfe nur! C> hört auf meinen Rat! 
Die Hand am Schwert, gerüstet sein zur Tat! 
III. 
Wenn manchmal mich die grelle Gegenwart 
Mit ihrem Zauberglanz genug genarrt, 
Dann schließ' ich mein Visier und träum voll Wonne 
Mich in den Frühlingstag und Iugendfonne. 
G blaue Lust, durchwirkt von Taubenflug! 
Vertrauter Gaffen wunderlicher Zug! 
Du gartenstillverschwiegen Glücksgeleit 
Durch baumverborgne grüne Einsamkeit! 
Vom Wiesenhang am hohen Habichtswald 
Ein märchenhafter Klang zu Tale hallt. 
Liegt irgendwo an einem kühlen Dorn 
Ein blonder Knabe mit dem Wunderhorn. 
Ihr grauen Tore, wanderlustdurchsungen 
Von heimatfrohen frischen Kass'ler Jungen, 
Du friedeselig Abendglockenwogen 
Wie weit, ach weit, sind wir davongezogen. — 
IV 
Die Stadt liegt offen da, kein Feind mehr droht. 
In Sicherheit sich alle Bürger wiegen. 
Kein Wächterrus, kein Türmer ist mehr not. 
Der Friede hat die Mauern überstiegen. 
Doch in der Winternacht hört' ich den Sturm 
Die stillen Gassen übertoll durchsingen 
Sei stark und groß, sei Felsen, sei ein Turm! 
Es schleichen Neid und Not, dich umzubringen. 
Heinrich Berlelmann. 
rich VIII. von Bibra (1759- 1788), der nach der 
„Fuldaer Zeitung" u. a. am 3. Januar 1775 eine 
„Verordnung in betreff der niedern Schulen" erließ, 
in der sich auch folgende grade in unserm Zeitalter 
Aus aller und neuer Zeit.
	        

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