Full text: Hessenland (25.1911)

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Das Kasseler Grtsslalut gegen 
Dem Gesetz vom 15. Juli 1907 verdanken wir es, daß 
der Schutz der Heimat fortab auch amtlichen Maßregeln 
unterliegen soll. Gibt es doch auch in Hessen nicht eine 
Stadt mehr, die als unentstellt bezeichnet werden kann. 
Es genügt aber nicht, die überkommenen Schönheiten der 
Heimat zu schützen, sondern auch, die in Gegenwart und 
Zukunft notwendig werdenden Änderungen müssen im 
Sinne einer bodenständigen Kultur beeinflußt werden. 
Das diesem Zwecke dienende Kasseler Ortsstatut hat lange 
auf sich warten lassen, und die trüben Erfahrungen, die 
Kassel mit seinem Opernplatz machte, haben uns von neuem 
das Fehlen eines solchen Statuts bedauern lassen. Die 
Vorbereitungen dieses Statuts durch eine besondere 
Kommission sind jetzt beendet, und am 24. Januar be 
handelte Regierungsbaumeister 0r. vr. Holtmeyer 
der sich seit den wenigen Jahren seines Hierseins schon so 
außerordentlich um unser Hessenland verdient gemacht hat 
und der als Vertreter des Geschichtsvereins wie als Ver 
trauensmann des bei uns im Entstehen begriffenen Bundes 
„Heimatschutz" jener Kommission angehört, vor den Mit 
gliedern der städtischen Körperschaften die Hauptgesichts- 
punkte für die Beurteilung dieses Ortsstatuts. Er ging 
dabei aus von dem Tiefstand des Städtebaues in den 
letzten Jahren, bei dem an die Stelle der alten Hand 
werksübung die Fabrikation trat und Unmengen von 
Surrogaten die echten Baustoffe ersetzten. Das Hauptübel 
liegt darin, daß die Bauten mehr scheinen sollen als sic 
sind. Unser künstlerisches Gewissen ist eingeschlafen. Da 
bei mangelt unsren neuen Straßenbildern jeder Zug der 
Einheitlichkeit. Dieselben Straßenzüge, die sich im Grund 
riß durch Langeweile auszeichnen, zeigen im Aufriß ein 
beunruhigendes Durcheinander von Stilarten. Material 
verwendung und Höhenentwicklung und recht traurig 
kann einem zumute werden, denkt man daran, wie die 
Kunstgeschichte der Zukunft die Leistungen unserer Tage 
beurteilen wird. Bis zur Zeit unserer Großväter war 
alles Bauen von dem Streben nach Wahrheit in Kon 
struktion und Form eingegeben. Uns aber ist nicht nur 
die Kenntnis des Hauses, sondern auch die Liebe zum 
Hause abhanden gekommen. 
Kassel verdankt seinen Ruf der Vergangenheit. Neben 
dem Herkules und den Rembrandts gibt es hier noch eine 
dritte Sehenswürdigkeit, die den ersten beiden nichts nach 
gibt, die Altstadt. Nicht als ob die Straßen, die sich im 
Schutz und Schatten der alten Burg bildeten, durch Reich 
tum der Formen sich auszeichneten — manch kleinere Stadt 
besitzt wertvollere Stücke — aber was jene Viertel, die 
nicht geschätzt werden, weil sie nicht bekannt find, in außer 
gewöhnlichem Maße intereffant macht, ist die Einheitlich 
keit und der Umstand, daß hier die Bürgerhäuser, die von 
einem vernunftgemäßen Bauen erzählen können, noch zu 
Haufen in Reinkultur erhalten find. Ein gütiges Ge 
schick hat die Mehrzahl der Straßen vor jenen Entstellungen 
bewahrt, die die alten Viertel in den meisten Großstädten 
künstlerisch völlig entwertet haben. Besser als alle Ge- 
schichlswerke können die behäbigen Bauten erzählen von 
den Zeiten, da der Bürger in unverdorbenem Geschmacke 
sich sein Haus schuf, sich selbst zur Freude, seinen Kindern 
und Kindeskindern zum achtenswerten Erbe, der Stadt 
zur dauernden Zierde. Man vergleiche die schlichten und 
in ihrer Richtigkeit so überzeugenden Fronten unserer Alt- 
stadt, die nach vier Jahrhunderten auch den verwöhntesten 
Kunstgeschichtler restlos befriedigen, mit den unnatürlich 
aufgeputzten Fassaden der Jetztzeit, für die voraussichtlich 
schon der nächsten Architektengeneration jedes Verständnis 
geschwunden sein wird. Der Hauptunterschied zwischen den 
Verunstaltung des -Stadtbildes. 
Erzeugniffen jener geruhigen Vergangenheit und unserer 
nervösen Gegenwart besteht darin, daß die Verzierungen 
damals sparsam, aber richtig, jetzt überreichlich, aber falsch 
sind. Damals wohlüberlegte ehrliche Arbeit, jetzt unsolider 
hohler Prunk, früher Wahrheit, jetzt Schein, dort Kunst, 
hier Künstelei, Kitsch. Die Tatsache, daß die Ornamente 
an den alten Portalen, Fenstereinfassungen. Türbeschlägen, 
Balkenauskragungen in Einzelfällen mit der Zeit un 
ansehnlich geworden sind, ändert nichts au ihrem Werte. 
Diese Meisterwerke, die oft von der Hand kleiner, aber 
ganz in ihrer Kunst aufgehender Handwerker herrühren, 
zu erhalten, sollte eine der wichtigsten Aufgaben kommunaler 
Fürsorge sein. Die Bürgerhäuser unserer Altstadt, deren 
Schönheit schon der vielgereiste Merian preist, wollen nicht 
nur betrachtet werden als Erinnerungsstücke aus der Ver 
gangenheit des Gemeinwesens, die geschichtlich von Jahr 
zu Jahr wertvoller werden, sondern auch als Werke aus 
einer Blüteperiode des Städtebaus. Auch da« sollte eine 
einsichtige Stadtverwaltung nicht außer acht lassen, die 
guten alten Bauten, die niemals vor der Zerstörung durch 
Feuer sicher sind, für die Nachwelt eingehend im Bilde 
festzuhalten. Am meisten freilich wird es ihr die Zukunft 
danken, wenn sie ihr die konstruktiv so vernünftig ent 
wickelten künstlerisch so fein empfundenen Schöpfungen 
einer interessanten Kulturepoche so unentstellt wie möglich 
überliefert als Denkmäler und als Vorbilder. 
Holtmeyer untersucht dann die Frage, wie es kam, daß 
wir uns so weit entfernt haben von den Bahnen die 
unsere Altvordern so sicher und erfolgreich gegangen sind. 
Einer der ersten Gründe war die im letzten Viertel des 
verfloffenen Jahrhunderts beim rapiden Wachstum mancher 
Städte sich überstürzende Bautätigkeit. Durch die Fülle 
von fremdartigen Bauformen die Deutschland über 
schwemmten. ging der Lokalton gründlich verloren. Die 
Mehrzahl der Baumeister wurde sich dieser Unkultur nicht 
einmal recht bewußt. Lange Zeit auch bewegte sich die 
Ausbildung unserer jungen Techniker in unrechten Bahnen. 
Zudem wurde das Haus Spekulationsobjekt und Markt 
ware. Nichts wäre törichter als das Ansinnen nur die 
alten Bauten zu kopieren, denn die veränderten Lebens 
bedingungen erfordern neue Formen; aber wir sind doch 
vielleicht in der Bevorzugung fremder und künstlicher 
Materialien oft zu weit gegangen, und deshalb sind wir 
nicht aus Vorliebe für das Malerische, sondern aus Zweck- 
mäßigkeitsgründen zu den Konstruktionen mittelalterlicher 
Handwerkskunst zurückgekehrt. 
Erfreulicherweise sind die Vorschläge und Versuche, die 
von der Tradition losgelöste Baukunst unserer Städte 
wieder auf die alte Höhe zu bringen, nicht ohne Erfolg 
geblieben; Flugschriften, Veröffentlichungen, Ausstellungen, 
Preisausschreiben haben das ihre getan, wenn es auch noch 
weite Kreise gibt, die in einem alten Hause nur das Alte 
i und nicht da« Schöne, an einem neuen Hause nur das 
Neue und nicht das Häßliche sehen. Namentlich in Süd- 
deutschland wetteifern Bauherr und Baumeister. Bürger 
schaft und Behörden. Bauten zu schaffen, die die alten 
Meistergrundsätze nicht verleugnen und doch im besten 
Sinne des Wortes modern sind. Den bedauerlichen Jn- 
differentismus der Laien und Fachleute zu heben, ist nicht 
zuletzt Zweck des Gesetzes gegen die Verunstaltung der 
Ortschaften. 
Freilich befriedigt dieses im Landtag mit großer Mehr 
heit angenommene Gesetz nicht alle Wünsche der Freunde 
des Heimatschutzes. Es sieht nur einen beschränkten Schuh 
vor. Auch in Kaflel hat der Ausschuß zur Vorberatung 
de« Statuts, um alle Härten zu vermeiden, nur das Mindest
	        

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